Über zwei erfolgreiche Ärzte, das Maria-Hilf-Hospital sowie deren Geschäftsmodelle ? Heute nur ein Medizin Blog

Per Fleurop bekomme ich einen großen Blumenstrauß, gelbe Rosen und (vermutlich) Nieswurz, mit dem sich Doris dafür bedankt, daß ich ihr vor drei Wochen die Einweisung in ein Krankenhaus ersparte.
?Mir geht es sehr schlecht?, klagte sie damals im Café, als sie kaum sitzen konnte, was bei ihr keinesfalls auf heisse Sadomaso-Spiele zurückzuführen sein konnte. Nein, sie litte seit Wochen an einem Ekzem, das ihre Sitzfläche so rot wie die eines Pavians aussehen lasse.
Ihre Hautärztin habe, so sagte sie aufgeregt, sämtliche möglichen Allergie-Tests mit ihr veranstaltet und wisse nicht mehr weiter. Es müsse sich um eine Auto-Immunkrankheit handeln, die zunächst mit einer Darmspiegelung abgeklärt werden müsse.
Nun kenne ich Doris und ihr Streben nach größtmöglicher Reinheit. Sie gibt niemandem die Hand. Sie säubert im Restaurant Messer und Gabel mit einem Sanitärtuch. Sie faßt jede Türklinke, nein, nicht mit Messer und Gabel, sondern mit einem Zellstofftuch an. Nur ihren Mann faßt sie ohne Handschuhe an. Behauptet sie jedenfalls.
?Nun ja?, sagte ich taktvoll. ?Darüber spricht man zwar nicht, aber betrachte mich sozusagen als Deinen Arzt. – Womit reinigst Du nach dem politisch korrekten Stuhlgang dein Hinterteil??
?Natürlich mit einem Feuchti?, sagte sie errötend. ?Das mache ich seit Jahren so.?
?Sehr schön und sehr sauber?, sagte ich. ?Das machst du ab jetzt anders! Entweder nimmst Du einen trockenen Bestseller (zum Beispiel einen Roman von Fred Vargas) mit ins kleinste Zimmer eures Hauses und bringst ihn dort nach und nach hinter dich, oder du entscheidest dich für eine Rolle Hakle. Steh auf und wandele! In spätestens vierzehn Tagen bist du geheilt.?
Das wurde sie auch. Auf einer Postkarte, die aus dem Blumenstrauß herausragte, teilte sie mit, daß ihr Ekzem nach wenigen Tagen verschwunden war.
Ja, bei all meiner Bescheidenheit, die Gesundheitsreform zwingt mich, ein immer besserer Geisterheiler zu werden. Noch eine Fallgeschichte? Aber ja doch!

Mein Freund Klaus klagte seit Monaten über ständige Müdigkeit und körperliche Schwäche, die ich auf seinen Schlaftrunk (eine Flasche Chablis) zurückführte, mit dem er das Ende der meisten Tage bei Klassischer Musik (meist Tschaikowski, nicht mein Fall) zu feiern pflegte. Von vierzehn Tage konnte ich ihn plötzlich eine Woche lang nicht erreichen.
Vermutlich Thailand, dachte ich. Klaus wird prüfen wollen, ob Houellebecq gründlich recherchiert hat. Der Gedanke an Chiang Mai machte mich ziemlich neidisch. Ich war drauf und dran, seinem Beispiel zu folgen, doch dann meldete er sich zurück.
?Haben die Frauen in Thailand endlich längere Beine?? erkundigte ich mich sexistisch.
?Keine Ahnung! Im Krankenhaus waren nur Schwestern aus Korea.?
“Auch meistens viel zu kurz”, sagte ich traurig.
Da ich regelmäßig hören muss, ich postete zu lang, werde ich mich jetzt kurz fassen. So kurz wie die Beine der meisten Frauen in Chiang Mai.
Von wegen Thailand! Klaus war in der Sauna umgekippt, hatte sich den Kopf aufgeschlagen und war von den Sanitätern ins Maria-Hilf-Hospital eingeliefert worden, wo man ihn eine Woche lang untersucht hatte.
?Und was haben die Ärzte gefunden??
?Nichts. Ich muß in vierzehn Tagen nochmal dort hin. Eine Kathederuntersuchung.?
Nun berichten mir meine Freundinnen und Freunde grundsätzlich, welche Medikamente sie einnehmen. Schon aus Selbstschutz.
Klaus schluckte nach einem leichten Hinterwandinfarkt Bludrucksenker, Statine sowie einen Betablocker. Vermutlich zur Abschaffung seiner Potenz. Meine Diagnose erfolgte wie stets ohne jedes Gerät mit Sir Ockhams Rasiermesser.
?Nimmst Du immer noch jeden Tag deine drei Medikamente, die man dir vor fünf Jahren nach dem Infarkt verschrieben hat??
Er nickte. ?Meine Ärztin gibt mir alle sechs Wochen ein neues Rezept dafür.?
?Ärzte, Schmärzte?, sagte ich. ?Du begibst dich so schnell wie möglich zu einem anderen Kardiologen, der dir vermutlich aus Prinzip gestatten wird, nur die Hälfte der bisherigen Dosis zu schlucken. Man muß den Arzt von Zeit wechseln, damit einer die Fehler des anderen korrigiert. Das sieht unser Gesundheitssystem so vor.?
Wie ich vermutet hatte, verringerte der andere Kardiologe (schon aus Selbstachtung) die Menge des chemischen Cocktails. Seither läuft Klaus bereits am frühen Morgen, um halb zehn, hellwach durch den Sachsenwald. Keine Spur mehr von Müdigkeit oder Schwäche, obwohl er nach wie vor abends Tschaikowski hört. Neuerdings nicht mehr allein, sondern mit Karin. (Kampf den Betablockern! Besser tot als impotent!)
Zugegeben, ein weniger sensibler Leser könnte daraus folgern, die Hälfte der deutschen Ärzte wäre unfähig, und das Problem bestehe vor allem darin, dass man meist erst nachher bemerke, zu welcher Hälfte ein Mediziner gehöre. Diese Annahme wäre erheblich verkürzt.
Ich weiß inzwischen, dass Doris für die Allergie-Tests 1200 Euro bezahlen mußte. Der einwöchtige Krankenhausaufenthalt wurde mit 3600 Euro vergleichsweise günstig berechnet.
Facit: Sowohl die Dermatologin als auch das Krankenhaus haben wirtschaftlich vorbildlich gehandelt. Wenn die Hautärztin gefragt hätte, auf welche Weise Doris ihren Hinterausgang reinigt, wenn die Kardiologin geprüft hätte, ob die nach einem Infarkt verordneten Medikamente fünf Jahre später noch in der damals vermutlich gebotenen Dosis erforderlich sind, hätten beide zweifellos weniger Umsatz erzielt. Wollen wir, dass unsere Ärzte uns auf der Straße anbetteln müssen? Standesgemäß mit dem Spruch: “Ey, Alter, haste mal tausend Euro?” – Natürlich wollen wir das nicht.
Überflüssig, es zu erwähnen: beide Patienten sind wie ich privat krankenversichert. Von uns kassieren die Ärzte und Kliniken, was die Gesetzlichen Krankenversicherungen nicht mehr hergeben. Wir Privatpatienten leben zweifellos gefährlich. Aber jeder muß irgend ein Opfer bringen.
Nachtrag: Sabine Deitmer hat mit ?Perfekte Pläne? (Krüger) ein großartiges Psycho- und Soziogramm der Situation eines wohlhabenden Familienvaters veröffentlicht, der seinen Ärzten nicht über den Weg traute und deshalb zu alt wurde. Dazu demnächst mehr. Erstens möchte ich den Roman nochmal lesen und zweitens, wenn ich ihn jetzt ausführlich lobe und preise, wird dieses posting wieder zu lang.

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