Über San Agustin, Kalle Gajewskys i-tunes, Reklame sowie den wunderbaren Maler Daniel Richter

Zugegeben, die Existenz des Autors ist mit nicht wenig Widrigkeiten verknüpft. Wer in einem mittelgroßen Verlag veröffentlicht, muß damit rechnen, daß seine Honoraransprüche als Teil der Insolvenzmasse auf Nimmerwiedersehen verschwinden oder aber daß jenes Unternehmen, dem er ein Werk anvertraute, von einem anderen übernommen wird. Dann kann er in Gesellschaft geraten, die ihm durchaus nicht sympathisch ist.
Aber der Beruf hat auch seine Vorteile. Wenn beispielsweise ein Juni und die erste Julihälfte derart nass sind wie dieses Jahr in Deutschland, schnappt man sich das Notebook, setzt sich in ein Flugzeug und geht vier Stunden später in San Agustin am Strand spazieren.
Der Atlantik wandert wie immer in Ebbe und Flut hin und her. Er rauscht dabei zusätzlich Tag und Nacht. Die Palmen rascheln und knarzen leise im sanften Passat, der seidenweich aus Afrika herüberweht. Eindrucksvoll.
Und wer ein Hotel so oft aufsucht wie ich, bekommt sein Zimmer nicht nur mit Seeblick, sondern direkt über der den Nudisten vorbehaltenen Terrasse, wo er ständig an die Vergänglichkeit alles Fleisches erinnert wird.
Die hängenden Brüste der Semiramis, tja, das wäre ein feiner Romantitel, aber wenn ich dem Vito einen solchen Kalauer anböte, würde er mich entsetzt anblicken. Nö. Ist wohl keine so gute Idee.
Irgendwann, ich habe immerhin bereits dreißig Seiten der nächsten Permezza übersetzt, verspricht der Wetterbericht auch für Deutschland wieder zumutbares Wetter.
Ich packe das Notebook in seine Tasche, kaufe noch Zigaretten und düse zurück nach Dortmund, wo wir am nächsten Nachmittag mit Kalle Gajewsky verabredet sind.
Kalle rückt mit seinen Mikrofonen, Kabeln sowie einem Festplatten-Recorder an, und plaudert mit mir über alte Zeiten und Max von der Grün.
Ach, wie schnell das Leben abläuft. Zwei Jahre sind vergangen, seit mich Renate in San Agustin anrief, um mir traurig mitzuteilen, dass von der Grün verstorben sei. Mir kommt es vor, als wäre das erst gestern gewesen.
Einen Flug zu seiner Beerdigung bekam ich so kurzfristig nicht. So habe ich eine Kerze für ihn angezündet und bin lange am Meer entlang gewandert.
Kalle Gajewsky läßt mich von den guten (?) alten Zeiten erzählen. Ein paar Tage später stellt er unser Gespräch auf www.reviercast.de ins Internet.
Feine Originaltöne sammelt Kalle und stellt sie als i-tune zum Herunterladen auf seine website. Eine Art Chronik der Literatur aus dem Rurgebiet entsteht dort nach und nach. Jürgen Lodemann ist zu hören und Dieter Baroth. Hugo Ernst Käufer erzählt von Liselotte Rauner und vieles andere mehr.
Mich beeindruckt dieses idealistische uneigennützige Projekt des Musikers und Liedermachers. Tja, alle wirklich wichtige Arbeit wird nun einmal von Freiwilligen geleistet. Das fand bereits Abraham Lincoln heraus, kurz bevor er (von einem Freiwilligen??) erschossen wurde, nachdem er ins Theater ging, was nur in Dortmund völlig ungefährlich ist. Dort ist man im Schauspielhaus vor allen Gefahren sicher.
Übrigens, ich habe überhaupt nichts gegen Reklame. Ich freue mich über jedes Poster, von dem Heidi Klum lächelt. Ich lasse mich mit Vergnügen durch Werbung für die wunderbaren Dessous von H&M vom Straßenverkehr ablenken. Doch alles hat seine Grenzen!
Als Verona Poth former Feldbusch im Fernsehen bewies, daß sie sich gegen Alice Schwarzer hervorragend durchsetzen kann, habe ich das genossen. Ja, es ist ein dummes Vorurteil, daß attraktive Frauen meist dumm sind. Oder weniger schöne meist besonders klug.
Aber dann, ich gehe ahnungslos in die City, um im Salinas, meinem Lieblingsbistro, zu frühstücken und erschrecke. Was ist da über Nacht geschehen?
Alice Schwarzer blickt mich von riesigen Postern strafend an. Ihre tadelnden Blicke verfolgen mich durch die halbe Innenstadt. Gewiß, jede Wahrheit braucht einen mutigen, der sie ausspricht, damit er eins aufs Maul bekommt. Aber muß es ausgerechnet in BILD sein?
Irgendwann nerven die unzähligen Bilder dieser Frau mein sensibles visuelles Rezeptionsvermögen. Ich setze mir meine Sonnenbrille auf, eile zum Hauptbahnhof und der nächste ICE bringt mich nach Hamburg, wo mich Carola auf dem Bahnsteig empfängt.
Zwei Kunstausstellungen sind angesagt. Zuerst im Bucerius Kunst Forum am Rathaus Otto Dix mit seinen gesammelten Obsessionen.
Hm, diesen Maler hätte sich Alice Schwarzer mal vornehmen können, wenn er noch lebte. Ziemlich eindrucksvoll seine bösen Portraits von Damen und Herren aus der besseren Gesellschaft. Der Mann hat sehr genau hingeguckt, doch was seine Bilder betrifft, naja.
Nix als eine penetrante Vorführung der Morbidezza verfallenen Fleisches! Frau Wirtin hatte einen Sohn, der liebte nur das Nackte. Er lief in eine Metzgerei und küßte das Gehackte.
Als wir aus dem Kunstforum flüchten, kann ich endlich meine Sonnenbrille wieder abnehmen und in die Tasche stecken.
Wenig später stehe ich in der Kunsthalle vor Bildern Daniel Richters. Großformatige figurative Gemälde, die Respekt, nein, die sogar Bewunderung verdienen. Eine Ausstellung, die hilft, die beharrliche und beständige Suche eines Künstlers nach dem Lebensgefühl unserer Zeit zu erfahren.
Richter schafft das mit seiner raffinierten Auflösung von Konturen, schafft es mit psychedelischen Farben, schafft Bilder, die ich noch Stunden später, als wir beim Portugiesen im St. Georgs-Viertel speisen, so genau sehe, als stünde ich noch immer vor ihnen. Genau das schafft große Kunst.
Bis zum 5. August werden diese Arbeiten noch ausgestellt. Geheimtip: Nix wie hin.

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