Archiv für April 2007

Über Forensiker, den Fernheiler Wilhelm Elges sowie einen Bestseller von Jeff Abbott

Montag, 30. April 2007

Von wegen bloggin? in the wind! ? Kaum habe ich das schockierende Liebesabenteuer ins Internet gestellt, bekomme ich die erste e-mail, mit der ich gefragt werde, ob ich eine solche Lügengeschichte tatsächlich für möglich halte. Halte ich nicht und habe auch meine Zweifel deutlich angemerkt.
Ich bezweifle auch, daß eine weiße amerikanische Ehefrau, die ausschließlich mit ihrem weißen amerikanischen Ehemann den einzig wahren Orgasmus suchte, ein schwarz /weiß kariertes Baby auf die Welt brachte, weil eine weiße Prostituierte, von der sich der weiße amerikanische Ehemann auf dem Heimweg vom Büro beglücken ließ, es zuvor mit einem farbigen Kunden getrieben hatte.
Hätte ich nur nicht wenig später eine weitere e-mail bekommen, in der mir ein Mikrobiologe mitteilte, daß es nicht auszuschließen sei, daß die Gynäkologin der jungen Schönen in einer Bakterienkultur Erreger entdeckt hätte, die am Fundort nichts zu suchen hätten.
Schließlich verständigten Krankenhäuser die Polizei auch, wenn sie bei der Untersuchung des Blutes eines Patienten deutliche Hinweise auf den Genuß (?) von Rauschdrogen fänden. Dafür habe das Labor seines Krankenhauses sogar extra das Laborkit für einen Schnelltest auf Rauschdrogen angeschafft.
Nun mag ich Große Koalitionen in der Wissenschaft ebenso wenig wie in der Politik. Ich bitte meine Freundin Jutta, eine weitere Gynäkologin zu befragen, deren Urteil vernichtend ist. Bullshit. Ganz und gar unmöglich. Das Mädel hat eine zu lebhafte Phantasie.
Ach, wenn nur Christa, eine höchst vorsichtige Internistin, nicht einen Tag später der Ansicht des Mikrobiologen behutsam zugestimmt hätte. ?Für möglich halte ich grundsätzlich alles. Es gibt Bakterien, die den Körper eines Toten zersetzen. In einer gesunden Frau findet man sie nicht. Aber ob diese Geschichte eine Ausgeburt der Phantasie ist oder nicht, wird letztlich nur ein Forensiker entscheiden können.?
Da kann ich nur hoffen, daß einer von ihnen diesen Blog liest und meine Zweifel beseitigt.

Überhaupt, meine Zweifel! Auch wenn es so erscheint, daß die Massenmedien in jeden Winkel leuchten ? es gibt noch Informationen, die hinter vorgehaltener Hand von Mund zu Mund transportiert werden.
?Vielleicht kann dir Wilhelm helfen?, sagte mir eine Bekannte mit dem schönen Namen Birgit. ?Mir hat er geholfen, als mir mein Liebster das Zaumzeug zu fest angelegt und meinen Kopf zu hart nach hinten gerissen hat. Der Orthopäde kam nicht weiter.?
Nun lasse ich mir zwar von niemandem Zaumzeug anlegen, aber eine Kiste Wein schleppe ich schon gelegentlich die Treppen zu meiner Wohnung hoch. Das mag meine linke Schulter offenbar nicht, aber Wilhelm ? nun ja, er legte seine Hand auf die Schulter. Sie wurde warm. Der Schmerz verschwand.
Skeptisch, wie ich meistens bin, fragte ich, wie er das macht, doch auf solche Fragen antwortet er nur zögernd. Nach einem schweren Verkehrsunfall habe er bemerkt, daß er oft heilen und helfen kann, sagt er. Das funktioniere sogar, wenn er sich auf das Leiden eines ihm bekannten Kranken nur konzentriere. Dann übertrügen sich dessen Symptome auf ihn und verschwänden schließlich.
Regt er Selbstheilungskräfte an? Ist der bescheidene, um die 60 Jahre alte Wilhelm Elges aus Dortmund-Benninghofen ein wanderndes Placebo? ? Keine Ahnung. Eine junge Frau versicherte mir jedenfalls glaubhaft, daß sich ihr Reizdarm unter seinem Einfluß inzwischen weitgehend reizlos verhält. Immerhin etwas. Diesen Mann mit den magischen Händen habe ich keinesfalls erfunden. Er hat die Fernsprechnummer 0171-2642997, und ich werde ihn jetzt anrufen und fragen, ob er seine Energien auch auf mein Bankkonto lenken kann, das wegen meiner vielen Reisen an chronischer Anorexia leidet.

Die Bankkonten des texanischen Thrillerautors Jeff Abbott dürften dagegen in Gefahr sein, wegen Adipositas zu platzen. Der Mann schafft es, einen internationalen Bestseller nach dem anderen zu produzieren. Er wurde für zahlreiche Mystery Preise nominiert und für seinen ersten Roman doppelt ausgezeichnet.
Der mit Literaturpreisen hierzulande meist verbundene Fluch ?Je preiser gekrönt, je durcher gefallen? kann seinen Romanen offenbar nichts anhaben. Was er schreibt, wird massenhaft gekauft. Irgendwann werde ich so neugierig, daß ich ?Panic? lese. Gesamturteil meiner persönlichen Stiftung Krimitest: Hervorragende Verwirklichung amerikanischer Krimi-Dramaturgie für pageturner.
Sie erfordert als Exposition einen starken Effekt. In ?Panic? wird ein Dokumentarfilmer von seiner Mutter aufgefordert, sie sofort zu besuchen. Das macht er. Als er in ihr Haus tritt, ist sie ermordet, und auch ihm trachten die Mörder nach dem Leben.
Ein so muskulöser wie mysteriöser Mann rettet ihn, und danach entwickelt sich ein in rasend schnellem pacing erzählter plot, in dem selbstverständlich eine verführerische Frau nicht fehlen darf sowie eine Menge unerwarteter und unglaubwürdiger Ereignisse.
Zwei Handlungsstränge. 50 Szenen auf 400 Seiten, wobei jede Szene suspense für einen cliffhanger aufbaut, der am Anfang jeder übernächsten Szene aufgelöst wird, um den nächsten cliffhanger vorzubereiten. Das kann Jeff Abbott fast so gut wie Dan Brown, der allerdings, deshalb mag ich ihn, zusätzlich das kulturgeschichtliche Wissen seiner Gattin einzuarbeiten versteht. Jeff Abbott verzichtet auf Leonardo, Maria Magdalena sowie auf Beschreibung von (ziemlich simplen) Verschlüsselungstechniken. Er vertraut auf mit nahezu mathematischer Genauigkeit errechnete plotlines und läßt in einem Roman nahezu so viel Munition verballern wie die ganze US Army im Irak jedes Jahr verbraucht.
Das mögen viele Leser offensichtlich, besonders in den USA, wo jede Buchseite nach der Lektüre sofort abgerissen wird und dort landet, wo sie hingehört: im Papierkorb.
Zweifellos, mit dieser Methode läßt sich sehr viel Geld verdienen. Aber bevor mir endlich jemand verrät, wie man sein Guthaben auf dem Konto einer irdischen Bank ins Jenseits überweisen lassen kann, werde ich mit Vergnügen darauf verzichten. So spannend solche Thriller sind, ihre Handlungsstränge auszurechnen und auszuarbeiten erscheint mir leider als: sehr langweilig.

Über Chiaras Guzzi, Andrea M. Schenkels ?Tannöd?, Plagiate sowie eine Kriminalstory aus dem Volksvermögen

Samstag, 21. April 2007

Alle Systeme arbeiten verläßlich. Die cornetti aus der italienischen Großbäckerei Cerbiatto munden mir wie stets vorzüglich. Wie schaffen es die baristi Italiens eingentlich, einen hervorragenden cappuccino für höchstens einen Euro zu verkaufen, während ich für eine niemals ganz volle Tasse kaum genießbarer Brühe in Deutschland weit mehr als zwei Euro zahlen muß?
Das allein wäre ein Grund, meine Notunterkunft in Deutschland zu kündigen und nach Rom umzuziehen, wäre dort der Straßenverkehr nicht so chaotisch, daß sogar Bankangestellte in dunkelblauem Versaceanzug, blendend weißem Oberhemd und Krawatte ihre bella figura mit einem Motorradschutzhelm krönen, bevor sie morgens auf ihrer Vespa zum Büro fahren, wenn sie dort halbwegs pünktlich ankommen wollen.
Chiara wirkt auf mich wie Lara Croft, als ich mich auf den Soziussitz ihrer Guzzi setze. Sie brettert los, schlängelt sich (und leider auch mich) in wildem Zickzack zwischen den in Rom grundsätzlich im Stau stehenden Autos durch.
Automatisch fange ich an, jenes Mantra zu rezitieren, das mir mein Grundlama für solche das Leben gefährdenden Situationen beigebracht hat.
Wie damals in Bad Reichenhall, als mich Renate überredete, auf einem schwankenden, an einem Drahtseil hängenden Klappstühlchen, nur durch einen dünnen Kleiderbügel vor dem Bauch vor dem Absturz geschützt, hinter ihr über tiefe Abgründe hinauf zum Predigtstuhl zu fahren. Nie wieder werde ich mit so einem Sessellift fahren, auch wenn die Veröffentlichung von Büchern ähnlich gefährlich ist.

Da hat sich eine Mutter in der schönen Pfalz hingesetzt und einen schlichten Kriminalroman geschrieben. Sie verfügt offenbar über ein Mantra, das die Kritik auf ihr Werk aufmerksam werden läßt. Und ein Wunder geschieht!
Obwohl ?Tannöd?, semi-dokumentarisch und multi-perspektivisch angelegt, von einem kleinen Verlag veröffentlicht wurde, erhält Frau Schenkel Krimipreise. Elke Heidenreich lobt und preist den Roman, was mich immer mißtrauisch stimmt.
Was Frau Heidenreich empfiehlt, erscheint mir, nun ja, meistens als biederer mainstream, als Hausfrauenliteratur, auch wenn deren Autoren oft berühmte Frauen oder Männer sind.
Sorry, aber was Frau Heidenreich gefallen hat, lese ich nur im Notfall. Zum Beispiel, wenn sich eine Krimiautorin plötzlich gegen den Plagiatsvorwurf eines Sachbuchautors wehren muß, der denselben mehrfachen Mord vor ihrer Veröffentlichung in zwei Sachbüchern aufbereitete, von dem sie in ihrem Roman erzählt. Grund genug, sich durch alle drei Bücher zu quälen und sich zu einem schwebenden Verfahren zu äußern.
Das Ergebnis meiner quälenden, jedoch gründlichen Lektüre aller drei Werke: Bullshit!
Ja, in einigen wenigen Passagen mutmaßt und vermutet Frau Schenkel ähnlich, wie Peter Leuschner vermutete. Ich wäre, lediglich auf Grund der Fakten, zu ähnlichen Psychogrammen gelangt. Die erheblich unterbelichteten Bewohner vergessener Dörfer in Ober- oder Niederbayern, Ober- und Unterfranken oder meinetwegen auch der Pfalz sind so und denken so. Das wissen wir, spätestens seit Martin Sperr und Franz Xaver Kroetz.
Das Leben ist, auch wenn es vorzeitig unter einer Spitzhacke endet, nun einmal urheberrechtlich nicht geschützt.
Hat Goethe Marlowe und dazu noch ein uraltes Volksbuch aus dem Jahre 1587 plagiiert, als er Faust schrieb? Wurde er danach, sozusagen als karmische Vergeltung, von Paul Valèry und zahllosen anderen plagiiert? – Bullshit!

Die besten Stories liefert nun mal das Leben. Es kommt nur darauf an, was man daraus macht!
Meine Freundin Christine erzählte mir, was eine Freundin einer Freundin erlebt hat. Oder erlebt haben soll. Oder erfunden hat: einen wunderbaren plot!
Da lernt ein Mädel aus dem Ruhrgebiet in einem chatroom einen jungen Mann aus München kennen. Beide gehen in private chats. Beide tauschen Fotos aus. Beide gefallen sich immer besser. Klar, daß da Begierde aufkommt. Schließlich verabreden sie sich.
Die junge Schöne will ihn in der Weltstadt mit Herz besuchen, aber ach, schon auf dem Wege zur Autobahnauffahrt gibt der Motor ihres KIA den Geist auf.
?Kein Problem?, e-mailt er. ?Dann setze ich mich in meinen Daimler und komme zu Dir.? Das geschieht, und jetzt springe ich über zwei Tage, damit dieser blog nicht pornös wird.
Drei Tage später empfindet das Mädel jene Störung des weiblichen Wohlbefindens, die meine Schweizer Freundin Jutta vor langer Zeit stets ?Besuch vom Weißfluss-Fränkli? zu nennen pflegte.
Also steht ein Besuch bei der Gynäkologin an. Die ist wider Erwarten gründlich. Sie verschreibt nicht nur Antibiotika, sondern schickt einen Abstrich in ein Histologisches Laboratorium.
Zwei Tage später geht es dem verliebten Mädel schon wesentlich besser, als es einen Anruf der Gynäkologin bekommt. Es solle unverzüglich deren Praxis aufsuchen. AIDS, denkt das Mädel erschrocken, aber da irrt es sich.
Zwei Kriminalbeamte warten in der Arztpraxis auf die schon weniger verliebte Schönheit, und verkünden ihr auf dem Revier, daß in ihrem Abstrich Zellgewebe einer Toten gefunden wurde.
Entweder hätte sie mit einem Leichenschänder übernachtet oder, schlimmer noch, mit einem Mörder, der sich nach der Tat an seinem Opfer vergangen habe. Zögernd rückt das Mädel die Anschrift ihres nun überhaupt nicht mehr geliebten Partners heraus, in dessen Wohnung die Münchener Polizei Teile des Körpers einer toten Frau findet.
Als ein Kriminalbeamter der jungen Frau später mitteilt, sie habe Glück gehabt und wäre wohl das nächste Opfer gewesen, wenn sie nach München gefahren wäre, dreht die Schönheit durch und muß in die Psychiatrie gebracht werden.
Erfinden unsere jungen Frauen inzwischen solche Geschichten? Regen Fernsehserien wie CSI New York oder Criminal Intent die Phantasie von nabelfreien Jeansträgerinnen an? Oder hat die Freundin der Freundin Christines diese Geschichte irgendwo gelesen und modifiziert?
Renate meint, ich solle einen Roman daraus machen. Serienmörder und Internet, das müsse ein Bestseller werden. Vielleicht gar keine schlechte Idee. Dann wirft mir in einem Jahr vermutlich ein Mörder vor, ich hätte das Urheberrecht an seiner Leiche verletzt, und mein hervorragender Rechtsanwalt könnte endlich einmal richtig viel Geld verdienen, weil jemand welches von mir will. Wie von Dan Brown, Frank Schätzing und jetzt, nun ja, Andrea M. Schenkel. Willkommen im Club.

Über das Krimijahrbuch 2007, meinen Backenzahn und einen Alten Mann ohne Meer

Sonntag, 15. April 2007

Alle Systeme arbeiten normal. Auch ein Backenzahn, der eine Füllung verlangte und bekam. Da mein Zahnarzt, wohl in Folge der Gesundheitspolitik hierzulande, am Blaupapier spart, mit
dessen Hilfe man den Biß nach zahnärztlichen Handungen prüfte, gerieten Oberkiefer und Unterkiefer in einen jener Konflikte, die ich sonst nur im Spiegel Online Forum beobachte.
Das nervte, aber ein Zahnarzt in Nürnberg brachte das schnell in Ordnung.
Wenigstens die ICE?s und IC?s sind noch halbwegs pünktlich. Ich wundere mich nur, daß es auf den feinen Bildschirmen auf der Rückseite der Sitze noch immer kein Fernsehprogramm gibt. Bereitet Herr Mehdorn auf diese Weise den Börsengang des Unternehmens vor?
Aber bekanntlich sind mit vielen Nachteilen wenigstens einige Vorteile verbunden. So konnte ich in Ruhe das Krimijahrbuch 2007 aus dem Nordpark Verlag studieren, das wieder voll und ganz gelungen ist.
Ja, es gibt inzwischen eine ernst zu nehmende Kritik im Genre.
Thomas Wörtche ist längst zu einer Art Krimi-Ranicki geworden. Thomas Przybilka (gut, daß ich nicht im Hörfunk blogge!) und Axel Bußmer gefallen mir viel besser als Helmuth Karaseck. Pieke Biermann langweilt sowieso nie. So prägnant und direkt wünsche ich mir oft die Sigrid Löffler, die für meinen Geschmack manchmal mit zu dicken Samthandschuhen rezensiert.
Als meine Zähne wieder so bissen, wie es Literaturkritik sollte, reiste ich weiter in die alte Wagnerstadt Bayreuth.
Die Festspiele,für die man mir – wohl vorsichtshalber – nie eine Eintrittskarte gewährt, hatten zwar noch nicht begonnen, aber der Achtundneunzigjährige, den ich besuchen wollte, erwartete mich bereits an der Pforte des Pflegeheims, in dem er seit zwei Jahren lebt.
Von wegen ?Gebresten des Alters?! Keine Spur davon!
Auf den Treppen zur zweiten Etage war der ehemalige Laborchemiker schneller als ich. Alles eine Frage der Genetik? Durchaus nicht.
Ich bin zur Zeit auf der Suche nach den Geheimnissen ewiger ? nein, besser der bis in ein hohes Lebensalter bewahrten Vitalität. Jeder der vital gebliebenen Greise verfügt über ein anderes Rezept.
Wilhelm in Bayreuth läßt von seinem Arzt alle drei Monate sämtliche Laborwerte überprüfen und greift sofort ein, sobald sich ein Wert verändert hat. Ansonsten: jeden Morgen Gymnastik, bei der er unter anderem wie ein Klapperstorch abwechselnd nur
auf dem rechten oder linken Bein steht, um die beiden Hälften seines Gehirns zu synchronisieren. Sagt er jedenfalls.
Ich erkundige mich vorsichtig, weshalb dieser vitale Mann, der durchaus für sich sorgen könnte, in ein Pflegeheim umgezogen ist, und da deutet er lächelnd auf einen roten Alarmknopf neben seinem Bett. ?Falls mir etwas zustoßen sollte, möchte ich sofort um Hilfe bitten können?, sagt er. Er habe diesen Knopf bereits mehrfach ?versehentlich? berührt. Jedesmal sei danach wenig später ein Pfleger in sein Zimmer gekommen.
Überflüssig es zu erwähnen: er wird jedes Jahr in den Heimbeirat gewählt. Er verwaltet die Bibliothek des Seniorenheims. Und wenn einer der jungen Achtzigjährigen krank wird, unterhält er sich mit ihm und berichtigt oft die Diagnose eines Arztes.
?Alter?, so sagt er, als ich meinen Recorder ausschalte, ?wird hierzulande weitgehend sozial definiert. Ich habe mich nie darum gekümmert, was ein Mensch in meinem Alter angeblich nicht kann oder darf. Wenn ich an der Ostfront den russischen Zivilisten nicht Sulfonamid und Verbandsmaterial zugesteckt hätte, über das ich als Sanitäter verfügte, hätte ich den Krieg vermutlich nicht überlebt. Sowas war zwar verboten, aber auf mein Leben haben sogar die Partisanen geachtet.?
Offenbar ist der Mensch weit mehr Herr seines Schicksals, als ich zuvor vermutet hatte, denke ich, während mich das Taxi zum Bahnhof zurückbringt.
Inzwischen ist es in Dortmund so heiß, daß ich wieder nach Rom fliegen werde. Dort verkünden die Thermometer nur lächerliche zwanzig Grad Celsius. Und falls es so heiß wie hierzulande werden sollte: ich möchte seit langem herausfinden, wie lange mich die italienische Polizei im Trevibrunnen baden läßt.

Nachtrag: Peter Conrad hat herausgefunden, was das Wort “Rosebud” bedeutet, das mit dem Schlitten des Magnaten im Film “Citizen Kane” verbrennt. Es war der Kosename, mit dem Medienzar Randolph Hearst den Eingang des Gebärkanals seiner Geliebten bezeichnete. Und das ist uns Cineasten fünfundsechzig Jahre nicht bekannt gewesen.