Archiv für März 2007

Über Hartz IV, Bettler in den Innenstädten, Buchandlungen in Dublin, den neuen Krimi von Patricia Cornwell sowie die Unvernunft deutscher Buchverleger

Samstag, 31. März 2007

Zuerst die schlechte Nachricht: die nach einem sinnenfrohen VW- Vorstand benannte Reduzierung deutscher Sozialleistungen funktioniert. Die gute Nachricht: die Betroffenen werden kreativ und reformieren die alte Kunst des Bettelns.
Zugegeben, das einfallslose Bettlerproletariat bettelt noch immer mit Methoden aus der frühen Steinzeit. Dessen Angehörige wandern durch die Städte, halten den Passanten ihren Pappbecher unter die Nase und bitten um Kleingeld. Doch diese Technik stirbt allmählich aus.
Der moderne Bettler ist stationär. Er setzt sich in einer Einkaufsstraße auf das Pflaster. In noch katholisch geprägten Gegenden hat er oder sie einen Papp- oder Blechkasten vor sich stehen, in dem das Bild einer Madonna oder eines Heiligen still zu milden Gaben auffordert.
Muslime sind hier im Nachteil. In ihrer Religion gibt es keine Heiligen. Bilder von ihnen schon gar nicht. Muslime knien auf dem Pflaster, haben einen Pappbecher vor sich stehen und recken dem Passanten ihre bittend aufeinander gelegten Hände entgegen.
Die bosnische Methode des einzig wahren Kniefalls – Kopf Richtung Saudi-Arabien, das Gesäß hoch zum Himmel gestreckt – wird nur noch selten angewendet. Sie schädigt auf Dauer die Gelenke.
Am erfolgreichsten sind derzeit Jugendliche, die eine Decke auf dem Pflaster ausbreiten, sich darauf aber nicht allein niederlassen, sondern mit einer Hündin und deren Welpen.
Die meisten Leute lieben Hunde nun einmal entschieden mehr als Menschen. Auch ich verteile hier die meisten Almosen.
Von meiner Gewohnheit, diesen Bettlern Hundefutter aus dem Supermarkt zu schenken, mußte ich leider abkommen, nachdem mich eine Witwenrentnerin darauf aufmerksam machte, daß ich ihr das Essen weggkaufe, da sie sich seit Harz IV vorwiegend von Chappi ernährt. Seither gibt es von mir nur noch Bargeld.

Abgesehen davon, zehn Dosen Hundefutter sind nicht leicht zu tragen. Vermutlich habe ich mir bei deren Transport einen leichten Anfall von Ischias zugezogen, der mich veranlaßte, nach Dublin zu fliegen.
Dort gibt es in 55 Grafton Street das Zentrum für traditionelle Chinesische Medizin, in dem Könner arbeiten. Ein kurzer Ruck, ein Schrei, ein sanfter Druck, ein leises Stöhnen ? schon kroch der Schmerz nicht mehr aus meinem Gesäß Richtung Knie.
Auf der Parnell Street feierte ich den Erfolg des Chinesen mit einem Glas Guinness und einer großen Portion Codfish. Dann gelüstete es mir nach geistiger Nahrung.
Da es in Ire keine Preisbindung für Bücher mehr gibt, werden die gerade angesagten Werke der bestselling authors zwar wie bei uns in riesigen Stapeln angeboten, doch wer zwei dieser Taschenbücher kauft, bekommt das dritte kostenlos.
In den Niederlassungen der großen Buchhandelsketten steigert man auf diese Weise den Umsatz, was hierzulande nicht möglich ist, solange es die Preisbindung gibt.
Mich interessieren allerdings weniger die bestselling, sondern die bestwriting authors. In der großen Buchhandlung Chapters, nach wie vor in der Parnell Street, hält man die von den Verlagen empfohlenen Verkaufspreise offensichtlich auch für einen guten Witz.
Die hervorragende Orson Welles Biografie von Peter Conrad, empfohlener Preis 29 British Pound, gibt es in der gebundenen Ausgabe für 12,99 Euro. Gut, von diesem Titel ist inzwischen eine Taschenbuchausgabe erschienen.
Doch auch die brandneue Patricia Cornwell, At Risk, vorgeschlagener Ladenpreis 16,90 Euro, wird für 4,99 Euro angeboten. Da kann ich nicht widerstehen, nehme das Taschen-buch mit.
Einhunderteinundachtig Seiten, gerade richtig für den eineinhalbstündigen Rückflug, und als ich mich im Airbus darüber her mache, bin ich verblüfft.
Keine Spur von der Klaustrophobie der Kay Scarpetta Romane! Ein beeindruckend geschriebener Kriminalroman, an dessen Anfang eine widerliche Staatsanwältin an ihr Bett gefesselt wird, was nie falsch sein dürfte, sowie ein erheblich unterbezahlter Polizist auf eigene Faust einen Mord aufklärt, der sich vor zwanzig Jahren ereignete. Ja, damals gab es noch keine DNA -Analysen, und damit kennt sich die ehemalige Gerichtsmedizinerin Cornwell nun einmal am besten aus. Wie mit dem ärmlichen Leben der amerikanischen Polizisten.
Cornwells Held Win kann sich seine Armani-Anzüge nur aus dem Secondhand Shop leisten. Dieser Krimi ist handwerklich gelungen. Derart gute Arbeit regt immer an, ihr nachzueifern. Warum nicht einmal den Massenmord an den kleinen und mittelgroßen Buchhandlungen aufklären?

Ja, wir haben in Deutschland für Bücher gebundene Ladenpreise. Sie sollen, das sagt man uns jedenfalls immer, die literarische Vielfalt und den Fortbestand mittelgroßer und kleiner Buchhandlungen ermöglichen. Aber tut der gebundene Ladenpreis das?
Gewiß nicht, wenn er zwar für die Buchhändler gilt, unsere Verlage jedoch den Großbuchhändlern horrende Rabatte gewähren, die zwar ? dem steht die Preisbindung im Wege – nicht zu niedrigeren Preisen für den Leser führen, den Großbuchhändlern aber jenen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen, der sie unermüdlich expandieren läßt. Im Einkauf liegt bekanntlich der Segen.
Der mittelgroße Buchhändler bekommt für seine 3 Exemplare eines Titels um die 40% Rabatt.
Die große Buchhandelskette kauft unter mindestens 50% vielfach nicht mehr ein, und nach oben ist bei vielen Verlagen der Rabatthimmel offen.
Mit Jahresumsatzpauschalen, Werbekostenzuschüssen, Aktionspauschalen und Schaufenstersonderzuschüssen und anderen heimlichen Preissenkungen kauft die Kette praktisch meist mit 65% Rabatt ein.
Preisbindung hin, Preisbindung her ? durch die ausgewiesenen und versteckten Mengenrabatte, die sie den großen Buchhandelsketten gewähren, begünstigen Verlage diese Großeinzelhändler. In immer mehr Städten haben sie bereits ein Monopol.
Da ist es kein Wunder, daß Buchhandelsketten inzwischen die Konditionen bestimmen und für Verlage noch ungünstigere Bezugsbedingungen durchsetzen können.
Gewiß, jeder Verlag will so viel Umsatz wie möglich erwirtschaften. Aber auch ein Verlag lebt nicht von Umsätzen, sondern vom Gewinn.
Wie sagte doch ein weiser alter Indianer? Erst wenn es hierzulande nur noch eine einzige Buchhandelskette gibt, werden die Verlagsmanager merken, daß man Umsätze nicht essen kann. Ein neuer Fall für Kay Scarpetta? ? Nein, eher für die Verlegerverbände. Sonst müssen sich auch die ehemaligen Mitarbeiter der mittelgroßen und kleinen Verlage bald nach einer Wolldecke, einer Hündin und einigen Welpen umsehen.
Kein Wort gegen die Preisbindung. Aber mit Großmengenrabatten und einer Vielzahl versteckter Boni wie einem Fixum für Regalflächen, Sondertische sowie dem Remittenden-Verhinderungs-Bonus usw. schaufeln sich die Buchverlage ihr eigenes Grab.

Über zwei erfolgreiche Ärzte, das Maria-Hilf-Hospital sowie deren Geschäftsmodelle ? Heute nur ein Medizin Blog

Samstag, 24. März 2007

Per Fleurop bekomme ich einen großen Blumenstrauß, gelbe Rosen und (vermutlich) Nieswurz, mit dem sich Doris dafür bedankt, daß ich ihr vor drei Wochen die Einweisung in ein Krankenhaus ersparte.
?Mir geht es sehr schlecht?, klagte sie damals im Café, als sie kaum sitzen konnte, was bei ihr keinesfalls auf heisse Sadomaso-Spiele zurückzuführen sein konnte. Nein, sie litte seit Wochen an einem Ekzem, das ihre Sitzfläche so rot wie die eines Pavians aussehen lasse.
Ihre Hautärztin habe, so sagte sie aufgeregt, sämtliche möglichen Allergie-Tests mit ihr veranstaltet und wisse nicht mehr weiter. Es müsse sich um eine Auto-Immunkrankheit handeln, die zunächst mit einer Darmspiegelung abgeklärt werden müsse.
Nun kenne ich Doris und ihr Streben nach größtmöglicher Reinheit. Sie gibt niemandem die Hand. Sie säubert im Restaurant Messer und Gabel mit einem Sanitärtuch. Sie faßt jede Türklinke, nein, nicht mit Messer und Gabel, sondern mit einem Zellstofftuch an. Nur ihren Mann faßt sie ohne Handschuhe an. Behauptet sie jedenfalls.
?Nun ja?, sagte ich taktvoll. ?Darüber spricht man zwar nicht, aber betrachte mich sozusagen als Deinen Arzt. – Womit reinigst Du nach dem politisch korrekten Stuhlgang dein Hinterteil??
?Natürlich mit einem Feuchti?, sagte sie errötend. ?Das mache ich seit Jahren so.?
?Sehr schön und sehr sauber?, sagte ich. ?Das machst du ab jetzt anders! Entweder nimmst Du einen trockenen Bestseller (zum Beispiel einen Roman von Fred Vargas) mit ins kleinste Zimmer eures Hauses und bringst ihn dort nach und nach hinter dich, oder du entscheidest dich für eine Rolle Hakle. Steh auf und wandele! In spätestens vierzehn Tagen bist du geheilt.?
Das wurde sie auch. Auf einer Postkarte, die aus dem Blumenstrauß herausragte, teilte sie mit, daß ihr Ekzem nach wenigen Tagen verschwunden war.
Ja, bei all meiner Bescheidenheit, die Gesundheitsreform zwingt mich, ein immer besserer Geisterheiler zu werden. Noch eine Fallgeschichte? Aber ja doch!

Mein Freund Klaus klagte seit Monaten über ständige Müdigkeit und körperliche Schwäche, die ich auf seinen Schlaftrunk (eine Flasche Chablis) zurückführte, mit dem er das Ende der meisten Tage bei Klassischer Musik (meist Tschaikowski, nicht mein Fall) zu feiern pflegte. Von vierzehn Tage konnte ich ihn plötzlich eine Woche lang nicht erreichen.
Vermutlich Thailand, dachte ich. Klaus wird prüfen wollen, ob Houellebecq gründlich recherchiert hat. Der Gedanke an Chiang Mai machte mich ziemlich neidisch. Ich war drauf und dran, seinem Beispiel zu folgen, doch dann meldete er sich zurück.
?Haben die Frauen in Thailand endlich längere Beine?? erkundigte ich mich sexistisch.
?Keine Ahnung! Im Krankenhaus waren nur Schwestern aus Korea.?
“Auch meistens viel zu kurz”, sagte ich traurig.
Da ich regelmäßig hören muss, ich postete zu lang, werde ich mich jetzt kurz fassen. So kurz wie die Beine der meisten Frauen in Chiang Mai.
Von wegen Thailand! Klaus war in der Sauna umgekippt, hatte sich den Kopf aufgeschlagen und war von den Sanitätern ins Maria-Hilf-Hospital eingeliefert worden, wo man ihn eine Woche lang untersucht hatte.
?Und was haben die Ärzte gefunden??
?Nichts. Ich muß in vierzehn Tagen nochmal dort hin. Eine Kathederuntersuchung.?
Nun berichten mir meine Freundinnen und Freunde grundsätzlich, welche Medikamente sie einnehmen. Schon aus Selbstschutz.
Klaus schluckte nach einem leichten Hinterwandinfarkt Bludrucksenker, Statine sowie einen Betablocker. Vermutlich zur Abschaffung seiner Potenz. Meine Diagnose erfolgte wie stets ohne jedes Gerät mit Sir Ockhams Rasiermesser.
?Nimmst Du immer noch jeden Tag deine drei Medikamente, die man dir vor fünf Jahren nach dem Infarkt verschrieben hat??
Er nickte. ?Meine Ärztin gibt mir alle sechs Wochen ein neues Rezept dafür.?
?Ärzte, Schmärzte?, sagte ich. ?Du begibst dich so schnell wie möglich zu einem anderen Kardiologen, der dir vermutlich aus Prinzip gestatten wird, nur die Hälfte der bisherigen Dosis zu schlucken. Man muß den Arzt von Zeit wechseln, damit einer die Fehler des anderen korrigiert. Das sieht unser Gesundheitssystem so vor.?
Wie ich vermutet hatte, verringerte der andere Kardiologe (schon aus Selbstachtung) die Menge des chemischen Cocktails. Seither läuft Klaus bereits am frühen Morgen, um halb zehn, hellwach durch den Sachsenwald. Keine Spur mehr von Müdigkeit oder Schwäche, obwohl er nach wie vor abends Tschaikowski hört. Neuerdings nicht mehr allein, sondern mit Karin. (Kampf den Betablockern! Besser tot als impotent!)
Zugegeben, ein weniger sensibler Leser könnte daraus folgern, die Hälfte der deutschen Ärzte wäre unfähig, und das Problem bestehe vor allem darin, dass man meist erst nachher bemerke, zu welcher Hälfte ein Mediziner gehöre. Diese Annahme wäre erheblich verkürzt.
Ich weiß inzwischen, dass Doris für die Allergie-Tests 1200 Euro bezahlen mußte. Der einwöchtige Krankenhausaufenthalt wurde mit 3600 Euro vergleichsweise günstig berechnet.
Facit: Sowohl die Dermatologin als auch das Krankenhaus haben wirtschaftlich vorbildlich gehandelt. Wenn die Hautärztin gefragt hätte, auf welche Weise Doris ihren Hinterausgang reinigt, wenn die Kardiologin geprüft hätte, ob die nach einem Infarkt verordneten Medikamente fünf Jahre später noch in der damals vermutlich gebotenen Dosis erforderlich sind, hätten beide zweifellos weniger Umsatz erzielt. Wollen wir, dass unsere Ärzte uns auf der Straße anbetteln müssen? Standesgemäß mit dem Spruch: “Ey, Alter, haste mal tausend Euro?” – Natürlich wollen wir das nicht.
Überflüssig, es zu erwähnen: beide Patienten sind wie ich privat krankenversichert. Von uns kassieren die Ärzte und Kliniken, was die Gesetzlichen Krankenversicherungen nicht mehr hergeben. Wir Privatpatienten leben zweifellos gefährlich. Aber jeder muß irgend ein Opfer bringen.
Nachtrag: Sabine Deitmer hat mit ?Perfekte Pläne? (Krüger) ein großartiges Psycho- und Soziogramm der Situation eines wohlhabenden Familienvaters veröffentlicht, der seinen Ärzten nicht über den Weg traute und deshalb zu alt wurde. Dazu demnächst mehr. Erstens möchte ich den Roman nochmal lesen und zweitens, wenn ich ihn jetzt ausführlich lobe und preise, wird dieses posting wieder zu lang.

Über den Gebrauchtbuchhandel, meinen Laserdrucker, die Inflation sowie einen höchst gelungenen Kriminalroman von Frank Göhre

Donnerstag, 22. März 2007

?Die Verlage und Autoren scheinen nicht zu begreifen, in welchem Maße der Gebrauchtbuchhandel ihre Lebensgrundlage zerstört?, sagte mein einzig wahrer Literaturagent düster zu mir, als ich letzte Woche am See in Malente Apfelsaft mit ihm trank. ?Was nutzt die Preisbindung, wenn man jedes Buch sofort nach Erscheinen über das Internet gebraucht erheblich billiger kaufen kann??
?Nicht erst nach Erscheinen!? führte ich seine düsteren Gedanken weiter. ?Da viele Rezensenten und Buchhändler ihre Leseexemplare oft schon verkaufen, bevor der Verlag an den Buchhandel ausgeliefert hat, findet man viele Titel bei Internet-Buchhändlern vielfach zuerst.?
Natürlich habe ich wie meistens Recht. Zwar bin ich kein Masochist und habe nie die Wahnvorstellung entwickelt, von Honoraren für Bücher leben zu können, aber ich möchte mit dem Schreiben doch mindestens so viel verdienen wie meine unvergleichliche Parkettkosmetikerin, die in meinem Domzil mit dem Staubsauger Sisyphus spielt. Das wird schwierig, wenn nicht unmöglich, seit das Internet den Gebrauchtbuchmarkt transparent gemacht hat.
Wenn Ulrike ein Buch gelesen hat, bietet sie es auf dem Amazon Marketplace an. Dort erwirbt es Erika, liest es und borgt es ihrer Freundin Julia, die geliehene Bücher nie zurück gibt, sondern sie noch von Klaus und Herbert lesen läßt, der sie danach bei Ebay versteigert. Er kauft Bücher, wenn überhaupt, nur über ZVAB.
Dagegen wäre prinzipiell wenig zu sagen. Da man einen Becher Joghurt nicht nach Verzehr verkaufen kann, steigen die Lebenskosten unaufhörlich. Irgendwo müssen die meisten Leute sparen. Sie sparen vielfach am Buch.
Nun leben Autoren und Verlage, die ihre Arbeit meist nur bedingt (z.B. durch Daytrading) quer-subventionieren können, vom Absatz neuer Bücher. Sie müssen kalkulieren und erleben jetzt, daß viele Bücher vier- oder fünfmal gelesen werden, aber nur einmal die Kasse klingeln lassen.
Die Antiquare, früher mal liebenswerte graue Waldameisen, die Endlagerstätten verstaubter Bücher verwalteten, haben sich in gefährliche Termiten verwandelt, die an den tragenden Säulen zumindest der kleinen und mittelgroßen Verlage nagen. Random House braucht das nicht zu kümmern. Aber kleine und mittelgroße Verlage sind inzwischen glücklich, wenn sie von einer Neuerscheinung 2000 Exemplare absetzen können. Da schmerzt es, wenn daraus nur 1700 werden.
Zugegeben, die meisten Gebrauchtbuchhändler haben das Problem offenbar erkannt und bemühen sich, den Preis ihrer Waren anzuheben. Sie fordern überhöhte Versandkosten- sowie Portopauschalen, mit denen sie das Gebrauchtbuch so verteuern, dass sich dessen Kauf vielfach kaum lohnt. Aber welcher Leser kann in unserer Zeit der PISA-Studie noch gut rechnen?

Nicht einmal ich kann das! Sonst hätte ich nie und nimmer versucht, meinen Printer reparieren zu lassen. Fünf Jahre hatte der wunderbare Kyocera seine Aufgaben nahezu lautlos und so zuverlässig verrichtet wie eine der hässlichen Politessen, die auf den Parkplätzen die Kosten für unser schönes Opernhaus eintreiben.
Solange mein Kyocera genug Papier und Toner bekam, druckte er perfekt.
Doch auf einmal begann er, Texte mit schwarzen Strichen zu drucken, manchmal einzuschwärzen und was ihm nicht gefiel, druckte er überhaupt nicht. Nein, er war nicht über Nacht zum Redakteur oder Lektor mutiert. Er litt schlicht und einfach an Altersschwäche. (Wie viele unserer Politessen.)
?Heute läßt man nichts mehr reparieren?, sagte Ylla. ?Man entsorgt und kauft neu. Einen Lebenspartner zu reparieren lohnt sich auch nicht. Da macht man es am besten genauso.?
Nun bin ich gewöhnlich ungemein treu, nicht nur den Frauen, sondern auch meinen Geräten.
Wider alle Vernunft brachte ich den verstörten Printer zum Kundendienst, wo man ihn ruck zuck reparierte. Den Preis der Reparatur, um die 240 Euro, zahlte ich gern. Allerdings, als mir Ylla am Abend grinsend bewies, daß man einen noch moderneren und schnelleren Laserprinter dieses großartigen Fabrikanten bei einem Internethändler für 230 Euro neu bekommen konnte, wurde ich nachdenklich. Man kann jeden Fehler machen, aber niemals denselben zweimal.
Gestern hat meine Gaggia, die zehn Jahre lang zuverlässig meinen Cappuccino aus Illy-Caffé bereitete, erstmals den Dienst verweigert. Entkalkt hatte ich sie, wie ich mich regelmäßig mit Anti-Oxydantien entkalke. Reparieren lasse ich nichts mehr. Ich war im Kaufhaus und habe mich dort umgesehen.
Meine klassische Gaggia, damals kostete sie um 500 Mark, ist stromlinienförmiger geworden. Sie hat jetzt einen günstigeren CW.Wert und kostet um die 500 Euro. Genau das nennt man Inflation. Ich frage mich, auf welche Weise die Statistiker die Inflationsrate errechnen. Vermutlich wollen sie die Richtigkeit der PISA-Studie beweisen.
Aber diese Erkenntnis hilft mir, wie meistens, auch nicht weiter. Ich bestelle eine neue Gaggia nicht bei einem Internet-Händler, sondern nehme sie aus dem Kaufhaus mit.

Und auf dem Rückweg kaufe ich mir noch ?Zappas letzter Hit? von Frank Göhre. Ein großartiger Roman, mit dem Frank beweist, dass Krimis inzwischen, in seltenen, glücklichen Ausnahmefällen, eine Qualität erreichen können, die die der (ach, die Grammatik!) hingeschlampten Machwerke unserer sogenannten jungen Pop-Literaten bei weitem übertrifft.
Wie Göhre mit Zeit-Ebenen jongiert, wie er Fakt und Fiktion verbindet, Bewußtseinsströme in Textfelder umsetzt und Elemente des Drehbuchs in die Prosa integriert, macht ihm von den Krimi-Autoren hierzulande heutzutage kaum jemand nach.
Daß seine Helden unter ständigem sexuellen Überdruck zu leiden scheinen und unter jeden Rock wollen, dürfte am Milieu liegen. Auf dem Kiez ist das wohl so. Aber, verzeih mir das bitte, Frank, weshalb entweicht einem deiner Helden dauernd warme, übel- riechende Luft aus dem Hinterausgang? Ernährt man sich auf St. Pauli nur von Chili con Carne aus der Konservendose von Heinz? Was willst du uns mit dieser Flatulenz eigentlich sagen?
Jedenfalls wird dieser eigenwillige Roman aus dem Pendragon Verlag niemals von mir auf einem der Marktplätze für Gebrauchtbücher angeboten werden. Und jetzt muß ich endlich bei Kitco die Charts studieren. Der Goldpreis scheint allmählich einen Boden zu bilden und will nach oben ausbrechen. Von irgend etwas muß ich schließlich leben.

Über Damentaschen, Kyra Sedgwick, einen Ruhrgebietskrimi sowie Juttas Fluch-Ente

Montag, 19. März 2007

Alle meine Systeme arbeiten normal. Bei Renate dagegen Störungen im Schultergelenk. ?Ich weiß nicht, was mit meiner Schulter los ist?, klagt sie mit vom Schmerz arg verzerrten Gesicht. ?Könntest du mich mit deiner Wundersalbe einreiben??
?Ungern?, sage ich. ?Höchst ungern.? Doch da habe ich natürlich schon nach der Tube mit aus dem Gift von Schlangen gewonnenen Enzymen gegriffen. Nach meiner Erfahrung wirkt diese Salbe nur bei Frauen. Sie scheint zu jenen homöopathischen Mitteln zu gehören, die gleiches mit gleichem bekämpfen, wie ich die neue Rechtschreibung bekämpfe.
Ich widerstehe der Versuchung (mit Sicherheit ein Substantiv) die Dudenredaktion anzurufen, um mich zu erkundigen, ob “Gleiches mit Gleichem bekämpfen” besser groß oder klein oder am besten gar nicht geschrieben werden sollte. Es gibt wichtigeres (großes oder besser kleines W?) zu tun.
Dank Johannes, meinem vorzüglichen Gemeinmediziner, weiß ich, dass vor jeder Behandlung nach den Ursachen eines Symptoms geforscht werden muß.
Im Fall der Schulter Renates hängt die Ursache des Übels an derselben: ihre Tasche, in der sie alles mit sich führt, worauf sie nicht verzichten kann.
Ich käme zwar nie auf die Idee, einen Taschenspiegel, eine Puderdose, einen Lippenstift sowie ein Brillenetui durch die Stadt zu transportieren, doch Frauen haben bekanntlich andere Bedürfnisse. Aber muß Renate ständig eineinhalb Liter Wasser mit sich herumtragen? Oder Feuchtigkeitscreme? Oder Lidschatten?
Diese Frau verbraucht mehr Wasser als mein Auto Benzin, denke ich, aber das behalte ich vorsichtshalber für mich.
Trotzdem, als ich den großen Webster aus ihrer Schultertasche zerre, den sie angeblich braucht, um ihn jederzeit einem ihrer Gymnasiasten um die Ohren knallen zu können, wenn der sie unschuldig bittet, ihm den Satz ?I want to fuck you? zu übersetzen, ist meine Geduld am Ende.
Solange sie die halbe Wohnungseinrichtung mit sich herumschleppt, wird ihr auch das stärkte Schlangengift nicht helfen. Ich reibe sie natürlich trotzdem damit ein, denn ihre Haut zu berühren ist nun mal angenehm.
Abgesehen davon, an die Frau meiner Träume käme ich sowieso nie ran! Nicht mal mit meiner Tube Schlangengift. Ich bin schon zufrieden, wenn ich sie jeden Mittwoch auf Vox in der Krimiserie ?The Closer? bewundern kann, diese wunderbare Kyra Sedgwick, die mit dem freundlichsten Lächeln der Welt so gemein ?Danke!? sagen kann, wie keine andere. Kein Wunder, dass diese Schauspielerin dreihunderttausend Dollar Honorar für ihre Mitwirkung an einer Serien-Episode bekommt. Dafür müßte unsereiner mindestens zwanzig Romane schreiben. Vielleicht sollte ich auf Fernsehschauspielerin umschulen, doch besser nicht. Dann würde ich auch mit einer riesigen Schultertasche durch die Gegend wandern müssen, womöglich auf Stilettos, und das fehlte gerade noch.

Zwei Tage später transportiert mich Renate in ihrem großen Toyota an die Stadtgrenze von Bochum, wo Reinhard Bottländer im Hauptquartier eines Reitervereins seinen dort angesiedelten Kriminalroman “Mord im Sumpf” vorstellt.
Das Lokal ist überfüllt. Der Verleger, Michael Schardt aus Oldenburg, hat einen großen Büchertisch aufgebaut. Der Autor liest uns zwei Kapitel vor. Durch ein riesiges Fenster beobachte ich zwei Frauen, die zwei Reitpferde immer an der Wand lang traben lassen. Pferde, die in Bottländers Roman von einem äußerst verstörten Chefneurotiker abgestochen werden.
Nach Abschluß der Lesung gehen die Bücher weg wie frische Sonntagsbrötchen. Alle Vereinsmitglieder wollen ein Autogramm ihres Autors. Jeder bekommt es, und ein Mann verrät überglücklich, dass er in einem der Texte, die Reinhard vorgelesen habe, persönlich vorkomme. “Der Laubfrosch”, sagt er. “Das bin ich.”
So finden Bücher noch zu ihren Lesern! Abgesehen davon, dass Bottländer lange Jahre in Mordkommissionen arbeitete und das dort übliche Verhalten sehr genau zu schildern versteht ? seine Frau Karin und ihre beiden Pferde gehören auch zum Verein.
Die Lesung gefällt mir, sie kommt mir wie eine große Familienfeier vor.
Regionalkrimis verdanken ihren Erfolg dem Umstand, dass viele Leser, sogar viele Nichtleser, ihre vertraute Umgebung (am besten zusätzlich sich selbst) in einem Roman wiedererkennen wollen. Das funktioniert, erfreulicherweise, nicht nur im Eifelkrimi. Wenn ich bei einer Lesung so gut singen könnte, wie Hera Lind ? ich würde sofort den Roman ?Mord im Fischer Chor? schreiben.

Oder sollte ich besser über Enten schreiben? Offensichtlich sind auch Enten nicht mehr, was sie früher mal waren. Bleiben auch sie von der alles umstürzenden Globalisierung nicht verschont?
Wie käme sonst eine Ente auf die Idee, ihr Nest auf Juttas Balkon in der sechsten Etage eines hohen Hauses in der Stadtmitte zu bauen? Zirka sechs Eier hat sie, die verwirrte Ente, dort abgelegt. Sie brütet unbeirrbar, weit entfernt vom nächsten Teich im Rombergpark, und die tierliebende Wohnungseigentümerin hat sich inzwischen sach- bzw. entenkundig gemacht.
Sobald die ersten Enteneier Risse zeigen, bereiten die Küken ihren Ausbruch vor, und das darf keinesfalls auf dem Balkon passieren, von dem aus ihre ersten Flugversuche mit dem Aufprall auf den sechs Etagen tiefer gelegenen harten Boden der Tatsachen und ihrem Tod enden würden.
Also dürfen die Eier kaum noch aus den Augen gelassen werden. Sobald die Schalen zu platzen anfangen, müssen die Eier in den Hinterhof transportiert werden, wo das brütende Muttertier das Ergebnis seiner Brut beaufsichtigen kann. Und bis dahin muß Jutta sich nicht nur um ihre Mitarbeiterinnen kümmern, sondern auch noch um eine Flugente (oder besser Fluchente?) auf ihrem Balkon.
Ärlich, solange es solche Frauen im Ruhrgebiet gibt, fühle ich mich hier noch einigermaßen wohl. Es muß ja nicht ständig sein.
Übrigens,. was Damentaschen betrifft, Nora Ephron, der wir das Drehbuch für ?Harry meets Sally? verdanken, hat sehr feine Essays zu alltäglichen Problemen des weiblichen Geschlechts veröffentlicht. ?I feel bad about my neck? (Alfred A. Knopf) ist eine äußerst hilfreiche Gebrauchsanweisung für den Umgang mit Frauen. Mal wieder typisch, Lizenzen für wirklich gute Bücher kaufen deutsche Verlage selten im Ausland.
Nachtrag: Nein, Ulrike, Bob Dylan hat nicht den Song ?Bloggin? in the Wind? geschrieben, sondern der heißt ?Blowin? in the Wind?. Nur der Ordnung halber.

Über SPAMs, Viagra, die Islamisierung des Fußbodens sowie eine beeindruckende Biografie

Sonntag, 11. März 2007

Da kann ich jede Woche so viele neue Dämme zwischen die Community und mich bauen, kann dauernd neue Filter-Software auf den Rechner laden (bzw. laden lassen, weil Spezialisten das besser können als ich). Alles vergeblich!
Auch e-mails mir unbekannter Absender grundsätzlich nicht zu öffnen, sondern sofort zu löschen, ist und bleibt wirkungslos.
Alle paar Stunden ist meine Mailbox mit neuen SPAMs überfüllt, wobei es sich leider nicht um in Blechdosen gepresste ungenießbare Schweineschwarten handelt, sondern um unverlangte Botschaften aus dem Internet, mit denen mich böse, sehr böse Menschen zu unsittlichen Handlungen verführen bzw., schlimmer noch, mir Sachen verkaufen wollen, die ich nicht benötige.
Wie kann man mich für so dämlich halten, daß man mir zutraut, ich wisse nicht, wie die Nigeria Connection Zahnärzte behandelt? Was bringt einen Spammer auf die Idee, ich könnte über ein virtuelles Spielcasino tatsächlich existierendes Geld in den Orkus überweisen?
Wer traut mir zu, Penny Stocks oder Certifikate für Orangensaft zu kaufen? Besonders ein Warenterminhändler nervt mich. Der hängt verworrene Textdateien an seine beleidigenden Angebote, und diese Texte sind noch ärgerlicher als jene um meine Größe besorgter Zeitgenossen, die an meinem zweitwichtigsten Körperteil herumschnippeln wollen, um es auf drei Meter fünfzig zu verlängern.
Nein, ich möchte nicht mit einer Tanksäule wetteifern, die ihren Rüssel bekanntlich über die Schulter gelegt trägt. Viagra, Cialis und ähnliche Produkte der Pharmaindustrie benötige ich auch nicht.
Ganz im Gegenteil! Seit mir vor einem Jahrzehnt ein katholischer Priester bei der Beichte verraten hat, weshalb so viele Mönche Tabak rauchen, kaue ich fast pausenlos Nikotinkaugummi.
Er verengt die Blutgefäße und beseitigt dadurch zuverlässig jene durchaus nicht ständig erwünschten Erektionen, unter denen das männliche Geschlecht die meiste Zeit leidet.
?Köstlich?, sagte Salvador Dali dem Vernehmen nach, als man ihn fragte, wie er sich nach seinem siebzigsten Geburtstag fühle. ?Köstlich. Morgens endlich ohne Erektion aufzuwachen.?
Nun fällt es mir zwar schwer, nachts Nikotinkaugummi unter meinen Zahnkronen zu zermahlen und so weiten sich (besonders während mancher Träume) sämtliche Blutgefäße, aber damit habe ich mich abgefunden. Ich brauche Viagra nicht, und Cialis auch nicht. Ich brauche einen zuverlässigen SPAM-Filter.
Aber so ärgerlich unerwünschte e-mails sind, die immer mehr um sich greifende, ja inzwischen nahezu ausufernde Islamisierung des deutschen Fußbodens nervt mich noch mehr!
Nicht dass ich etwas gegen die Religion anderer Menschen hätte! Und gegen Kopftücher, unter denen die von der Familie schwer bewachten Deutschtürkinnen ihre Haarpracht verstecken, habe ich auch nichts. Solange ich nicht gezwungen werde, auch ein Kopftuch über meine Mähne zu binden, habe ich nicht das geringste dagegen.
Nur der Brauch von Bewohnern ferner Länder, an der Wohnungstür die Schuhe auszuziehen wie vor dem Betreten einer Moschee, breitet sich, zu meinem Kummer, hierzulande unter den Taufscheinchristen immer mehr aus.
Attraktive Frauen, deren High Heels unsereinen ständig nach einem neuem Nikotin-Kaugummi greifen lassen, müssen sich an vielen Wohnungstüren widerstrebend von ihren Charles Jourdan Schuhen trennen und eilen zum nächsten Sessel, weil auch eine mit den längsten Beinen der Welt gesegnete Frau weiß, daß sie barfuß wirkt wie eine Pfälzer Weinbäuerin, die ? hoffentlich mit gelupftem Rock ? fröhlich im Weinfaß herumspringt und Trauben zerstampft.
Als Mann dagegen zittert man jedesmal, wenn man die Schuhe ausziehen soll, weil sich eine kräftige große Männerzehe durch die Socke gekämpft haben könnte, wenn sie noch zwei Minuten zuvor vom edlen Feinstrumpf verdeckt war. Auch was eine große Zehe ist, verlangt irgendwann mehr Freiheit. Dagegen kommen nicht mal meine Gold Toe Socks mit extra verstärkter Nylonspitze an.
Gewiß, die Besitzerinnen socken- und High-Heel -feindlicher Fußbodenbeläge wissen ihren Kampf gegen Schuhe auf dem Teppich oder Parkett scheinbar sinnvoll zu begründen.
Auf der Straße, so behaupten sie, gingen viele Bakterien spazieren, denen sie nicht in ihrer Wohnung begegnen wollten. Eine reine (oder vielmehr unreine) Schutzbehauptung, für die mir der Begriff Schmutzbehauptung angemesen erscheint.
Bakterien und Viren bedrohen einen Menschen mit halbwegs intaktem Immunsystem höchstens in Schulen und Krankenhäusern, wo ich noch nie gebeten wurde, meine Schuhe auszuziehen.
Nein, dieser ärgerliche Brauch, die Schuhe auszuziehen, soll auch nicht das teure Parkett oder den Spannteppich vor harten Absätzen schützen! Ich hielt ihn bislang für eine Machtdemon-stration von piefigen Kleingeistern, die auch mal Anordnungen erteilen wollen. Für eine Sonderform weiblichen Dominanzstrebens. Inzwischen weiß ich es besser.
Er ist falsch verstandene multi-kulturelle Toleranz, ein vorauseilender Gehorsam gegenüber unseren muslimischen Landsleuten. Sie sind auch mir herzlich willkommen. Sie verdienen unseren Respekt, aber keinesfalls die Unterwerfung.
Solange der Kölner Dom nicht zur Moschee umgewandelt wird, ziehe ich auch dort meine Schuhe nicht aus. Und in einer deutschen Wohnung schon gar nicht. Eher würde ich Viagra schlucken.

Frauen wird derlei ja zu ihrem Glück noch nicht aufgedrängt. Sie können ihr Triebleben sogar ohne Nikotin-Kaugummi meistens sehr gut beherrschen. Ich habe sie oft um diese beneidenswerte hormonelle Konstitution beneidet. Östrogen will im Gegensatz zum männlichen Testosteron seine Anwesenheit nicht dauernd beweisen.
Seit ich die wunderbare Biografie ?Beautiful Shadow ? A Life of Patricia Highsmith? von Andrew Wilson gelesen habe, beneide ich Frauen nicht mehr. Nicht einmal jene, die wie ich Frauen lieben.
Der Leser wird traurig, wenn er miterlebt, wie diese unvergleichliche Autorin, der die Welt weit mehr als die Ripley-Romane verdankt, eine ihrer Geliebten nach der anderen wieder verliert, obwohl sie sich nicht nichts mehr wünscht, als dass die Liebe endlich einmal dauern würde.
Da sind sogar die Wünsche von amerikanischen Verlegern, sie möge ihre Prosa gefälligst besser verkäuflich gestalten, das kleinere Übel. Sowas wünschen sich deutsche Verleger inzwischen auch. Sogar solche, bei denen man die Schuhe anbehalten darf.
In der Schweiz wenigstens fand Mrs. Highsmith mit dem großen Daniel Keel wohl den letzten Verleger, der seinen Autoren noch ein guter Freund ist. Er pflegt ihr Werk noch immer, und da Andrew Wilson auch die Tagebücher der Autorin zugänglich waren, ist seine Biografie die beste, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Seit 2004 gibt es sie von Bloomsbury als Paperback.

Über die Deutsche Bahn, Daniel J. Boorstin sowie die Nachteile von Brüsten aus Silikon

Donnerstag, 8. März 2007

Es muß einmal mehr gesagt werden: die deutsche Eisenbahn, vor dem unsäglichen Anschluß der DDR an unser blühendes bzw. im Glanze seines Glückes brühendes Heimatland war einmal ein vorzügliches zuverlässiges Unternehmen. Aus und vorbei!
Iris, meine Computer-Domina, vor der jeder Rechner zittert, wenn sie sich ihm nähert, studiert an der UNI Dortmund und wohnt in Recklinghausen.
Dagegen wäre wenig einzuwenden, wäre sie nicht so klug, den lebensgefährlichen Autoverkehr zu vermeiden und führte das nicht zu ihrer Abhängigkeit von der Deutschen Bahn.
Um 18.47 wird regelmäßig ein RE von Dortmund nach Recklinghausen auf dem Fahrplan versprochen. Versprochen, aber meist nicht gehalten. Entweder fällt er gänzlich aus, oder aber er fährt mindestens zwanzig Minuten verspätet. Manchmal wird der Zugführer auch so müde, dass er nicht mehr weiterfahren mag. Dann müssen alle Fahrgäste in einen Omnisbus umsteigen, der sie in die Nähe ihres Reiseziels bringt.
Vorgestern führten mich meine ziemlich verschlungenen Wege nach Köln. Ich hatte eine Fahrkarte für den ICE erworben und erklomm optimistisch den Bahnsteig. Weit und breit keine Spur von meinem ICE. Stattdessen wurde eine Verspätung von 20 Minuten angekündigt. Allerdings, ein Regionalexpress fuhr eher ab.
Ich betrat jenen, ließ mich nach Köln transportieren, aber den Zuschlag für den ICE mochte der Fahrkartenkontrolleur nicht herausrücken. Das sei, so sagte er, leider nicht möglich.
Offensichtlich sind bei der Deutschen Bahn Zustände zu beobachten, wie ich sie bisher nur in Indien erlebte. Aber dort gibt es wenigstens von heiligen Kühen gezogene Karren sowie von Unberührbaren bewegte Dreiräder, auf die ich ausweichen kann.
Die Eisenbahn, es sei beklagt, ist ein Monopolbetrieb. Sie kann so unzuverlässig sein, wie es ihr beliebt.
Ulrike schwört Stein und Bein, daß es Selbstmörder sind, die sich vor die Züge werfen, um auf diese Weise gegen Hartz IV zu protestieren.
Jeder Selbstmörder müsse von den Gleisen getragen und wegen Verkehrsgefährdung zur Rechenschaft gezogen werden, behauptet sie, aber ich führe diese Verspätungen auf die Privatisierung der Eisenbahn zurück.
Die Löhne für die nicht beamteten Bahnbediensteten sind vielfach so gering, daß sie sich keine Armbanduhr kaufen können. Sie wissen nie, welche Stunde der Bahn gerade geschlagen hat. Diese wird es erst erfahren, wenn Bahnaktien an der Börse angeboten werden. Wir Aktionäre haben aus der Privatisierung der Post gelernt.

Zum Glück werden mir Bücher, die ich im Ausland bestelle, von UPS zugestellt, und so kann ich ein altes Meisterwerk lesen, loben und preisen, das auf Deutsch nur noch gelegentlich von Antiquariatsbuchhandlungen angeboten wird.
In den USA gibt es ?The Image? von dem leider inzwischen verstorbenen Daniel J. Boorstin nach wie vor in einer vorzüglich editierten Paperbackausgabe von Vintage/ Random House: ein Buch, das 1961 erstmalig veröffentlicht wurde. Es ist fünfundvierzig Jahre später keinesfalls veraltet, sondern aktueller als je zuvor.
?A Guide to Pseudo-Events in America? wählte Boorstin seinerzeit als Untertitel. Heute sind solche Pseudoereignisse weltweit zu beobachten.
Kein Unternehmen, das nicht regelmäßig Pressekonferenzen veranstaltet. Sogar Osama Bin Ladin tritt von Zeit zu Zeit vor den Camcorder, um der Öffentlichkeit geplante Aktivitäten von Angehörigen des möglicherweise von ihm geleiteten Netzwerks anzukündigen.
Inzwischen wird auch hier die Ankündigung eines Ereignisses zu einem solchen. Sie sorgt für Aufregung und führt zum Beispiel dazu, dass ich kein Rasierwasser und keine Zahnpasta im Handgepäck mit ins Flugzeug nehmen darf.
In den USA werden die jeweils angesagten ?celebrities?, die sogenannten ?Berühmten?, in zahlreichen Journalen und TV Shows vorgestellt und gefeiert.
In Deutschland bemüht sich die Yellow Press?, seit es Vaninty Fair gibt sogar auf feinem Kunstdruckpapier, um die Feier der weithin Bekannten. Ist Tatjana Gsell, die Vanity Fair auf einer ganzen Seite vorstellt, heimlich und allein hinter dem Steuerknüppel eines winzigen Flugzeugs über über den Atlantik geflogen?
Daniel Boorstin hat schon 1961 untersucht und schlüssig dargestellt, um was es sich bei solchen Celebrities handelt: Um Leute, die dafür bekannt sind, dass sie bekannt sind.
Der kühne Pilot Charles A. Lindbergh wurde noch mit Recht berühmt, nachdem er den Atlantik erstmals in seiner winzigen Spirit of St. Louis überquert hatte. Er war noch ein Held und begriff zu spät, dass es meistens besser ist, ein Feigling zu sein. Sein Kind wurde entführt und trotz Lösegeldzahlung des Vaters ermordet.
Inzwischen haben es unsere ?Berühmtheiten? geschafft, mit Hilfe der Massenmedien ihren Bekanntheitsgrad unabhängig von eindrucksvollen Leistungen zu gestalten.
Die Öffentlichkeitsarbeit ist für viele zur wichtigsten Arbeit überhaupt geworden. 1961, als Boorstins Esays erstmalig veröffentlicht wurden, warf man ihm noch unamerikanisches Verhalten vor.
Heute, wo Pseudoereignisse, d.h. zum Zweck der Berichterstattung künstlich fabrizierte Ereignisse, nicht nur, wie damals, von den Printmedien aufgegriffen und verbreitet werden, sondern zusätzlich von sämtlichen öffentlichen und privaten Fernsehanstalten, ist offensichtlich und nicht mehr zu bezweifeln, wie begründet die Diagnose des genialen Historikers schon damals war.
Auch seine Darstellung der Wirkung von Bestsellerlisten auf den Buchmarkt erscheint mir so aktuell und zutreffend wie die der Zerstörung des Reisens durch den Massentourismus.
Die deutsche Ausgabe dieses Meisterwerks erschien bei Rowohlt und ist lange vergriffen. Wäre das nicht mal was für ein Remake?
Allerdings, nicht jedes Remake gelingt! Nach einer Anzahl von Fernsehsendungen über die Leistungen der Schönheitschirurgen gerieten einige meiner Freundinnen in erhebliche Unruhe. Brüste, die Jahrzehnte ihre Aufgaben zufriedenstellend erfüllt hatten, erschienen ihren glücklichen Eigentümerinnen entweder zu groß oder zu klein.
Die meisten konnte ich vom Gang zum Chirurgen bewahren. Nur Patricia bestand darauf, sich ihre Oberweite durch Silikonimplantate erheblich vergrößern zu lassen und konnte danach wochenlang nur auf dem Rücken schlafen.
Zusätzlich machte mich meine Haftpflichtversicherung darauf aufmerksam, dass sie keinesfalls die Kosten übernimmt, sollte ich diese Kunstwerke in Folge zu großer Leidenschaft zerstören.
So schwer es mir fällt, seither wage ich es nicht mehr, diese Silikonhügel anzurühren.
Leider ist es mir nicht möglich, die Deutsche Bahn gleichfalls nicht mehr zu benutzen. Sie hat ein Monopol.

Über Baustellen, die Abschaffung des Winters, einen französischen Bestseller sowie die Nichtzahlung von Ideen-Ausfallgeld.

Samstag, 3. März 2007

Jedes Jahr im Spätherbst verengen in unserer lieblichen kleinen Stadt Tiefbauunternehmen die Straßen. Sie bringen Arbeitsgeräte in Stellung, zumindest einen kleinen Bagger oder drei Schaufeln. Das hat seine Gründe. Mit ?Beginn der Baumaßnahme? werden vielfach erste Zahlungen fällig. Die kassiert man gern, und danach, nun ja, starrt man in sämtlichen Tiefbauunternehmen jeden Tag spätstens ab sechs Uhr früh auf das Thermometer. Die gesamte Branche wartet sehnsüchtig auf den Frost.
Spätestens im Herbst hatten die Arbeiter Überstunden geleistet, um ein Zeitkonto aufzufüllen, dessen Guthaben sie verbrauchen wollten, sobald die Witterungsverhältnisse die Arbeit auf der Straße erheblich erschwerten.
Sobald dieses Guthaben erschöpft war, lebte man von sogenann-tem ?Schlechtwettergeld?, das inzwischen umgetauft wurde.
Es heißt jetzt ?Winterausfallgeld?. Die Asphaltkosmetiker beziehen es vom Staat, während sie neue Tapeten an die Wände ihrer Notunterkünfte nageln oder ihre Autos reparieren.
Aber jetzt? Die Klimakatastrophe wirft düstere Schlagschatten auf die Baubranche. Der ersehnte Frost bleibt aus. Stattdessen blühen nahezu überall Märzenbecher und Stiefmütterchen erheblich verfrüht. Nicht ein Hauch von Schlechtwettergeld!
Auf sämtlichen Baustellen könnte fröhlich gebaut werden, aber das geschieht fast nirgends.
In Erwartung des Winterausfallgeldes wurden wie stets im Herbst erheblich mehr Baustellen geschaffen, als die Unternehmen bewältigen können. So bleiben die Straßen verengt oder gesperrt.

Zusätzlich fällt den meisten Autoren jetzt, wo graue Wolken das Tageslicht erheblich reduzieren, in Folge ihres zu geringen Serotoninspiegels nicht viel ein. Eigentlich wäre es an der Zeit, auf die Canaries zu fliegen, aber nur auf dem Notebook arbeiten?
Nein! Da kämpfe ich lieber mit einem sehr dicken Krimi einer weltberühmten Französin, den der Verlag schon vor Erscheinen sozusagen durch hoheitlichen Akt zum künftigen Bestseller ernannt hat.
Der fängt schön an wie eine Gothic Novel. Der Held mauert an einem alten Haus herum, in dem das Gespenst einer geldgierigen Nonne spuken soll. Mit der eigentlichen Handlung des Romans hat das nichts zu tun, aber es liefert Atmosphäre und füllt Seiten.
Dann werden dem Leser die Vorgänge in einer Pariser Kriminalbri-gade geschildert. Einer der Beamten hat in seinen Jugendjahren einen Schlag auf den Kopf bekommen. Er spricht nur in Versen des Tragödiendichters Racine oder in Hexametern. Das hat mit dem plot zwar auch nicht viel zu tun, aber es füllt Seiten.
Der Kommissar findet endlich heraus, weshalb zwei Mordopfer sehr viel Dreck unter den Fingernageln haben. Sie hatten eine Grabplatte hochgeliftet und sich am Sarg einer verstorbenen Jungfrau zu schaffen gemacht.
Aus privaten Gründen muß der Kommissar in die Normandie reisen. Dort wird ein Hirsch wenig waidmännisch abgeschlachtet. Und hunderte Seiten später wird nochmals der Sarg einer Jungfrau geöffnet sowie auch ein zweiter getöteter Hirsch.
Zweifellos wird ein Roman dicker, wenn man un-end-lich l-a-n-g-s-a-m erzählt und Szenen spiegelt, geht es mir durch den Kopf. Getretener Quark wird breit, nicht stark, erinnere ich mich an den großen Geheimrat.
Doch die letzten hundert Seiten des Roman sind erste Sahne. Einer Katze einen GPS Transmitter umzubinden und sie ihre entführte Eigentümerin suchen zu lassen, erscheint mir genial. Doch reicht das für einen sehr dicken Kriminalroman?
Wie ein Abgeordneter nur dem eigenen Gewissen verpflichtet, schreibe ich meine Meinung, aber dem Redakteur, der mir das Buch anvertraute, gefällt sie nicht. Dafür hat er vermutlich gute Gründe. Mein Unbehagen und meine Langeweile könnten sich sich, sozusagen durch Osmose, auf die Rezension übertragen haben. Die Autorin des Romans ist – das kann man nicht oft genug schreiben – weltberühmt, und ich wollte das dicke Ding (den Roman, nicht die Autorin!) so schnell wie möglich hinter mich bringen. Können hunderttausende von Leserinnen irren?
Nein, denke ich. Wenn beim Zusammenstoß eines Buches mit einem Kopf ein dumpf schepperndes Geräusch entsteht, ist es nicht immer das Buch, was hohl ist.
Wie könnte ich unter solchen Umständen eine Veröffentlichung meiner harschen Kritik wünschen oder, der Herr bewahre, gar darauf bestehen?
Auch Redakteure haben das Recht, nur dem eigenen Gewissen verpflichtet zu sein! Sie haben gleichfalls das Recht, eine Kritik nicht zu veröffentlichen, wenn sie einen Verlag nicht verärgern wollen. Das respektiere ich auch diesmal, obwohl sich letztlich meist herausstellt, daß ich anfangs gar nicht so schief lag.
Sämtliche Kohlengruben im Lande zu schließen und den Bergleuten ihren Lohn weiter auszuzahlen, habe ich zum Beispiel bereits vor zwanzig Jahren in einer Kolumne vorgeschlagen, weil mir das wesentlich wirtschaftlicher erschien, als das Fördern von Steinkohle, die anderswo kostengünstiger abgebaut werden kann.
Damals beschimpften mich zur Abwechslung mal nicht Feministinnen, die ich gern Feminazis nenne, sondern die IG Bergbau, und wie nach jedem gelungenen Text bekam ich viele wütende Leserbriefe.
Und was geschieht jetzt? Sogar die Ruhrkohle AG und der Ministerpräsident des Landes NRW haben eingesehen, dass ich recht hatte. Die wenigen Kohlebergwerke, die es noch gibt, werden endlich nach und nach geschlossen. Aber was hat ein Autor davon? ? Nichts! Er bekommt schließlich nicht einmal Ideen-Ausfallgeld, wenn ihm mal nichts einfällt.