Über Forensiker, den Fernheiler Wilhelm Elges sowie einen Bestseller von Jeff Abbott

Von wegen bloggin? in the wind! ? Kaum habe ich das schockierende Liebesabenteuer ins Internet gestellt, bekomme ich die erste e-mail, mit der ich gefragt werde, ob ich eine solche Lügengeschichte tatsächlich für möglich halte. Halte ich nicht und habe auch meine Zweifel deutlich angemerkt.
Ich bezweifle auch, daß eine weiße amerikanische Ehefrau, die ausschließlich mit ihrem weißen amerikanischen Ehemann den einzig wahren Orgasmus suchte, ein schwarz /weiß kariertes Baby auf die Welt brachte, weil eine weiße Prostituierte, von der sich der weiße amerikanische Ehemann auf dem Heimweg vom Büro beglücken ließ, es zuvor mit einem farbigen Kunden getrieben hatte.
Hätte ich nur nicht wenig später eine weitere e-mail bekommen, in der mir ein Mikrobiologe mitteilte, daß es nicht auszuschließen sei, daß die Gynäkologin der jungen Schönen in einer Bakterienkultur Erreger entdeckt hätte, die am Fundort nichts zu suchen hätten.
Schließlich verständigten Krankenhäuser die Polizei auch, wenn sie bei der Untersuchung des Blutes eines Patienten deutliche Hinweise auf den Genuß (?) von Rauschdrogen fänden. Dafür habe das Labor seines Krankenhauses sogar extra das Laborkit für einen Schnelltest auf Rauschdrogen angeschafft.
Nun mag ich Große Koalitionen in der Wissenschaft ebenso wenig wie in der Politik. Ich bitte meine Freundin Jutta, eine weitere Gynäkologin zu befragen, deren Urteil vernichtend ist. Bullshit. Ganz und gar unmöglich. Das Mädel hat eine zu lebhafte Phantasie.
Ach, wenn nur Christa, eine höchst vorsichtige Internistin, nicht einen Tag später der Ansicht des Mikrobiologen behutsam zugestimmt hätte. ?Für möglich halte ich grundsätzlich alles. Es gibt Bakterien, die den Körper eines Toten zersetzen. In einer gesunden Frau findet man sie nicht. Aber ob diese Geschichte eine Ausgeburt der Phantasie ist oder nicht, wird letztlich nur ein Forensiker entscheiden können.?
Da kann ich nur hoffen, daß einer von ihnen diesen Blog liest und meine Zweifel beseitigt.

Überhaupt, meine Zweifel! Auch wenn es so erscheint, daß die Massenmedien in jeden Winkel leuchten ? es gibt noch Informationen, die hinter vorgehaltener Hand von Mund zu Mund transportiert werden.
?Vielleicht kann dir Wilhelm helfen?, sagte mir eine Bekannte mit dem schönen Namen Birgit. ?Mir hat er geholfen, als mir mein Liebster das Zaumzeug zu fest angelegt und meinen Kopf zu hart nach hinten gerissen hat. Der Orthopäde kam nicht weiter.?
Nun lasse ich mir zwar von niemandem Zaumzeug anlegen, aber eine Kiste Wein schleppe ich schon gelegentlich die Treppen zu meiner Wohnung hoch. Das mag meine linke Schulter offenbar nicht, aber Wilhelm ? nun ja, er legte seine Hand auf die Schulter. Sie wurde warm. Der Schmerz verschwand.
Skeptisch, wie ich meistens bin, fragte ich, wie er das macht, doch auf solche Fragen antwortet er nur zögernd. Nach einem schweren Verkehrsunfall habe er bemerkt, daß er oft heilen und helfen kann, sagt er. Das funktioniere sogar, wenn er sich auf das Leiden eines ihm bekannten Kranken nur konzentriere. Dann übertrügen sich dessen Symptome auf ihn und verschwänden schließlich.
Regt er Selbstheilungskräfte an? Ist der bescheidene, um die 60 Jahre alte Wilhelm Elges aus Dortmund-Benninghofen ein wanderndes Placebo? ? Keine Ahnung. Eine junge Frau versicherte mir jedenfalls glaubhaft, daß sich ihr Reizdarm unter seinem Einfluß inzwischen weitgehend reizlos verhält. Immerhin etwas. Diesen Mann mit den magischen Händen habe ich keinesfalls erfunden. Er hat die Fernsprechnummer 0171-2642997, und ich werde ihn jetzt anrufen und fragen, ob er seine Energien auch auf mein Bankkonto lenken kann, das wegen meiner vielen Reisen an chronischer Anorexia leidet.

Die Bankkonten des texanischen Thrillerautors Jeff Abbott dürften dagegen in Gefahr sein, wegen Adipositas zu platzen. Der Mann schafft es, einen internationalen Bestseller nach dem anderen zu produzieren. Er wurde für zahlreiche Mystery Preise nominiert und für seinen ersten Roman doppelt ausgezeichnet.
Der mit Literaturpreisen hierzulande meist verbundene Fluch ?Je preiser gekrönt, je durcher gefallen? kann seinen Romanen offenbar nichts anhaben. Was er schreibt, wird massenhaft gekauft. Irgendwann werde ich so neugierig, daß ich ?Panic? lese. Gesamturteil meiner persönlichen Stiftung Krimitest: Hervorragende Verwirklichung amerikanischer Krimi-Dramaturgie für pageturner.
Sie erfordert als Exposition einen starken Effekt. In ?Panic? wird ein Dokumentarfilmer von seiner Mutter aufgefordert, sie sofort zu besuchen. Das macht er. Als er in ihr Haus tritt, ist sie ermordet, und auch ihm trachten die Mörder nach dem Leben.
Ein so muskulöser wie mysteriöser Mann rettet ihn, und danach entwickelt sich ein in rasend schnellem pacing erzählter plot, in dem selbstverständlich eine verführerische Frau nicht fehlen darf sowie eine Menge unerwarteter und unglaubwürdiger Ereignisse.
Zwei Handlungsstränge. 50 Szenen auf 400 Seiten, wobei jede Szene suspense für einen cliffhanger aufbaut, der am Anfang jeder übernächsten Szene aufgelöst wird, um den nächsten cliffhanger vorzubereiten. Das kann Jeff Abbott fast so gut wie Dan Brown, der allerdings, deshalb mag ich ihn, zusätzlich das kulturgeschichtliche Wissen seiner Gattin einzuarbeiten versteht. Jeff Abbott verzichtet auf Leonardo, Maria Magdalena sowie auf Beschreibung von (ziemlich simplen) Verschlüsselungstechniken. Er vertraut auf mit nahezu mathematischer Genauigkeit errechnete plotlines und läßt in einem Roman nahezu so viel Munition verballern wie die ganze US Army im Irak jedes Jahr verbraucht.
Das mögen viele Leser offensichtlich, besonders in den USA, wo jede Buchseite nach der Lektüre sofort abgerissen wird und dort landet, wo sie hingehört: im Papierkorb.
Zweifellos, mit dieser Methode läßt sich sehr viel Geld verdienen. Aber bevor mir endlich jemand verrät, wie man sein Guthaben auf dem Konto einer irdischen Bank ins Jenseits überweisen lassen kann, werde ich mit Vergnügen darauf verzichten. So spannend solche Thriller sind, ihre Handlungsstränge auszurechnen und auszuarbeiten erscheint mir leider als: sehr langweilig.

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