Leseprobe aus „Körners endgültige Entdeckung Amerikas"

4. American Breakfast oder Die Kunst, richtig zu frühstücken
„Alles Glück beginnt mit einem vernünftigen Frühstück."
(John Gunther)
Obgleich in Amerika der Tag infolge der a.) vier Zeitzonen sowie b.) der Langschläfer durchaus nicht überall gleichzeitig beginnt, in einer Hinsicht sind sich die Amerikaner einig. Er fängt mit dem Frühstück an.
Ein solches ist in Amerika eine reichhaltige sowie kalorienreiche fettige Sinfonie. Da werden zu Fruchtsäften und Kaffee Hash browns (=durch den Fleischwolf gedrehte Bratkartoffeln) serviert, auf die gebratener Speck oder Schinken bzw. (wenn Mutter dem Vater was andeuten will) kleine Würstchen gelegt werden. Toast (=nur verbrannt genießbare Weißbrotscheiben) sowie Pancakes (=Buttermilchpfannkuchen; echt nur mit einer freundlichen Schwarzen auf der Packung) werden mit (meist künstlichem) Ahornsirup beträufelt sowie mit Butter und mindestens sechs verschiedenen Marmeladen bestrichen.
Flankiert werden diese Großangriffe auf die schlanke Linie vielfach durch Muffins (=Topfkuchen mit Rosinen) sowie Bagels (=gebackener Teig mit einem Loch in der Mitte).
Die Bagels werden mit Creamcheese oder Lox (=Lachs mit Druckfehlern) beschmiert bzw. belegt. Damit auch der Cholesterinspiegel richtig glänzt, werden Eier serviert, zwischen deren verschiedenen Zubereitungsformen zu unterscheiden das schwierigste in Amerika überhaupt ist.
Eier werden schlicht scrambled (=sehr gerührt) auf dem Teller liegen oder aber sunny side up (=auf einer Seite gebraten), overeasy (=auf beiden Seiten gebraten) oder hardover (=im Country Club auf die Bühne geworfen). Poached eggs sind nicht gebraten, sondern in mehr oder weniger heißem Wasser gekocht, und ein hartgekochtes Ei heißt hardboiled (=hartgekocht und abgeschreckt; wie Kritiker). Huevos Rancheros sind die Eier von Ranchern im Umfeld des Rio Grande, welche sogar Frank Sinatra in seinem beliebten "Spanish Eyes" preist.
In noch gut funktionierenden Familien, die es, z.B. bei den Amish (= fromme Fortschrittsverweigerer in Idaho) durchaus geben soll, wird das Frühstück noch meist zuhause absolviert.
Im übrigen Amerika, wo selbst die Hälfte der (noch) verheirateten Mütter von Kindern unter sechs Jahren berufstätig ist und 36,9% sogar ganztags, wird das Frühstück im Deli, Diner, Coffeshop bzw. bei McDonalds hastig verschlungen, wenn man nicht gerade eine Schlankheitskur macht und sich auf ein Dutzend Donuts (=Teignüsse) und zwei Liter Kaffee beschränken muß.
Im Coffeeshop macht der Explorer vielfach zuerst die Entdeckung, daß sich die freien Amerikaner im freien Amerika durchaus nicht überall einfach an jeden freien Tisch setzen dürfen.
"Wait to be seated" (= warte, bis man dich sitzenläßt) warnt am Eingang vieler Lokale ein Schild. Dort holt den Explorer dann sehr schnell eine freundliche Serviererin ab, begleitet ihn zu einem Tisch und reicht ihm die Speisekarte.
- Hi, ich bin Linda und bringe dir irgendwann das Frühstück, verkündet sie vor Glück strahlend. Diese Freundlichkeit hat ihren Grund.
Wenn der Explorer sein Oatmeal (= wäßriger Haferschleim) genossen und dabei jene Kaffeetasse geleert hat, die ständig (meistens kostenlos!) wieder aufgefüllt wird, bezahlt er nicht nur seine Rechnung, sondern, und zwar zusätzlich, den Service. Diese zehn bis fünfzehn Prozent von der Rechnungssumme, die der satte Gast auf dem Tisch liegen läßt, sind für die KellnerInnen lebenswichtig. Deshalb brauchen alle Gäste an den Tischen ihres Reviers.
In short: Das Frühstück in Amerika ist great. Deshalb sind sehr viele Amerikaner ausgesprochen fat. Und zwar oft so fett, daß es dem Explorer die Sprache verschlägt. Wer den tip, das Trinkgeld vergißt, wo nicht ausnahmsweise service included (= der Lokalbesitzer kassiert mit) auf der Rechnung steht, wird beschimpft bzw. erschossen.

Aus: Wolfgang Körner, „Körners endgültige Entdeckung Amerikas"
1995 Econ Verlag
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