Über Radfahrer, Manager, Viagra, Höchst-leistungen sowie den Unsinn von Dopingverboten

Seien wir doch ehrlich: haben wir es nicht alle gewußt? Daß die muskulösen jungen Männer, die tagelang auf Fahrrädern durch Frankreich strampeln, um ein T-Shirt zu bekommen, nach Genuß schlechter Chemikalien fehlgesteuert sein müssen?
Wissen sie etwa nicht, daß man ein Trikot ? auch ein gelbes ? in jedem Sportartikelladen für ein paar Euro kaufen kann und auf dem Mitternachtsmarkt in Chiangmai sogar für ein paar Cent?
Jetzt können wir wochenlang weder eine Zeitung aufschlagen noch das Fernsehgerät einschalten, ohne mit den bitteren Tränen, nein, nicht der Petra Kant, sondern der Radfahrer und ihrer Ärzte konfrontiert zu werden, die jetzt weinen, weil sie ein Naturgesetz des Radsports außer Kraft zu setzen versuchten: Ehrlich fährt am längsten.

Aber mit der Not wächst das Rettende auch. So ärgerlich das Doping der Radfahrer ist, es lenkt von jenen Siemens-Managern ab, die nicht etwa Epo oder Testosteron spritzten, sondern, schlimmer noch, Schmiergelder auf Schwarzgeldkonten parkten und potentielle Kunden dopten, was nicht nur verboten ist, sondern ungerecht. Seit Jahren telefonieren wir nur mit Siemens Handys, weil man mit denen nicht auch noch ständig fotografieren muß, aber Schmiergeld haben wir noch nie bekommen. Nicht einmal einen kleinen Treuebonus.
Stattdessen wurde die Siemens Handyproduktion an Chinesen vergeben, und wenn mein geliebtes Siemens ME 45 hinüber ist, gibt?s es Ersatz nur noch in Taiwan oder bei Ebay.
Und jetzt sollen die Radfahrer bei der Telekom sogar in Beschäftigungsgesellschaften ausgelagert werden. Ich vermute, damit durch längere Arbeitszeiten bei geringerem Lohn die Kosten für Dopingmittel und Ärzte erwirtschaftet werden können und bessere Dividenden für Aktionäre auch.

Ich frage mich allerdings, wo Doping anfängt und weshalb es immer noch, jedenfalls in manchen Sektoren unserer immer korrupter werdenden Gesellschaft, verboten ist.
Ist es nicht schon Doping, wenn inzwischen nicht wenige durch den Streß im Beruf völlig erschöpfte Dreissigjährige Viagra oder Cialis schlucken, um jene Leistungen zu erbringen, zu denen ein wesentlich gescheiterer (=faulerer) Siebzigjähriger allein durch den Anblick des hochgeschlitzten Chongsam einer seiner Geliebten veranlaßt wird?

Ist es etwa kein Doping, wenn Millionen mit Tranquilizern gedopte Mütter ihre hyperaktiven Kinder mit jenem Ritalin füttern, das mir mein Leibarzt nicht verschreibt, auch wenn ich in seiner Praxis verzweifelt jedesmal ?Lovely Rita, Ritalin…? singe?

Inzwischen ist der Leistungsdruck offensichtlich überall so groß, daß er vielfach ohne Doping nicht mehr zu bewältigen ist. Nur unsere alten Dichter sind davor gefeit, denn die Vermutung, die Spätwerke unserer Achtzigjährigen wären ohne Doping nicht möglich, ist sichtlich unbegründet. Dafür sind diese Romane zu schlecht und werden auch nur von gleichfalls nicht gedopten Großkritikern gepriesen. Das ist weder Benzedrin, noch Captagon oder dem bewährten Nazi-Speed, dem Pervitin anzulasten. Hunter S. Thompson schrieb eindeutig besser.

? Halt, da blickt mir Christine über die Schulter und fragt vorsichtig, ob jener Alkohol, den die meisten meiner Kollegen literweise trinken, weil sie nüchtern nicht schreiben können, nicht gleichfalls eine Rauschdroge sei, allerdings eine hierzulande nicht verbotene?

Eine sehr berechtigte Frage, auf die es nur eine richtige Antwort gibt: Wenn von immer mehr Menschen Anstrengungen gefordert werden, die sie ohne Dopingmittel nicht erbringen können, wäre es konsequent, deren Gebrauch all jenen zu gestatten, die zu blöd sind, sich diesem Leistungsdruck zu entziehen. Verhungern würden sie gewiß nicht, wenn sie das wagten. In unserem Lande wurden sogar schon Leute zwangsernährt, die überhaupt nichts essen wollten.

Nachtrag: Und was Radrennfahrer betrifft, so gehören endlich auch die erfolgreichsten Dopingdoktoren neben den Siegern auf das Podest. Ehre, wem Ehre gebührt!

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