Über Chiaras Guzzi, Andrea M. Schenkels ?Tannöd?, Plagiate sowie eine Kriminalstory aus dem Volksvermögen

Alle Systeme arbeiten verläßlich. Die cornetti aus der italienischen Großbäckerei Cerbiatto munden mir wie stets vorzüglich. Wie schaffen es die baristi Italiens eingentlich, einen hervorragenden cappuccino für höchstens einen Euro zu verkaufen, während ich für eine niemals ganz volle Tasse kaum genießbarer Brühe in Deutschland weit mehr als zwei Euro zahlen muß?
Das allein wäre ein Grund, meine Notunterkunft in Deutschland zu kündigen und nach Rom umzuziehen, wäre dort der Straßenverkehr nicht so chaotisch, daß sogar Bankangestellte in dunkelblauem Versaceanzug, blendend weißem Oberhemd und Krawatte ihre bella figura mit einem Motorradschutzhelm krönen, bevor sie morgens auf ihrer Vespa zum Büro fahren, wenn sie dort halbwegs pünktlich ankommen wollen.
Chiara wirkt auf mich wie Lara Croft, als ich mich auf den Soziussitz ihrer Guzzi setze. Sie brettert los, schlängelt sich (und leider auch mich) in wildem Zickzack zwischen den in Rom grundsätzlich im Stau stehenden Autos durch.
Automatisch fange ich an, jenes Mantra zu rezitieren, das mir mein Grundlama für solche das Leben gefährdenden Situationen beigebracht hat.
Wie damals in Bad Reichenhall, als mich Renate überredete, auf einem schwankenden, an einem Drahtseil hängenden Klappstühlchen, nur durch einen dünnen Kleiderbügel vor dem Bauch vor dem Absturz geschützt, hinter ihr über tiefe Abgründe hinauf zum Predigtstuhl zu fahren. Nie wieder werde ich mit so einem Sessellift fahren, auch wenn die Veröffentlichung von Büchern ähnlich gefährlich ist.

Da hat sich eine Mutter in der schönen Pfalz hingesetzt und einen schlichten Kriminalroman geschrieben. Sie verfügt offenbar über ein Mantra, das die Kritik auf ihr Werk aufmerksam werden läßt. Und ein Wunder geschieht!
Obwohl ?Tannöd?, semi-dokumentarisch und multi-perspektivisch angelegt, von einem kleinen Verlag veröffentlicht wurde, erhält Frau Schenkel Krimipreise. Elke Heidenreich lobt und preist den Roman, was mich immer mißtrauisch stimmt.
Was Frau Heidenreich empfiehlt, erscheint mir, nun ja, meistens als biederer mainstream, als Hausfrauenliteratur, auch wenn deren Autoren oft berühmte Frauen oder Männer sind.
Sorry, aber was Frau Heidenreich gefallen hat, lese ich nur im Notfall. Zum Beispiel, wenn sich eine Krimiautorin plötzlich gegen den Plagiatsvorwurf eines Sachbuchautors wehren muß, der denselben mehrfachen Mord vor ihrer Veröffentlichung in zwei Sachbüchern aufbereitete, von dem sie in ihrem Roman erzählt. Grund genug, sich durch alle drei Bücher zu quälen und sich zu einem schwebenden Verfahren zu äußern.
Das Ergebnis meiner quälenden, jedoch gründlichen Lektüre aller drei Werke: Bullshit!
Ja, in einigen wenigen Passagen mutmaßt und vermutet Frau Schenkel ähnlich, wie Peter Leuschner vermutete. Ich wäre, lediglich auf Grund der Fakten, zu ähnlichen Psychogrammen gelangt. Die erheblich unterbelichteten Bewohner vergessener Dörfer in Ober- oder Niederbayern, Ober- und Unterfranken oder meinetwegen auch der Pfalz sind so und denken so. Das wissen wir, spätestens seit Martin Sperr und Franz Xaver Kroetz.
Das Leben ist, auch wenn es vorzeitig unter einer Spitzhacke endet, nun einmal urheberrechtlich nicht geschützt.
Hat Goethe Marlowe und dazu noch ein uraltes Volksbuch aus dem Jahre 1587 plagiiert, als er Faust schrieb? Wurde er danach, sozusagen als karmische Vergeltung, von Paul Valèry und zahllosen anderen plagiiert? – Bullshit!

Die besten Stories liefert nun mal das Leben. Es kommt nur darauf an, was man daraus macht!
Meine Freundin Christine erzählte mir, was eine Freundin einer Freundin erlebt hat. Oder erlebt haben soll. Oder erfunden hat: einen wunderbaren plot!
Da lernt ein Mädel aus dem Ruhrgebiet in einem chatroom einen jungen Mann aus München kennen. Beide gehen in private chats. Beide tauschen Fotos aus. Beide gefallen sich immer besser. Klar, daß da Begierde aufkommt. Schließlich verabreden sie sich.
Die junge Schöne will ihn in der Weltstadt mit Herz besuchen, aber ach, schon auf dem Wege zur Autobahnauffahrt gibt der Motor ihres KIA den Geist auf.
?Kein Problem?, e-mailt er. ?Dann setze ich mich in meinen Daimler und komme zu Dir.? Das geschieht, und jetzt springe ich über zwei Tage, damit dieser blog nicht pornös wird.
Drei Tage später empfindet das Mädel jene Störung des weiblichen Wohlbefindens, die meine Schweizer Freundin Jutta vor langer Zeit stets ?Besuch vom Weißfluss-Fränkli? zu nennen pflegte.
Also steht ein Besuch bei der Gynäkologin an. Die ist wider Erwarten gründlich. Sie verschreibt nicht nur Antibiotika, sondern schickt einen Abstrich in ein Histologisches Laboratorium.
Zwei Tage später geht es dem verliebten Mädel schon wesentlich besser, als es einen Anruf der Gynäkologin bekommt. Es solle unverzüglich deren Praxis aufsuchen. AIDS, denkt das Mädel erschrocken, aber da irrt es sich.
Zwei Kriminalbeamte warten in der Arztpraxis auf die schon weniger verliebte Schönheit, und verkünden ihr auf dem Revier, daß in ihrem Abstrich Zellgewebe einer Toten gefunden wurde.
Entweder hätte sie mit einem Leichenschänder übernachtet oder, schlimmer noch, mit einem Mörder, der sich nach der Tat an seinem Opfer vergangen habe. Zögernd rückt das Mädel die Anschrift ihres nun überhaupt nicht mehr geliebten Partners heraus, in dessen Wohnung die Münchener Polizei Teile des Körpers einer toten Frau findet.
Als ein Kriminalbeamter der jungen Frau später mitteilt, sie habe Glück gehabt und wäre wohl das nächste Opfer gewesen, wenn sie nach München gefahren wäre, dreht die Schönheit durch und muß in die Psychiatrie gebracht werden.
Erfinden unsere jungen Frauen inzwischen solche Geschichten? Regen Fernsehserien wie CSI New York oder Criminal Intent die Phantasie von nabelfreien Jeansträgerinnen an? Oder hat die Freundin der Freundin Christines diese Geschichte irgendwo gelesen und modifiziert?
Renate meint, ich solle einen Roman daraus machen. Serienmörder und Internet, das müsse ein Bestseller werden. Vielleicht gar keine schlechte Idee. Dann wirft mir in einem Jahr vermutlich ein Mörder vor, ich hätte das Urheberrecht an seiner Leiche verletzt, und mein hervorragender Rechtsanwalt könnte endlich einmal richtig viel Geld verdienen, weil jemand welches von mir will. Wie von Dan Brown, Frank Schätzing und jetzt, nun ja, Andrea M. Schenkel. Willkommen im Club.

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