Über Hartz IV, Bettler in den Innenstädten, Buchandlungen in Dublin, den neuen Krimi von Patricia Cornwell sowie die Unvernunft deutscher Buchverleger

Zuerst die schlechte Nachricht: die nach einem sinnenfrohen VW- Vorstand benannte Reduzierung deutscher Sozialleistungen funktioniert. Die gute Nachricht: die Betroffenen werden kreativ und reformieren die alte Kunst des Bettelns.
Zugegeben, das einfallslose Bettlerproletariat bettelt noch immer mit Methoden aus der frühen Steinzeit. Dessen Angehörige wandern durch die Städte, halten den Passanten ihren Pappbecher unter die Nase und bitten um Kleingeld. Doch diese Technik stirbt allmählich aus.
Der moderne Bettler ist stationär. Er setzt sich in einer Einkaufsstraße auf das Pflaster. In noch katholisch geprägten Gegenden hat er oder sie einen Papp- oder Blechkasten vor sich stehen, in dem das Bild einer Madonna oder eines Heiligen still zu milden Gaben auffordert.
Muslime sind hier im Nachteil. In ihrer Religion gibt es keine Heiligen. Bilder von ihnen schon gar nicht. Muslime knien auf dem Pflaster, haben einen Pappbecher vor sich stehen und recken dem Passanten ihre bittend aufeinander gelegten Hände entgegen.
Die bosnische Methode des einzig wahren Kniefalls – Kopf Richtung Saudi-Arabien, das Gesäß hoch zum Himmel gestreckt – wird nur noch selten angewendet. Sie schädigt auf Dauer die Gelenke.
Am erfolgreichsten sind derzeit Jugendliche, die eine Decke auf dem Pflaster ausbreiten, sich darauf aber nicht allein niederlassen, sondern mit einer Hündin und deren Welpen.
Die meisten Leute lieben Hunde nun einmal entschieden mehr als Menschen. Auch ich verteile hier die meisten Almosen.
Von meiner Gewohnheit, diesen Bettlern Hundefutter aus dem Supermarkt zu schenken, mußte ich leider abkommen, nachdem mich eine Witwenrentnerin darauf aufmerksam machte, daß ich ihr das Essen weggkaufe, da sie sich seit Harz IV vorwiegend von Chappi ernährt. Seither gibt es von mir nur noch Bargeld.

Abgesehen davon, zehn Dosen Hundefutter sind nicht leicht zu tragen. Vermutlich habe ich mir bei deren Transport einen leichten Anfall von Ischias zugezogen, der mich veranlaßte, nach Dublin zu fliegen.
Dort gibt es in 55 Grafton Street das Zentrum für traditionelle Chinesische Medizin, in dem Könner arbeiten. Ein kurzer Ruck, ein Schrei, ein sanfter Druck, ein leises Stöhnen ? schon kroch der Schmerz nicht mehr aus meinem Gesäß Richtung Knie.
Auf der Parnell Street feierte ich den Erfolg des Chinesen mit einem Glas Guinness und einer großen Portion Codfish. Dann gelüstete es mir nach geistiger Nahrung.
Da es in Ire keine Preisbindung für Bücher mehr gibt, werden die gerade angesagten Werke der bestselling authors zwar wie bei uns in riesigen Stapeln angeboten, doch wer zwei dieser Taschenbücher kauft, bekommt das dritte kostenlos.
In den Niederlassungen der großen Buchhandelsketten steigert man auf diese Weise den Umsatz, was hierzulande nicht möglich ist, solange es die Preisbindung gibt.
Mich interessieren allerdings weniger die bestselling, sondern die bestwriting authors. In der großen Buchhandlung Chapters, nach wie vor in der Parnell Street, hält man die von den Verlagen empfohlenen Verkaufspreise offensichtlich auch für einen guten Witz.
Die hervorragende Orson Welles Biografie von Peter Conrad, empfohlener Preis 29 British Pound, gibt es in der gebundenen Ausgabe für 12,99 Euro. Gut, von diesem Titel ist inzwischen eine Taschenbuchausgabe erschienen.
Doch auch die brandneue Patricia Cornwell, At Risk, vorgeschlagener Ladenpreis 16,90 Euro, wird für 4,99 Euro angeboten. Da kann ich nicht widerstehen, nehme das Taschen-buch mit.
Einhunderteinundachtig Seiten, gerade richtig für den eineinhalbstündigen Rückflug, und als ich mich im Airbus darüber her mache, bin ich verblüfft.
Keine Spur von der Klaustrophobie der Kay Scarpetta Romane! Ein beeindruckend geschriebener Kriminalroman, an dessen Anfang eine widerliche Staatsanwältin an ihr Bett gefesselt wird, was nie falsch sein dürfte, sowie ein erheblich unterbezahlter Polizist auf eigene Faust einen Mord aufklärt, der sich vor zwanzig Jahren ereignete. Ja, damals gab es noch keine DNA -Analysen, und damit kennt sich die ehemalige Gerichtsmedizinerin Cornwell nun einmal am besten aus. Wie mit dem ärmlichen Leben der amerikanischen Polizisten.
Cornwells Held Win kann sich seine Armani-Anzüge nur aus dem Secondhand Shop leisten. Dieser Krimi ist handwerklich gelungen. Derart gute Arbeit regt immer an, ihr nachzueifern. Warum nicht einmal den Massenmord an den kleinen und mittelgroßen Buchhandlungen aufklären?

Ja, wir haben in Deutschland für Bücher gebundene Ladenpreise. Sie sollen, das sagt man uns jedenfalls immer, die literarische Vielfalt und den Fortbestand mittelgroßer und kleiner Buchhandlungen ermöglichen. Aber tut der gebundene Ladenpreis das?
Gewiß nicht, wenn er zwar für die Buchhändler gilt, unsere Verlage jedoch den Großbuchhändlern horrende Rabatte gewähren, die zwar ? dem steht die Preisbindung im Wege – nicht zu niedrigeren Preisen für den Leser führen, den Großbuchhändlern aber jenen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen, der sie unermüdlich expandieren läßt. Im Einkauf liegt bekanntlich der Segen.
Der mittelgroße Buchhändler bekommt für seine 3 Exemplare eines Titels um die 40% Rabatt.
Die große Buchhandelskette kauft unter mindestens 50% vielfach nicht mehr ein, und nach oben ist bei vielen Verlagen der Rabatthimmel offen.
Mit Jahresumsatzpauschalen, Werbekostenzuschüssen, Aktionspauschalen und Schaufenstersonderzuschüssen und anderen heimlichen Preissenkungen kauft die Kette praktisch meist mit 65% Rabatt ein.
Preisbindung hin, Preisbindung her ? durch die ausgewiesenen und versteckten Mengenrabatte, die sie den großen Buchhandelsketten gewähren, begünstigen Verlage diese Großeinzelhändler. In immer mehr Städten haben sie bereits ein Monopol.
Da ist es kein Wunder, daß Buchhandelsketten inzwischen die Konditionen bestimmen und für Verlage noch ungünstigere Bezugsbedingungen durchsetzen können.
Gewiß, jeder Verlag will so viel Umsatz wie möglich erwirtschaften. Aber auch ein Verlag lebt nicht von Umsätzen, sondern vom Gewinn.
Wie sagte doch ein weiser alter Indianer? Erst wenn es hierzulande nur noch eine einzige Buchhandelskette gibt, werden die Verlagsmanager merken, daß man Umsätze nicht essen kann. Ein neuer Fall für Kay Scarpetta? ? Nein, eher für die Verlegerverbände. Sonst müssen sich auch die ehemaligen Mitarbeiter der mittelgroßen und kleinen Verlage bald nach einer Wolldecke, einer Hündin und einigen Welpen umsehen.
Kein Wort gegen die Preisbindung. Aber mit Großmengenrabatten und einer Vielzahl versteckter Boni wie einem Fixum für Regalflächen, Sondertische sowie dem Remittenden-Verhinderungs-Bonus usw. schaufeln sich die Buchverlage ihr eigenes Grab.

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