Archiv für Februar 2007

Über sehr gefährliche und unerträglich laute Kleinkinder, die Bochumer Buchhandlung Janssen sowie Francas Ausreiseantrag

Mittwoch, 28. Februar 2007

Alle Systeme arbeiten normal. Da Heiderose, meine zuverlässige Raumpflegerin, die Teppiche mit einem Gerät pflegt, das unerträgliche Gräusche verbreitet, weigere ich mich, zuhause zu frühstücken und eile in die Dortmunder Mayersche Buchhandlung.
In deren zweiten Etage gibt es eine Niederlassung der Kette World Coffee, die nicht nur hervorragenden Java anbietet, sondern Bagels mit Turkey, Lachs und anderen Genüssen aus der kalten Küche.
Davon abgesehen, während man seinen Cappuccino genießt, kann man jungen Buchhändlerinnen zusehen, die Bestseller auspacken, auf großen Tischen verteilen bzw. ? wenn sie dort eine Weile gelegen haben – abstauben und wieder einpacken.
Das Angebot in dieser Buchhandlung an Plüschtieren, Kaffeekrügen, sowie anderen Spielwaren ist dagegen so überzeugend, dass es viele junge Mütter samt ihren Kleinkindern in die Buchhandlung ? nein, sagen wir besser in deren Café lockt.
Diese Kleinkinder scheinen über außersinnliche Wahrnehmungsfähigkeiten zu verfügen. Sie spüren jedesmal auf den ersten Blick, wie sehr ich jene Geräusche liebe, die sie stets viel zu laut absondern, um mich am Lesen zu hindern.
Kaum habe ich den ersten Schluck Java genossen, steuert eine junge Mutter mit zwei lustigen späteren Rentenzahlern auf den Tisch neben mir zu. Ich mache ihr sogleich hilfsbereit Platz. So viel Platz wie möglich.
Doch kaum habe ich mich sehr weit entfernt von diesem Tisch niedergelassen, da rücken von der anderen Seite des Cafés zwei junge Mütter auf die Sessel neben mir vor und bringen ihre Kinder in Stellung.
Ein wunderschön schrill kreischendes kleines Mädel wirft mir den Schnuller an den Kopf. Ein laut brüllender Knabe protestiert, nein, nicht gegen das Fehlen von Tageskinderstätten, sondern gegen seine Mutter, die sich weigerte, ihm einen Osterhasen aus Plüsch zu kaufen.
Nun habe ich meistens ein Buch in der Tasche, das ich selbstverständlich bei einem der wenigen Buchhändler zwischen Rhein und Ruhr erworben habe, die nicht nur die gängigen Stapeltitel anbieten.
Ich möchte während des Frühstücks lesen, aber das ist angesichts dieser Kinder wieder einmal nicht möglich.
Als eine der Mütter auch noch ihre Bluse öffnet, um ihre Brust ? nein, keineswegs mir, sondern ihrem Säugling anzubieten, flüchte ich zum Bahnhof und fahre mit dem nächsten ICE nach Bochum, wo es noch die Buchhandlung Janssen gibt, in der man sortiert.
Gewiß, die gerade angesagte Massenware gibt es auch dort, aber sie beherrscht nicht den ganzen Laden. Die Buchhändler lesen noch. Auf deren Urteil verlasse ich mich. Und wenn sie mir einen Titel empfehlen, greife ich sofort zu.
Diesmal wird mir ?german writing? von Barnd Cailloux zugeteilt. Eine vorzügliche Empfehlung. Dieser Autor arbeitet noch an seiner Prosa wie Bildhauer an ihren Marmorsäulen. Wo unsereiner sozusagen mit dem Preßlufthammer operiert, gliedert er seine Satzgefüge wie mit der Pinzette. Kein Wunder, daß er über Geldmangel klagt in seinen Geschichten vom Schriftstellerleben. Wozu gibt es denn die Aktienbörse, wo das Kapital arbeiten kann, während die Autoren gelassen durch die Welt spazieren? Shanghai hatte ich längst leer verkauft. Was zu hoch gestiegen ist, kommt stets irgendwann wieder herunter.

Von wegen Gelassenheit! Ich sitze wieder im ICE, fahre in der erfreulicherweise von lärmenden Kindern freien Ersten Klasse zurück nach Dortmund, als mein Mobiltelefon in der Hosentasche rasselt. Franca.
?Was ist denn bei Euch los?? fragt sie. ?Der Rotbuch Verlag an die Eulenspiegelleute verkauft? Da hat Vito von Eichborn doch meine ?Partitura? untergebracht. Sind das tatsächlich Leute aus der DDR??
?Nein?, sage ich. ?Der Eulenspiegel Verlag existierte zwar schon zu DDR-Zeiten, aber ist jetzt voll demokratisch abgewickelt. Der Rotbuch Verlag zieht lediglich sozusagen unter dasselbe Dach.
Oder so. In Deutschland wird dauernd vereinigt! Sogar ich vereinige mich regelmäßig mit einer meiner Freundinnen. – Übrigens, was hast Du gegen die neuen deutschen Bundesländer? Dort konnte man vorzüglich leben! Es gab Kitas und keine Arbeitslosen, und wenn man ausreisen wollte, bekam man in Bautzen oder Waldheim sogar freie Verpflegung und Unterkunft. So sehen das jedenfalls manche Eulenspiegelautoren.?
?Du mit Deiner DDR-Nostalgie?, stöhnte sie. ?Der einzig gute Ossie war bei der StaSi und hat die Staatsfeinde beschützt, damit er einen Oscar dafür bekommt.?
?Nein, Franca. Du irrst dich leider. Den Oscar hat der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck bekommen, weil er den ersten guten Ossie erfunden hat. Mein Großvater war übrigens Hüttenbaudirektor bei der Donnersmarckhütte in Hindenburg. ?
?Ist mir ziemlich egal?, zwitscherte Franca. ?Deswegen habe ich Dich keinesfalls angerufen. Ich bin erstens Italienerin und zweitens Amerikanerin. Ich lasse meinen Roman nicht einfach an einen fremden Verlag verkaufen. Die Leibeigenschaft ist doch auch bei Euch abgeschafft??
?Nun ja?, sagte ich zögernd. ?Für Bücher nicht. Wenn Du in einem Verlag veröffentlichst, der verkauft wird, wirst Du mit verkauft. Sozusagen verraten und verkauft. So steht es jedenfalls im Verlagsrecht.?
?Und dass man aus der DDR nicht ausreisen durfte… Stand das auch im Verlagsrecht??
?Nein. Das war DDR-Recht. Das ist inzwischen weitgehend abgeschafft.?
?Sehr gut?, sagte sie, und ihre Stimme klang endlich wieder so glücklich wie meistens. ?Dann rufst Du bitte sofort meinen Agenten an und sagst dem Vito von Eichborn, er soll bei den Eulenspiegel Leuten für mich einen Ausreiseantrag stellen.?

Über Namensverwechselungen sowie meinen genialen Bochumer Kollegen Wolfgang Welt

Freitag, 23. Februar 2007

Gestern ist es wieder einmal passiert. ?Bist Du 1943 geboren?? fragte Ulrike skeptisch. ?Das glaube ich nicht. Du siehst doch wie vierzig aus.?
?Wie sechsundvierzig?, berichtige ich sie, bescheiden, wie ich bekanntlich bin.
?Hm?, sagt sie nachdenklich. ?Und dass Du für das Niedersächsische Kultusministerium tätig bist, hast Du mir auch verschwiegen. Nennst Du das etwa Liebe??
?Durchaus nicht. Ich bin weder in Niedersachsen zu Hause, noch in dessen Kultusministerium.?
?Lüge doch nicht. ?Ich sehe es doch vor mir auf dem Bildschirm. Guck doch mal auf die Website www. buchhaus.ch.?
Ich lade die website, sehe, dass Ulrike wie stets die Wahrheit sagt. Wieder eine der typischen Verwechslungen, deren Opfer ich regelmäßig werde und die ich so oft korrigieren muß, dass ich kaum noch zum Schreiben komme. Diesmal hat der Schweizer Buchhändler eine unzutreffende Behauptung von KNV übernommen. Sowas wird erfreulicherweise stets schnell korrigiert.
Das fing schon in den 60er Jahren an, als ich in Konkret eine sehr gute Story las, die ich leider nicht geschrieben hatte. Es gab, damals in Berlin, einen Autor, der gleichfalls Wolfgang Körner heißt. Da auch ich weiter für Konkret schreiben wollte, gab es dort jetzt sozusagen, nein, kein Doppelkorn, sondern Doppelkörner. Röhl hatte die geniale Idee, jeweils den Wohnort des Autors hinter dessen Namen zu setzen. Problem gelöst? Von wegen!
Ich hatte bereits im gefürchteten Recklinghäuser Georg Bitter Verlag meinen ersten Roman ?Versetzung? veröffentlicht. Klaus Rainer Röhl wußte, daß der Berliner Kollege sein erstes Buch für Suhrkamp vorbereitete. Hans J. Gelberg, damals Lektor in Recklinghausen, rief in Frankfurt an. Bei Suhrkamp, so sagte er mir, wisse man um diese Namensgleichheit und würde dem Autor ein J spendieren. So erschienen ?Normalfälle? unter Wolfgang J. Körner.
Ein paar Monate später, 1975, bekam ich in meinem Stammlokal keine Pasta mehr, sondern wurde des Ortes verwiesen. ?Ich will mit Linken nix zu tun haben?, knurrte der Gastwirt und hielt mir die Illustrierte ?Quick? unter die Nase. Schwarz auf weiß stand dort, dass Angehörige der Baader-Meinhof-Gruppe in meiner Wohnung getagt hätte.
Das mochte so gewesen sein, aber in meiner Wohnung war das nicht. Also Anruf bei der DPA, wo Peter Engel das Problem erkannte und über den Ticker auf die Verwechslungsgefahr hinwies. Aber lesen Buchhändler und Polizisten den DPA-Ticker?
Ich konnte eine Zeitlang alle Türen meiner Wohnung offen lassen, denn das Haus, in dem ich lebe, wurde sorgfältig bewacht. Inzwischen hatte ich bei Karl Rauch meinen zweiten Roman veröffentlicht.
J. Wolfgang Körner hatte seinen Roman ?Krautgärten? bei Luchterhand untergebracht, sich vom J. getrennt und sich für den schönen zweiten Vornamen Hermann entschieden. Er veröffentlicht immer noch unter Wolfgang Hermann Körner.
So lustig das war, es hatte auch Vorteile. Der Sylter Buchhändlerin Charlotte Franck gefielen die Krautgärten so gut, daß sie mich zum Abendessen einlud und nur sehr gekränkt war, weil ich aus Krautgärten nicht in ihrer Buchhandlung vorlesen wollte.
Danach fand ich mich mit der Existenz meines inzwischen in eine Gegend mit besserem Wein umgezogenen Kollegen ab. Ich lese regelmäßig seine Bücher, und als wir uns in Frankfurt während der Buchmesse trafen, verstanden wir uns auf Anhieb.
Namen, ja, sind doch letztlich Schall und Rauch. In Amerika werde ich oft gefragt, ob ich mit dem Jazzmusiker Alexis Korner verwandt wäre, und ich nicke ebenso wie in Kanada, wo ein berühmter Politiker Wolfgang Körner heißt.
Nur wenn man vorsichtig fragt, ob ?Lützows verwegene Jagd? aus der Gänsefeder eines meiner Vorfahren stammt, schüttle ich sehr entschieden den Kopf. Aber was sind schon Namen?
Einer der großen Mayers (oder Meiers) muß sich wohl so über Mayers Konservationslexikon geärgert haben, dass er nur unter dem Anagram Amery veröffentlichte. Ich habe gelernt, das zu genießen.
Seit ich in Alutgama zum Buddhismus fand, erinnert mich jede Verwechslung an die Fragwürdigkeit eines menschlichen ?Ich?. Solange meine Honorare nicht an einen meiner Namensvetter überwiesen werden, kann ich gut damit leben.
Wie muß sich erst der Bochumer Autor Wolfgang Welt fühlen, mit dem ich regelmäßig im Restaurant ?Tucholsky? Cappuccino trinke? Ob er dauernd gefragt wird, ob er den Weltatlas sowie die Weltkarte und das Weltall erfunden hat?
Überhaupt, Wolfgang Welt! Vor unendlicher Zeit erschien im Hamburger Konkret Verlag sein Roman ?Peggy Sue? ? und ging sang- und klanglos unter. Ein Jahrzehnt später veröffentlichte ein Extra dafür gegründeter Kleinverlag den Text erneut, wo er erneut auf dem Buchmarkt unterging wie eine bleierne Ente. Aber DER SPIEGEL lobte den direkten Text. Der Heyne Taschenbuch Verlag veröffentlichte ihn zum drittenmal und gab dem Freund einen Honorarvorschuß für einen zweiten Roman.
Auch dieser wurde von Heyne veröffentlicht ? zum selben Zeitpunkt, als der erste Roman in den Ramschkisten lag. Nun aber ? sollte es so etwas wie Gerechtigkeit geben? ? sind beide Romane unter dem Titel ?Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe?, bereichert um einige kürzere Texte, als Suhrkamp Taschenbuch veröffentlicht.
Was heißt schon, Qualität eines Textes? ? Die Aura und das Ansehen eines Verlags sind es, die noch immer über das Schicksal eines Buches entscheiden. Hosianna, jetzt wo Suhrkamp drauf steht, ist Suhrkamp drin, rezensieren endlich die Feuilletons, bekommt der Freund ein Arbeitsstipendium und ist endlich dort, wo er immer hinwollte. Sogar Vanity Fair, Deutschlands hochglänzendes Magazin, bereitet dem Vernehmen nach eine Story über ihn vor. Wolfgang zwischen Prada und Versace!
Ich gönne dem liebenswürdigen Kollegen seinen späten Erfolg, auch wenn er in seinem autobiografischen Text behauptet, er hätte bei mir ein langweiliges Porno Video gesehen. Nein, das stimmt nicht! Ich habe noch nie ein langweiliges Porno Video aus den USA mitgebracht.
Und dass ich eine Szene für die Fernsehserie ?Büro, Büro? nur geschrieben hätte, um Iris Berben einmal nackt unter der Dusche zu sehen, stimmt auch nicht. Kann nicht stimmen, denn ob sich eine Schauspielerin ausziehen darf oder nicht, entscheidet noch immer der Regisseur eines jeden Films.
Aber wenn ich die Hilferufe Wolfgangs gehört hätte, als man ihn in die Psychiatrie verfrachtete ? ich wäre sofort nach Bochum gerast und hätte einen Psychiater mitgenommen, um ihn dort rauszuholen. Erfreulicherweise blieb er trotzdem nicht lange in der Anstalt. Ich kann nur sagen: Kauft seinen Roman! ?Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe? ist eine feine Chronik der Jahre, die wir erlebt haben ? und auch die Geschichte eines Autors, den die Zustände im Kulturbetrieb in die Klapsmühle brachten. Die Qualität eines Buches hängt offenbar noch immer entscheidend davon ab, welcher Verlag es veröffentlicht. Manchmal klappt das eben erst beim vierten Versuch. “Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt”, läßt Friedrich Schiller den Grafen Isolan begrüßen. “Der weite Weg entschuldigt Euer Säumen.” Nicht schlecht! Dieser Graf scheint in der deutschen Verlagsszene unterwegs gewesen zu sein.

Über Parkgebühren, die Globalisierung sowie die Wunder menschlicher Beziehungen

Mittwoch, 21. Februar 2007

Rückflug aus Rom. Da auch in Dortmund die gemütlichen kleinen Bäckereien nahezu sämtlich von industriellen Großbetrieben aus dem Markt gedrängt wurden, deren Produkte so schmecken, als wären sie aus Plastik, kaufe ich kurz vor der Abreise aus Rom im Café Nori noch dreißig cornetti, um auch die nächsten zehn Tage morgens um elf, wenn wir frühstücken, noch das unvergleichlich köstliche Gebäck Italiens genießen zu können.
Zwei Stunden später liftet mich das Flugzeug über die Alpen, landet dann auf dem Flugplatz in Dortmund, wo ich sofort zum Geldautomaten eilen muß, um mich für die unerbittlichen Folgen meines Leichtsinns zu wappnen.
Auch hier übersteigt die Miete für einen unbewachten Autoparkplatz die Kosten für ein Luxusappartment in der City. Die Parkgebühren sind nahezu doppelt so hoch, wie der Preis des Flugscheins. Kein Wunder, dass der Airbus-Hersteller Arbeitsplätze vernichten muß. Die Flugzeugwerke wären besser dran, wenn sie Parkplätze produzierten.
Der Parkgebührenautomat verschlingt gierig meine Euroscheine. Ich fahre zu meiner Wohnung, steige die Treppen hinauf. Vor der Wohnungstür ein Berg Post. Jede Menge Bücher und Zeitschriften. Rechnungen und Abrechnungen. Ein Jammer, dass es noch nicht möglich ist, für mich bestimmte Rechnungen an einen meiner Verlage senden und von diesen bezahlen zu lassen. So setze ich mich nach jeder Reise zuerst an den Rechner, fülle Vordrucke aus und jongliere mit PINs und TANs.
Vielleicht ist der Mensch nicht nur die kürzeste Verbundung zwischen Freßnapf und Abfallkübel, wie Jakow Lind mal behauptete, sondern der Strich zwischen Soll und Haben.
Irgendwann ist genug Geld umgeschichtet. Ich trenne die Internetverbindung zu meiner Bank. Der Kühlschrank ist nach der Reise leer. Also muß ich in den Supermarkt: ein Ort, vor dem mir inzwischen mehr graut als vor jedem Friedhof zur Geisterstunde.
Wie meistens steht eine lange Menschenschlange vor der Frau an der Ladenkasse. Die Kassiererin wirkt ? wer kann es ihr verdenken ? unendlich müde. Vermutlich schafft auch sie es nur mit Hilfe von starken Beruhigungsmitteln, mit Großmüttern zu kämpfen, die ihre cent so langsam wie möglich aus der Geldbörse klammern, weil der Kontakt mit der Kassiererin der einzige menschliche ist, den ihnen das Leben noch bietet. Der Supermarktbesitzer steht vor einem Regal und sortiert Konserven.
Weshalb nur eine Kasse geöffnet sei und die anderen beiden unbesetzt, frage ich ihn, und er sieht mich mitleidig an. ?Wegen der hohen Löhne. Wenn ich mich nicht dem globalen Wettbewerb stelle, muß ich meinen Laden über kurz oder lang schließen?.
Ich nicke. In Srilanka oder Bangladesh verdient eine Supermarktkassiererin wesentlich weniger als hierzulande. Vielleicht wäre es sinnvoll, künftig nur noch dort im Supermarkt einzukaufen. Im Hinblick auf die geringen Kosten für Auslandsflüge könnte man auf diese Weise sogar eine Menge Geld sparen. Wenn nur die Parkgebühren am Flufhafen niedriger wären. Seltsam, diese sogenannte Globalisierung. Ob ich mein Logbuch outsource und in Asien führen lassen sollte?
Nach zwanzig Minuten kann ich endlich den Lachs bezahlen und das Weißbrot, eine Dose Kaffee sowie jede Menge Obst. Ich wuchte die Pastiktüten die Treppe hinauf, will gerade in die Küche, als das Telefon klingelt. Sogar die Telefonklingel läutet verzweifelt. Ich nehme den Hörer ab und Julia, eine meiner zuverlässigen Freundin, die nichts dafür kann, daß sie den Namen der Heldin eines Frauenromans durch das Leben tragen muß, schluchzt.
?Mein Liebster, der Markus?, sagt sie, ?hat mich gestern nach einem langen Gespräch knall auf Fall verlassen.?
?Das ist ein Widerspruch?, erkläre ich ihr. ?Entweder nach einem langen Gespräch oder Knall auf Fall? Du solltest dich entscheiden. Kierkegard. Entweder oder.?
?Nach einem langen Gespräch?, flüstert sie leise. ?Er wollte, daß ich mich von sämtlichen meiner Freunde trenne und nur noch für ihn da bin. Meist du, ich kann mich darauf einlassen??
Ich zögere, bevor ich antworte. ?Ziemlich verdächtig. Will er denn nur für Dich leben??
?Quatsch?, sagt Julia wütend. ?Markus ist verheiratet und hat zwei Kinder. Der kann gar nicht nur für mich da sein. Abgesehen davon, ich war nicht unglücklich, wenn er sich nach dem Frühstück die Zähne putzte und danach aus meiner Wohnung verschwand. Mir genügt das. Aber er…?
?Na und?? unterbreche ich. ?Wo liegt dann das Problem? Was der HERR aus guten Gründen getrennt hat, soll der Mensch nicht auf Dauer zusammenfügen wollen. Wenn zwei Menschen unterschiedliche Vorstellungen haben, passen sie vermutlich nicht zusammen. Hast du schon mal an diese Möglichkeit gedacht??
? Mal wieder typisch für dich?, schreit Julia. ?Das Gespräch mit dir war wie stets ungemein hilfreich.? Dann höre ich nur noch das Besetztzeichen.Ich lege den Telefonhörer nachdenklich zurück auf die Gabel und greife in die große Kiste, in der jenes Buch darauf wartet, an Freunde in Beziehungs- und Ehekriesen verschenkt zu werden, weil es ihnen das Gehirn lüften kann wie kaum ein anderes: ?Michael Mary, ?Fünf Lügen, die Liebe betreffend?. 2001 als Taschenbuch bei Bastei-Lübbe veröffentlicht.
Von wegen ?Guter Rat ist teuer?! Diese ausgezeichnete Analyse des Lötens an verrotteten Beziehungskisten kostet lächerliche 7,90 Euro. (Wenn es in Srilanka globalisiert auf Palmblätter gedruckt wäre, kostete es natürlich erheblich weniger, doch soweit ist die Branche leider nocht nicht.)

Über eine wunderbare Buchhandlung, eine echte Mumie sowie einen amerikanischen Roman

Montag, 19. Februar 2007

Alle Systeme arbeiten korrekt. Gestern in Venezia den Vorrat an Vitamin C, Melatonin sowie in Italia unverschämt teurem Nikotinkaugummi aufgestockt. Danach lange Gespräche über Francas drittes Manuskript. Da ein gewissenhafter Übersetzer alles nachprüft, weil er, wie Großmeister Helmut Markwort, ständig ?Fakten, Fakten, Fakten? murmelt, wenn er ein Manuskipt ins Deutsche überträgt, bezweifelte er, dass es in Vendig nicht nur die amerikanischen, gut geschminkten Mumien im Teeroom des Hotels Gritti gibt, sondern auch echte, wirkliche, nicht mehrfach geliftete, sondern echt einbalsamierte aus der Zeit der Pharaonen.
Oh, blame on me! Selbstverständlich hatte Franca einmal mehr recht. Sie verfrachtete mich in einen Vaporetto. Derselbe knatterte über eine Insel. Sie schleppte mich in ein Kloster, wo Mönche aus Armenien jede Menge Geschenke aus aller Welt aufbewahrten, und dort gab es tatsächlich eine zweitausend Jahre alte eingewickelte tote Person unbestimmten Geschlechts, die auf ihre Auferstehung wartete. Wieder ein Fakt, der als gesichert abgehakt werden konnte. Also zurück zur Piazza. Umsteigen in eines der schönen schnellen Motoscafi, das uns zum Flughafen brachte. Flug nach Rom. Die riesige internationale Buchhandlung am Bahnhof Centrale hatte noch geöffnet. Wunderbar, dieses Geschäft, angesichts dessen jeder deutschen Großbuchhandlung nur die Schamröte ins Gesicht steigen würde, hätten deutsche Großbuchhandlungen noch ein Gesicht und wären sie nicht nur Umschlagstellen des soeben angesagten aus jenen deutschen Großverlagen, die auch nur das gerade Angesagte aus der Heimast der Tapferen GIs höchst nachlässig und mög-lichst billig übersetzen lassen und sozusagen hydraulisch in den Markt pressen.

Optimistisch erwirbt der einzig wahre Übersetzer Jay McInerneys ?The Good Life?. Höchst gebildet, und altmodisch, wie er nun einmal ist, kann er sich über einen gelungenen Roman noch freuen wie jedes sechs Jahre alte Kind über eine Porno DVD. Neugierig eilt er ins Hotel Centrale, wirft sich auf das breite Bett und fängt an zu lesen, während Franca ihre abendlichen, mindestens eine Stunde währenden kultischen Handlungen im Badezimmer vollzieht. Ja, neugierig ist er. Will wissen, was aus dem ehrgeizigen jungen Lektor und seiner Frau geworden ist, der sich in ?Brightness Falls? bei dem Versuch überhob, die Kontrolle über ein amerikanisches Verlagshaus zu erkämpfen. Ja, auch diese Ehe scheiterte am Größenwahn der 80er Jahre. Doch für ?The Good Life? hat der Autor die beiden versöhnt. Sie leben wieder, inzwischen mit mißratener Tochter, in Manhattan. Diese Tochter, es sei gepriesen, verdankt das Leben einer Ovulaspende der Schwester der Ehefrau und ist, wohl nicht nur deshalb, sondern auch wegen ihrer Vorliebe für schlechte Drogen und pubetrierende brave, erheblich verwildert. Was für ein Thema, freut sich der Übersetzer, McInerney hat ein Ei vom Altmeister Updike gespendet bekommen. Doch was ein feines Spätwerk vom Altmeister Updike hätte werden können, wird ein Opfer des 911 ?Phänomens. Corinne, die Ehefrau des erfolglosen Verlags- Hijackers, leistet Charity Dienste für die Feuerwehrmänner. Sie schmiert Butterbrote und kocht Kaffee für die Männer, die in den Trümmern des WTC nach arabischen Reisepässen suchen müssen. Sie verliebt sich in einen der tapferen Helfer. Von Asbest allein kann der Mensch nun einmal nicht leben, er braucht auch Butterbrote, Kaffee und jede Menge Liebe. Die bekommt der, selbstverständlich auch verheiratete Ehebrecher. Irgendwann kommt Franca La Permezza aus dem Bad. ?McInerney meets Updike?, flüstert der Übersetzer, und legt einmal mehr einen hoch gepriesenen Bestseller aus den USA erschüttert auf den Nachttisch.