Über das Krimijahrbuch 2007, meinen Backenzahn und einen Alten Mann ohne Meer

Alle Systeme arbeiten normal. Auch ein Backenzahn, der eine Füllung verlangte und bekam. Da mein Zahnarzt, wohl in Folge der Gesundheitspolitik hierzulande, am Blaupapier spart, mit
dessen Hilfe man den Biß nach zahnärztlichen Handungen prüfte, gerieten Oberkiefer und Unterkiefer in einen jener Konflikte, die ich sonst nur im Spiegel Online Forum beobachte.
Das nervte, aber ein Zahnarzt in Nürnberg brachte das schnell in Ordnung.
Wenigstens die ICE?s und IC?s sind noch halbwegs pünktlich. Ich wundere mich nur, daß es auf den feinen Bildschirmen auf der Rückseite der Sitze noch immer kein Fernsehprogramm gibt. Bereitet Herr Mehdorn auf diese Weise den Börsengang des Unternehmens vor?
Aber bekanntlich sind mit vielen Nachteilen wenigstens einige Vorteile verbunden. So konnte ich in Ruhe das Krimijahrbuch 2007 aus dem Nordpark Verlag studieren, das wieder voll und ganz gelungen ist.
Ja, es gibt inzwischen eine ernst zu nehmende Kritik im Genre.
Thomas Wörtche ist längst zu einer Art Krimi-Ranicki geworden. Thomas Przybilka (gut, daß ich nicht im Hörfunk blogge!) und Axel Bußmer gefallen mir viel besser als Helmuth Karaseck. Pieke Biermann langweilt sowieso nie. So prägnant und direkt wünsche ich mir oft die Sigrid Löffler, die für meinen Geschmack manchmal mit zu dicken Samthandschuhen rezensiert.
Als meine Zähne wieder so bissen, wie es Literaturkritik sollte, reiste ich weiter in die alte Wagnerstadt Bayreuth.
Die Festspiele,für die man mir – wohl vorsichtshalber – nie eine Eintrittskarte gewährt, hatten zwar noch nicht begonnen, aber der Achtundneunzigjährige, den ich besuchen wollte, erwartete mich bereits an der Pforte des Pflegeheims, in dem er seit zwei Jahren lebt.
Von wegen ?Gebresten des Alters?! Keine Spur davon!
Auf den Treppen zur zweiten Etage war der ehemalige Laborchemiker schneller als ich. Alles eine Frage der Genetik? Durchaus nicht.
Ich bin zur Zeit auf der Suche nach den Geheimnissen ewiger ? nein, besser der bis in ein hohes Lebensalter bewahrten Vitalität. Jeder der vital gebliebenen Greise verfügt über ein anderes Rezept.
Wilhelm in Bayreuth läßt von seinem Arzt alle drei Monate sämtliche Laborwerte überprüfen und greift sofort ein, sobald sich ein Wert verändert hat. Ansonsten: jeden Morgen Gymnastik, bei der er unter anderem wie ein Klapperstorch abwechselnd nur
auf dem rechten oder linken Bein steht, um die beiden Hälften seines Gehirns zu synchronisieren. Sagt er jedenfalls.
Ich erkundige mich vorsichtig, weshalb dieser vitale Mann, der durchaus für sich sorgen könnte, in ein Pflegeheim umgezogen ist, und da deutet er lächelnd auf einen roten Alarmknopf neben seinem Bett. ?Falls mir etwas zustoßen sollte, möchte ich sofort um Hilfe bitten können?, sagt er. Er habe diesen Knopf bereits mehrfach ?versehentlich? berührt. Jedesmal sei danach wenig später ein Pfleger in sein Zimmer gekommen.
Überflüssig es zu erwähnen: er wird jedes Jahr in den Heimbeirat gewählt. Er verwaltet die Bibliothek des Seniorenheims. Und wenn einer der jungen Achtzigjährigen krank wird, unterhält er sich mit ihm und berichtigt oft die Diagnose eines Arztes.
?Alter?, so sagt er, als ich meinen Recorder ausschalte, ?wird hierzulande weitgehend sozial definiert. Ich habe mich nie darum gekümmert, was ein Mensch in meinem Alter angeblich nicht kann oder darf. Wenn ich an der Ostfront den russischen Zivilisten nicht Sulfonamid und Verbandsmaterial zugesteckt hätte, über das ich als Sanitäter verfügte, hätte ich den Krieg vermutlich nicht überlebt. Sowas war zwar verboten, aber auf mein Leben haben sogar die Partisanen geachtet.?
Offenbar ist der Mensch weit mehr Herr seines Schicksals, als ich zuvor vermutet hatte, denke ich, während mich das Taxi zum Bahnhof zurückbringt.
Inzwischen ist es in Dortmund so heiß, daß ich wieder nach Rom fliegen werde. Dort verkünden die Thermometer nur lächerliche zwanzig Grad Celsius. Und falls es so heiß wie hierzulande werden sollte: ich möchte seit langem herausfinden, wie lange mich die italienische Polizei im Trevibrunnen baden läßt.

Nachtrag: Peter Conrad hat herausgefunden, was das Wort “Rosebud” bedeutet, das mit dem Schlitten des Magnaten im Film “Citizen Kane” verbrennt. Es war der Kosename, mit dem Medienzar Randolph Hearst den Eingang des Gebärkanals seiner Geliebten bezeichnete. Und das ist uns Cineasten fünfundsechzig Jahre nicht bekannt gewesen.

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