Archiv für Mai 2007

Über Radfahrer, Manager, Viagra, Höchst-leistungen sowie den Unsinn von Dopingverboten

Sonntag, 27. Mai 2007

Seien wir doch ehrlich: haben wir es nicht alle gewußt? Daß die muskulösen jungen Männer, die tagelang auf Fahrrädern durch Frankreich strampeln, um ein T-Shirt zu bekommen, nach Genuß schlechter Chemikalien fehlgesteuert sein müssen?
Wissen sie etwa nicht, daß man ein Trikot ? auch ein gelbes ? in jedem Sportartikelladen für ein paar Euro kaufen kann und auf dem Mitternachtsmarkt in Chiangmai sogar für ein paar Cent?
Jetzt können wir wochenlang weder eine Zeitung aufschlagen noch das Fernsehgerät einschalten, ohne mit den bitteren Tränen, nein, nicht der Petra Kant, sondern der Radfahrer und ihrer Ärzte konfrontiert zu werden, die jetzt weinen, weil sie ein Naturgesetz des Radsports außer Kraft zu setzen versuchten: Ehrlich fährt am längsten.

Aber mit der Not wächst das Rettende auch. So ärgerlich das Doping der Radfahrer ist, es lenkt von jenen Siemens-Managern ab, die nicht etwa Epo oder Testosteron spritzten, sondern, schlimmer noch, Schmiergelder auf Schwarzgeldkonten parkten und potentielle Kunden dopten, was nicht nur verboten ist, sondern ungerecht. Seit Jahren telefonieren wir nur mit Siemens Handys, weil man mit denen nicht auch noch ständig fotografieren muß, aber Schmiergeld haben wir noch nie bekommen. Nicht einmal einen kleinen Treuebonus.
Stattdessen wurde die Siemens Handyproduktion an Chinesen vergeben, und wenn mein geliebtes Siemens ME 45 hinüber ist, gibt?s es Ersatz nur noch in Taiwan oder bei Ebay.
Und jetzt sollen die Radfahrer bei der Telekom sogar in Beschäftigungsgesellschaften ausgelagert werden. Ich vermute, damit durch längere Arbeitszeiten bei geringerem Lohn die Kosten für Dopingmittel und Ärzte erwirtschaftet werden können und bessere Dividenden für Aktionäre auch.

Ich frage mich allerdings, wo Doping anfängt und weshalb es immer noch, jedenfalls in manchen Sektoren unserer immer korrupter werdenden Gesellschaft, verboten ist.
Ist es nicht schon Doping, wenn inzwischen nicht wenige durch den Streß im Beruf völlig erschöpfte Dreissigjährige Viagra oder Cialis schlucken, um jene Leistungen zu erbringen, zu denen ein wesentlich gescheiterer (=faulerer) Siebzigjähriger allein durch den Anblick des hochgeschlitzten Chongsam einer seiner Geliebten veranlaßt wird?

Ist es etwa kein Doping, wenn Millionen mit Tranquilizern gedopte Mütter ihre hyperaktiven Kinder mit jenem Ritalin füttern, das mir mein Leibarzt nicht verschreibt, auch wenn ich in seiner Praxis verzweifelt jedesmal ?Lovely Rita, Ritalin…? singe?

Inzwischen ist der Leistungsdruck offensichtlich überall so groß, daß er vielfach ohne Doping nicht mehr zu bewältigen ist. Nur unsere alten Dichter sind davor gefeit, denn die Vermutung, die Spätwerke unserer Achtzigjährigen wären ohne Doping nicht möglich, ist sichtlich unbegründet. Dafür sind diese Romane zu schlecht und werden auch nur von gleichfalls nicht gedopten Großkritikern gepriesen. Das ist weder Benzedrin, noch Captagon oder dem bewährten Nazi-Speed, dem Pervitin anzulasten. Hunter S. Thompson schrieb eindeutig besser.

? Halt, da blickt mir Christine über die Schulter und fragt vorsichtig, ob jener Alkohol, den die meisten meiner Kollegen literweise trinken, weil sie nüchtern nicht schreiben können, nicht gleichfalls eine Rauschdroge sei, allerdings eine hierzulande nicht verbotene?

Eine sehr berechtigte Frage, auf die es nur eine richtige Antwort gibt: Wenn von immer mehr Menschen Anstrengungen gefordert werden, die sie ohne Dopingmittel nicht erbringen können, wäre es konsequent, deren Gebrauch all jenen zu gestatten, die zu blöd sind, sich diesem Leistungsdruck zu entziehen. Verhungern würden sie gewiß nicht, wenn sie das wagten. In unserem Lande wurden sogar schon Leute zwangsernährt, die überhaupt nichts essen wollten.

Nachtrag: Und was Radrennfahrer betrifft, so gehören endlich auch die erfolgreichsten Dopingdoktoren neben den Siegern auf das Podest. Ehre, wem Ehre gebührt!

Über Fußball, einen Sprunggelenkbruch, das Dortmunder Klinikum Nord sowie die Leserrezensionen der Internetbuchhändler

Sonntag, 13. Mai 2007

Einmal mehr haben wir einen jener Samstage überlebt, an denen Fußballfans in Dortmund Angst und Schrecken verbreiten. Bereits am Vormittag zog Deutschlands Zukunft gröhlend durch die Innenstadt, nachdem ein Teil der Fans schon während der Anreise in den Regionalzügen im Ruhrgebiet gesoffen, randaliert sowie unerträglichen Lärm abgesondert hatte.
Die Traditionsgegner Schalke 04 und Borussia Dortmund trafen aufeinander. Wie an jedem dieser schrecklichen Fußball- Samstage, an denen die Unterschicht die Stadt erobert, hatte die Polizei alle Hände voll zu tun. Sie begrüßte auswärtige Fans schon am Hauptbahnhof, war in der City und der Umgebung des Stadions “Verbrannte Erde” mit vielen grünen Autos unterwegs und hielt die Fans der beiden Mannschaften auseinander, soweit das möglich ist.
Wer nicht unbedingt am Samstag in eine der Einkaufsstraßen muß, um dringend eine Tasse zu kaufen, weil er nicht mehr alle im Schrank hat, bleibt an solchen Tagen zuhause.
Die Umsatzeinbußen der Einzelhändler sind ebenso exorbitant, wie die Kosten des Polzeieinsatzes, und da Borussia zu allem Unglück auch noch gewonnen hat, soffen und gröhlten die Fanatiker bis spät in die Nacht.
Wäre es nicht eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität, diese biertrinkenden Randalierer vor jedem Spiel ihres Vereins ähnlich in Vorsorgehaft zu nehmen, wie das jetzt für Globalisierungskritiker vorgesehen ist?

Über derlei ärgert man sich allerdings kaum noch, wenn man mit den Zuständen in manchen deutschen Krankenhäusern konfrontiert wird. Beispielsweise wenn meine Freundin Sibylle auf einer Treppenstufe ausrutscht, weil eine Putzfrau dort ihre Arbeit schlampig verrichtete. Facit: Sibylle muß mit dem Rettungswagen ins Klinikum Nord gebracht werden. Der Bruch ihres Spunggelenks wird mit Gipsverband ruhig gestellt. Ein paar Tage später sind die Schwellungen soweit zurückgegangen, daß sie operiert werden kann. Das geschieht nach besten schulmedizinischem Wissen und Können. Ein Stück Metall wird eingebaut. Die Wunde wird ordnungsgemäß versorgt.
Alles verläuft planmäßig. Nur am Morgen nach der Operation ruft mich die Freundin an und fragt, ob ihr Fuß wieder so angeschwollen sein darf wie nach dem Unfall und ob ein Drainageschlauch, der aus der Wunde ragt, verschlossen sein muß. Muß er keineswegs, doch erst als es die Patientin wagt, darum zu bitten, wird er geöffnet.
Ein paar Tage später bekommt sie als Abschiedsgeschenk von der Klinik zwei Krücken und einige Heparinspritzen. Wer ruhiggestellt ist und sich kaum bewegen kann, hat ein erhebliches Risiko, eine Embolie zu erleiden. Dagegen sorgt Heparin vor. Schulmedizinisch korrekt.
Wiederum wenige Tage später läßt sich die Patientin, wieder mit dem Rettungswagen, zurück in die Notaufnahme des Klinikums bringen, wo sie operiert wurde. Erhebliche Schmerzen im Thorax, sagt sie dem Aufnahmearzt. Jeder Atemzug bereite höllischen Schmerz.
Der Arzt, ein Chirurg, läßt sie röntgen ? und weist sie ab. ?Ihnen fehlt nichts?, verkündet er. ?Ich nehme Sie hier nicht auf. Gehen Sie wieder nachhause.?
Ach, der Zufall! Die Patientin hat riesiges Glück. Ein anderer, offensichtlich ein fähigerer Arzt veranlaßt eine weitere Untersuchung ? und läßt sie sofort in die Intensivstation einliefern. Seine Diagnose: eine Lungenembolie. Mehr als 25% der Lungenembolien endet mit dem Tode.
Sibylle hat großes Glück gehabt: Ein Arzt hat ihr das Leben gerettet – und einem Kollegen, der eine Patientin mit frischer Lungenembolie abwies, die Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erspart. Schulmedizinisch korrekt. Entschuldigt hat sich der Arzt, dessen Pfusch eine Patientin um ein Haar unter die Erde brachte, bei ihr keinesfalls.br />
Facit: Auch Ärzte können sich irren, aber solche Doktoren gehören, jedenfalls in einer guten Klinik, nicht in deren Notfallaufnahme. Abgesehen davon: Ich habe es schon immer für besser gehalten, vor einem deutschen Krankenhaus vom Auto überfahren als dort operiert zu werden. Nur eine Folge der Gesundheitsreform? Oder der Umwandlung von Krankenhäusern in Gesellschaften mit höchst beschränkter Haftung, die Gewinne erwirtschaften sollen und ihre Mitarbeiter für immer mehr Arbeit immer schlechter bezahlen? Ich weiß es nicht.

Ich weiß aber jetzt endlich, was von den Leser-Rezensionen zu halten ist, die Versandbuchhändler, z.B. Amazon, anonym im Internet veröffentlichen. Das verdanke ich einem Autor, den ich hier Horst nenne, weil ich ihn nicht noch mehr beschädigen möchte.
?Du mußt mir unbedingt helfen?, sagt Horst am Telefon. ?Du hast meinen Roman doch gelesen und gesagt, daß er Dir gefalle. Bitte rezensiere ihn und gib ihm bei Amazon fünf Punkte.?
?Und weshalb?? frage ich.
?Weil das Buch sonst ein Opfer von Frauenpower wird. Du weißt doch, daß ich mich vor einem halben Jahr von Elke getrennt habe.?
?Na und?? frage ich. ?Wir leben in einem verhältnismäßig freien Land.?
?Und ob. Aber Elke rächt sich auf fürchterliche Weise an mir. Die ersten beiden Leserrezensionen waren vorzüglich. Jeweils fünf Sterne. Aber inzwischen… Sechs weitere Rezensionen, und jede ein Verriß. Jeweils nur ein oder zwei Sterne.
Für den Versandbuchhandel ist der Roman so tot wie der Schlachthof von Chicago. Und ich weiß, wie das passiert ist. Elke hat viele Freundinnen, und jetzt semmelt mir eine nach der anderen einen Verriß ins Internet. Das wird dort völlig anonym veröffentlicht.?
?Kein Problem?, sagte ich. ?Ich schreibe sofort eine Hymne auf Deinen Roman, und stelle sie bei Amazon, BOL und anderen großen Internetbuchhändlern ins Netz. Danach rufe ich acht Freunde an, die das auch machen werden. In solchen Situationen hilft nur Männerpower. Selbstverständlich völlig anonym.?

Über Demonstrationen, ein verdächtiges T-Shirt sowie Sabine Deitmers Roman ?Perfekte Pläne”

Sonntag, 6. Mai 2007

Schon am sehr frühen Morgen des 1.Mai wurde ich durch häßliche Geräusche aus dem Schlaf gerissen. Sechs Polizisten waren damit beschäftigt, nein, die Straßenbaumaßnahme vor unserem Haus nicht etwa endlich zu beenden, sondern sie sammelten sämtliche Pflastersteine ein und transportierten sie ab.
Der Anlaß für diese vorsorgliche Maßnahme zur Gefahrenabwehr war uns bekannt. Die Freunde und Helfer in grün hatten rechtzeitig durch Handzettel darauf hingewiesen, daß sich Neonazis und Neosozialisten aus ganz Deutschland in Dortmund treffen wollen, um den Tag der Arbeit in der Stadt der Arbeitslosen auf ihre Weise zu feiern. Das geschah dann auch.
Als High Noon, allerdings ohne Gary Cooper, immer näher rückte, zogen zwanzig Minuten lang meist schwarz gekleidete junge Leute friedlich an unserem Haus vorbei. Sorgfältig beschützt und bewacht von den Polizisten, die gleichfalls aus dem ganzen Lande angereist waren. Deswegen beendeten wir allerdings keineswegs unsere privaten Orson Welles Festspiele.
Wir sahen uns ?Citizen Kane? an. Wir bewunderten “Gregory Arkadin”, inzwischen wohl das übertroffene Vorbilld der Hedgefonds-Manager in aller Welt. Wir erinnerten uns mit der ?Lady of Shanghai? an eine Zeit, zu der in Amerika die Polizei schon eingriff, wenn sich zwei Unverehelichte in der Öffentlichkeit auch nur küßten.
?Schade, daß es sowas nur noch in Indien und Saudi-Arabien gibt?, seufzte Karin. ?Hierzulande könnten wir in jeder Grünanlage an der Bevölkerungsstatistik arbeiten, doch seit das nicht mehr verboten ist, ist Sex langweilig geworden. Kinder werden wohl nur noch in der Unterschicht hergestellt.?
Das ist gewißlich wahr! Auch wir wanderten lieber noch mit Harry Lime durch das schon 1945 erheblich zerstörte Wien, als lüstern übereinander herzufallen.
Wir genossen noch den großartigen Film ?2046? von Wong Kar Wai, dann fuhren immer mehr grün lackierte Autos am Haus vorbei. Ich griff nach dem Fotoapparat, eilte zum Denkmal Kaiser Wilhelms, der in einer kleinen Gründanlage sonst nur auf einige Alkoholiker aufpaßt. Jetzt randalierten dort schwarz gekleidete junge Menschen, warfen Fahrräder und Mülltonnen um und zündeten kleine Maifeuer auf der Straße an, die von Feuerwehrmännern allerdings schnell gelöscht wurden.
Die Polizei arbeitete, wie stets bei solchen Anlässen, vorzüglich. Das Duett der Nazis mit den Autonomen geriet keinen Augenblick außer Kontrolle. Sogar mein wunderschönes schwarzes Black Beard?s T-Shirt mit einem großen Totenkopf und dem Aufdruck ?We steal only the finest Ingredients? auf der Brust (wollte Iris mit diesem Geschenk auf meine Übersetzungen hinweisen?) geriet nur zweimal in Gefahr, festgenommen zu werden.
Ach, wie schön wäre es, wenn die Mitarbeiter unserer Buchverlage mit derselben Sorgfalt und Begeisterung arbeiteten!br />
Da hat Sabine Deitmer, die mit ihrem ?Bye bye Bruno? den deutschen, leicht feministisch gewürzten Frauenkrimi erfand, für den Wolfgang Krüger Verlag ein wunderbares Manuskript geschrieben.
?Perfekte Pläne? heißt der Roman, in dem sie das Elend des Alters mit einem Mord verknüpft. Hat der Verlag an diesem Buch ein weiteres Verbrechen begangen?
Für den Schutzumschlag jedenfalls wurde dasselbe Motiv verwendet, das schon Deitmers ?Scharfe Stiche? zierte: ein Messer mit einem Blutstropfen.
Wollte man damit andeuten, daß man die Autorin töten wollte oder sparte man an ihrem Roman nur, weil der Etat Werbung und Öffentlichkeitsarbeit durch den Großeinsatz für den gerade angesagten amerikanischen Bestseller ?Die alltägliche Physik der Unglücks? von der sehr schönen Marisha Pessl verbraucht war?
Nicht einmal Sabines Auszeichnung mit einem bedeutenden deutschen Krimipreis wurde von Verlag für Werbemaßnahmen genutzt. Das übliche Schicksal von midlist-Titeln.
Was von einem Verlag zwar verlegt, aber nicht durch ein Mindestmaß an Werbung unterstützt wird, fällt ? Ausnahmen bestätigen die Regel ? durch den Rost.
?Ein Verlag kann den Erfolg eines Buches zwar nicht herstellen?, sagte mir mal der legendäre Econ Verleger Erwin Barth von Wehrenalp. ?Aber er kann ihn sehr wohl verhindern.?
Recht hat der Mann! Ich frage mich nur, weshalb unsere Verlage Titel veröffentlichen, die sie nicht lieben, unterstützen und auf dem Markt durchsetzen wollen.
Wäre es nicht wirtschaftlich sinnvoller, ihre Haifische, die geplanten Bestseller, ohne begleitende Pilotfische in den Markt zu drücken? – Zugegeben, die Programmvorschauen wären dann ziemlich dünn. Aber sie wären wenigstens ehrlich.

Nachtrag: Als die privaten Fernsehsender der Türkei über die Demonstrationen gegen die Wahl eines AKP Fundamentalisten berichteten, wurde in Teilen der Türkei der elektrische Strom abgeschaltet, damit die Ost-Anatolier nicht sehen konnte, was in Istanbul los war. Da sind unsere Fernsehanstalten doch entschieden moderner. Sie berichten über derlei kaum oder gar nicht.