Über Fußball, einen Sprunggelenkbruch, das Dortmunder Klinikum Nord sowie die Leserrezensionen der Internetbuchhändler

Einmal mehr haben wir einen jener Samstage überlebt, an denen Fußballfans in Dortmund Angst und Schrecken verbreiten. Bereits am Vormittag zog Deutschlands Zukunft gröhlend durch die Innenstadt, nachdem ein Teil der Fans schon während der Anreise in den Regionalzügen im Ruhrgebiet gesoffen, randaliert sowie unerträglichen Lärm abgesondert hatte.
Die Traditionsgegner Schalke 04 und Borussia Dortmund trafen aufeinander. Wie an jedem dieser schrecklichen Fußball- Samstage, an denen die Unterschicht die Stadt erobert, hatte die Polizei alle Hände voll zu tun. Sie begrüßte auswärtige Fans schon am Hauptbahnhof, war in der City und der Umgebung des Stadions “Verbrannte Erde” mit vielen grünen Autos unterwegs und hielt die Fans der beiden Mannschaften auseinander, soweit das möglich ist.
Wer nicht unbedingt am Samstag in eine der Einkaufsstraßen muß, um dringend eine Tasse zu kaufen, weil er nicht mehr alle im Schrank hat, bleibt an solchen Tagen zuhause.
Die Umsatzeinbußen der Einzelhändler sind ebenso exorbitant, wie die Kosten des Polzeieinsatzes, und da Borussia zu allem Unglück auch noch gewonnen hat, soffen und gröhlten die Fanatiker bis spät in die Nacht.
Wäre es nicht eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität, diese biertrinkenden Randalierer vor jedem Spiel ihres Vereins ähnlich in Vorsorgehaft zu nehmen, wie das jetzt für Globalisierungskritiker vorgesehen ist?

Über derlei ärgert man sich allerdings kaum noch, wenn man mit den Zuständen in manchen deutschen Krankenhäusern konfrontiert wird. Beispielsweise wenn meine Freundin Sibylle auf einer Treppenstufe ausrutscht, weil eine Putzfrau dort ihre Arbeit schlampig verrichtete. Facit: Sibylle muß mit dem Rettungswagen ins Klinikum Nord gebracht werden. Der Bruch ihres Spunggelenks wird mit Gipsverband ruhig gestellt. Ein paar Tage später sind die Schwellungen soweit zurückgegangen, daß sie operiert werden kann. Das geschieht nach besten schulmedizinischem Wissen und Können. Ein Stück Metall wird eingebaut. Die Wunde wird ordnungsgemäß versorgt.
Alles verläuft planmäßig. Nur am Morgen nach der Operation ruft mich die Freundin an und fragt, ob ihr Fuß wieder so angeschwollen sein darf wie nach dem Unfall und ob ein Drainageschlauch, der aus der Wunde ragt, verschlossen sein muß. Muß er keineswegs, doch erst als es die Patientin wagt, darum zu bitten, wird er geöffnet.
Ein paar Tage später bekommt sie als Abschiedsgeschenk von der Klinik zwei Krücken und einige Heparinspritzen. Wer ruhiggestellt ist und sich kaum bewegen kann, hat ein erhebliches Risiko, eine Embolie zu erleiden. Dagegen sorgt Heparin vor. Schulmedizinisch korrekt.
Wiederum wenige Tage später läßt sich die Patientin, wieder mit dem Rettungswagen, zurück in die Notaufnahme des Klinikums bringen, wo sie operiert wurde. Erhebliche Schmerzen im Thorax, sagt sie dem Aufnahmearzt. Jeder Atemzug bereite höllischen Schmerz.
Der Arzt, ein Chirurg, läßt sie röntgen ? und weist sie ab. ?Ihnen fehlt nichts?, verkündet er. ?Ich nehme Sie hier nicht auf. Gehen Sie wieder nachhause.?
Ach, der Zufall! Die Patientin hat riesiges Glück. Ein anderer, offensichtlich ein fähigerer Arzt veranlaßt eine weitere Untersuchung ? und läßt sie sofort in die Intensivstation einliefern. Seine Diagnose: eine Lungenembolie. Mehr als 25% der Lungenembolien endet mit dem Tode.
Sibylle hat großes Glück gehabt: Ein Arzt hat ihr das Leben gerettet – und einem Kollegen, der eine Patientin mit frischer Lungenembolie abwies, die Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erspart. Schulmedizinisch korrekt. Entschuldigt hat sich der Arzt, dessen Pfusch eine Patientin um ein Haar unter die Erde brachte, bei ihr keinesfalls.br />
Facit: Auch Ärzte können sich irren, aber solche Doktoren gehören, jedenfalls in einer guten Klinik, nicht in deren Notfallaufnahme. Abgesehen davon: Ich habe es schon immer für besser gehalten, vor einem deutschen Krankenhaus vom Auto überfahren als dort operiert zu werden. Nur eine Folge der Gesundheitsreform? Oder der Umwandlung von Krankenhäusern in Gesellschaften mit höchst beschränkter Haftung, die Gewinne erwirtschaften sollen und ihre Mitarbeiter für immer mehr Arbeit immer schlechter bezahlen? Ich weiß es nicht.

Ich weiß aber jetzt endlich, was von den Leser-Rezensionen zu halten ist, die Versandbuchhändler, z.B. Amazon, anonym im Internet veröffentlichen. Das verdanke ich einem Autor, den ich hier Horst nenne, weil ich ihn nicht noch mehr beschädigen möchte.
?Du mußt mir unbedingt helfen?, sagt Horst am Telefon. ?Du hast meinen Roman doch gelesen und gesagt, daß er Dir gefalle. Bitte rezensiere ihn und gib ihm bei Amazon fünf Punkte.?
?Und weshalb?? frage ich.
?Weil das Buch sonst ein Opfer von Frauenpower wird. Du weißt doch, daß ich mich vor einem halben Jahr von Elke getrennt habe.?
?Na und?? frage ich. ?Wir leben in einem verhältnismäßig freien Land.?
?Und ob. Aber Elke rächt sich auf fürchterliche Weise an mir. Die ersten beiden Leserrezensionen waren vorzüglich. Jeweils fünf Sterne. Aber inzwischen… Sechs weitere Rezensionen, und jede ein Verriß. Jeweils nur ein oder zwei Sterne.
Für den Versandbuchhandel ist der Roman so tot wie der Schlachthof von Chicago. Und ich weiß, wie das passiert ist. Elke hat viele Freundinnen, und jetzt semmelt mir eine nach der anderen einen Verriß ins Internet. Das wird dort völlig anonym veröffentlicht.?
?Kein Problem?, sagte ich. ?Ich schreibe sofort eine Hymne auf Deinen Roman, und stelle sie bei Amazon, BOL und anderen großen Internetbuchhändlern ins Netz. Danach rufe ich acht Freunde an, die das auch machen werden. In solchen Situationen hilft nur Männerpower. Selbstverständlich völlig anonym.?

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