Über Demonstrationen, ein verdächtiges T-Shirt sowie Sabine Deitmers Roman ?Perfekte Pläne”

Schon am sehr frühen Morgen des 1.Mai wurde ich durch häßliche Geräusche aus dem Schlaf gerissen. Sechs Polizisten waren damit beschäftigt, nein, die Straßenbaumaßnahme vor unserem Haus nicht etwa endlich zu beenden, sondern sie sammelten sämtliche Pflastersteine ein und transportierten sie ab.
Der Anlaß für diese vorsorgliche Maßnahme zur Gefahrenabwehr war uns bekannt. Die Freunde und Helfer in grün hatten rechtzeitig durch Handzettel darauf hingewiesen, daß sich Neonazis und Neosozialisten aus ganz Deutschland in Dortmund treffen wollen, um den Tag der Arbeit in der Stadt der Arbeitslosen auf ihre Weise zu feiern. Das geschah dann auch.
Als High Noon, allerdings ohne Gary Cooper, immer näher rückte, zogen zwanzig Minuten lang meist schwarz gekleidete junge Leute friedlich an unserem Haus vorbei. Sorgfältig beschützt und bewacht von den Polizisten, die gleichfalls aus dem ganzen Lande angereist waren. Deswegen beendeten wir allerdings keineswegs unsere privaten Orson Welles Festspiele.
Wir sahen uns ?Citizen Kane? an. Wir bewunderten “Gregory Arkadin”, inzwischen wohl das übertroffene Vorbilld der Hedgefonds-Manager in aller Welt. Wir erinnerten uns mit der ?Lady of Shanghai? an eine Zeit, zu der in Amerika die Polizei schon eingriff, wenn sich zwei Unverehelichte in der Öffentlichkeit auch nur küßten.
?Schade, daß es sowas nur noch in Indien und Saudi-Arabien gibt?, seufzte Karin. ?Hierzulande könnten wir in jeder Grünanlage an der Bevölkerungsstatistik arbeiten, doch seit das nicht mehr verboten ist, ist Sex langweilig geworden. Kinder werden wohl nur noch in der Unterschicht hergestellt.?
Das ist gewißlich wahr! Auch wir wanderten lieber noch mit Harry Lime durch das schon 1945 erheblich zerstörte Wien, als lüstern übereinander herzufallen.
Wir genossen noch den großartigen Film ?2046? von Wong Kar Wai, dann fuhren immer mehr grün lackierte Autos am Haus vorbei. Ich griff nach dem Fotoapparat, eilte zum Denkmal Kaiser Wilhelms, der in einer kleinen Gründanlage sonst nur auf einige Alkoholiker aufpaßt. Jetzt randalierten dort schwarz gekleidete junge Menschen, warfen Fahrräder und Mülltonnen um und zündeten kleine Maifeuer auf der Straße an, die von Feuerwehrmännern allerdings schnell gelöscht wurden.
Die Polizei arbeitete, wie stets bei solchen Anlässen, vorzüglich. Das Duett der Nazis mit den Autonomen geriet keinen Augenblick außer Kontrolle. Sogar mein wunderschönes schwarzes Black Beard?s T-Shirt mit einem großen Totenkopf und dem Aufdruck ?We steal only the finest Ingredients? auf der Brust (wollte Iris mit diesem Geschenk auf meine Übersetzungen hinweisen?) geriet nur zweimal in Gefahr, festgenommen zu werden.
Ach, wie schön wäre es, wenn die Mitarbeiter unserer Buchverlage mit derselben Sorgfalt und Begeisterung arbeiteten!br />
Da hat Sabine Deitmer, die mit ihrem ?Bye bye Bruno? den deutschen, leicht feministisch gewürzten Frauenkrimi erfand, für den Wolfgang Krüger Verlag ein wunderbares Manuskript geschrieben.
?Perfekte Pläne? heißt der Roman, in dem sie das Elend des Alters mit einem Mord verknüpft. Hat der Verlag an diesem Buch ein weiteres Verbrechen begangen?
Für den Schutzumschlag jedenfalls wurde dasselbe Motiv verwendet, das schon Deitmers ?Scharfe Stiche? zierte: ein Messer mit einem Blutstropfen.
Wollte man damit andeuten, daß man die Autorin töten wollte oder sparte man an ihrem Roman nur, weil der Etat Werbung und Öffentlichkeitsarbeit durch den Großeinsatz für den gerade angesagten amerikanischen Bestseller ?Die alltägliche Physik der Unglücks? von der sehr schönen Marisha Pessl verbraucht war?
Nicht einmal Sabines Auszeichnung mit einem bedeutenden deutschen Krimipreis wurde von Verlag für Werbemaßnahmen genutzt. Das übliche Schicksal von midlist-Titeln.
Was von einem Verlag zwar verlegt, aber nicht durch ein Mindestmaß an Werbung unterstützt wird, fällt ? Ausnahmen bestätigen die Regel ? durch den Rost.
?Ein Verlag kann den Erfolg eines Buches zwar nicht herstellen?, sagte mir mal der legendäre Econ Verleger Erwin Barth von Wehrenalp. ?Aber er kann ihn sehr wohl verhindern.?
Recht hat der Mann! Ich frage mich nur, weshalb unsere Verlage Titel veröffentlichen, die sie nicht lieben, unterstützen und auf dem Markt durchsetzen wollen.
Wäre es nicht wirtschaftlich sinnvoller, ihre Haifische, die geplanten Bestseller, ohne begleitende Pilotfische in den Markt zu drücken? – Zugegeben, die Programmvorschauen wären dann ziemlich dünn. Aber sie wären wenigstens ehrlich.

Nachtrag: Als die privaten Fernsehsender der Türkei über die Demonstrationen gegen die Wahl eines AKP Fundamentalisten berichteten, wurde in Teilen der Türkei der elektrische Strom abgeschaltet, damit die Ost-Anatolier nicht sehen konnte, was in Istanbul los war. Da sind unsere Fernsehanstalten doch entschieden moderner. Sie berichten über derlei kaum oder gar nicht.

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