Leseprobe aus dem Roman "Büro Büro"
"Wir wissen zwar nicht was wir wollen, aber das wollen wir mit all unserer Kraft."
Ein Bericht über die Einsparung von Menschen durch immer schönere Maschinen, die damit verbundenen personellen Veränderungen, den Aufstieg des Prokuristen Dr. Herbert Brockstedt zum Frühstücksdirektor sowie den Zusammenbrach der Konrad Lurzer KG.
Unter besonderer Berücksichtigung des Faktors L dargestellt von Sigbert Schmidt, Auszubildender im II. Ausbildungsjahr.
Kaputt 1
Auch wenn Günter Watzmann, der seine Arbeit in der Werbeabteilung unserer Firma in kräftiges Bhagwan-Orange gekleidet und mit der Mala um seinen Hals verrichtet, anderer Ansicht ist: Alles hat irgendwann seinen Anfang. Allerdings kann man darüber streiten, wo dieser Anfang jeweils zu suchen ist. Wenn ich hier behaupte, daß der Niedergang unserer Firma genau in jenem Moment begann, als Annette Münzberg erstmalig ihren Volkswagen auf das Firmengelände fuhr, kann ein kleinlicher Leser (Entschuldigung, Herr Dr. Brockstedt) einwenden, daß Annette unsere Firma niemals betreten hätte, wäre Irmgard Klose aus dem Schreibzimmer nicht einmal mehr und ein paar Tage zuviel erkrankt. Dagegen wiederum ließe sich einwenden, daß Irmgard Klose nicht erkrankt wäre, wäre sie nicht geboren worden, der Anfang des Niedergangs der Firma also bereits vor siebenundfünfzig Jahren begonnen hätte, also schon vor jenem Tage, an dem Adolf Lurzer die Gründung des Unternehmens ins Handelsregister eintragen ließ. Hilft aber ein solches Schürfen nach Anfängen? Ich bin der Ansicht, daß es lediglich die ohnehin verworrenen Vorgänge in der Konrad Lurzer KG noch mehr verwirrte,ließe ich mich auf Watzmanns Behauptung ein, alles hinge miteinander zusammen. Es würde letztlich darauf hinauslaufen, hier zu untersuchen, ob nicht die Anfänge des Endes der Konrad Lurzer KG irgendwo bei Adam und Eva zu suchen sind oder, noch früher, aus jenem Augenblick resultieren, wo das Leben durch einen heftigen Flirt zweier Moleküle in der Ursuppe aus toter Materie entsprang. Zurück also zu Annette Münzberg.
An jenem Morgen sah es auf dem Gelände unserer Firma nicht anders aus als an anderen Arbeitstagen. Große Ereignisse werfen ihre Schatten eben nicht immer voraus. Ich hatte mein Mofa gerade an seinem, mir von Frau Schneider zugewiesenen Parkplatz auf dem Firmengelände abgestellt, als ein knallroter VW Golf in ziemlich zügiger Fahrt an den Schlagbaum heranfuhr, der gerade senkrecht stand und etwa in Richtung Sirius wies. Senkrecht stand der Schlagbaum, weil Patrick Leclair, der damals noch die Verkaufsabteilung leitete, seinen Opel auf den Parkplatz gefahren hatte. Flutsch, blitzartig, bevor unser hinkender Pförtner den Schlagbaum wieder in die waagerechte Grundstellung sausen lassen konnte, nutzte die Fahrerin des Volkswagens die günstige Gelegenheit. Sie fuhr hinter Leclair auf den Platz, stellte ihren Wagen auf eine mit ordentlichen weißen Linien als Dr. Brockstedts Parkplatz ausgewiesene Fläche und verließ das Fahrzeug dann mit ihrem Kosmetik-Koffer, um direkt zu den Glastüren des Verwaltungsgebäudes zu eilen. Ehrlich gesagt, sowohl Leclair als auch ich hätten den Keim des Anfangs des Lurzer-Zusammenbruchs in diesem Moment aus der Welt geschafft, wäre die Fahrerin des gegen sämtliche Anordnungen falsch geparkten Fahrzeugs nicht mit einer Schönheit ausgestattet gewesen, die uns den Atem raubte. So standen Leclair und ich mit offenem Munde wie erstarrt und bewegten uns erst wieder, als Annette im Verwaltungsgebäude verschwunden war.
"Mann", stöhnte Leclair. "Die muß sich verlaufen haben!"
"Wer weiß!" sagte ich, während wir ihr langsam zum Verwaltungsbau folgten. "Wer weiß! Vielleicht ist heute endlich mal die Welt in Ordnung!"

Im Schreibzimmer saß damals Frau Hanisch, die für die ordentliche Abwicklung der Schreibarbeiten zuständig war. Sie hatte ihren Schreibmaschinentisch neben ein Fenster direkt an die Längswand gestellt, von wo aus sie den Betrieb im Schreibbüro am besten im Auge behalten konnte. Als Frau Schneider Annette ins Schreibzimmer führte, hatte sie die Augen auf die beiden Stenotypistinnen Gabriele Neuhammer und Renate Gerlach gerichtet. Renate lackierte ihre Fingernägel für den Tag, und Gabriele las im "Musik-Expreß". Beide stellten ihre Tätigkeiten sofort ein, als Brockstedts Sekretärin ins Zimmer kam, und weil zwischen Frau Hanisch und Frau Schneider ständig eine Art Kriegszustand herrschte, holte Frau Hanisch vorsichtshalber tief Luft, um ihrer alten Feindin notfalls eine giftige Bemerkung an den Kopf schleudern zu können, aber Frau Schneider hatte ausnahmsweise nichts Böses im Sinn, ganz im Gegenteil, sie stellte Annette Münzberg mit zuckersüßer Stimme als jene Aushilfsschreibkraft vor, die man für die Dauer der Erkrankung von Frau Klose bei der Personal-Service GmbH angefordert hatte.
"Ich hoffe. Sie werden sich wohl bei uns fühlen!" sagte Frau Hanisch, was ihr endlich Gelegenheit gab, die angesammelte Luft aus ihren Lungen zu lassen.
"Wenn das Betriebsklima meinen Vorstellungen entspricht", sagte Annette, "steht einer befriedigenden Zusammenarbeit nichts im Wege!"
Jetzt hätte Frau Hanisch Atemreserven gebrauchen können, um dieser Aushilfskraft auf gebührende Weise zu antworten, aber wie es nun einmal im Leben ist, was hin ist, ist hin.
Soll ich jetzt davon berichten, wie Frau Hanisch säuerlich lächelnd Annette mit den besonderen Gepflogenheiten der Lurzer KG hinsichtlich der Abwicklung des Schriftwechsels vertraut machte? Muß ich kleinlich ausführen, daß von jedem der mit Hilfe altmodischer Diktiergeräte anzufertigenden Briefe vier Durchschläge zu tippen waren, von denen einer (weiß) für die Akte des Sachbearbeiters, ein zweiter (gelb) für die Buchhaltung, ein dritter (grün) für den Außendienst und ein vierter (rot) für Dr. Brockstedt bestimmt war? Wenn ich mich schon zu dieser Gründlichkeit zwinge, kann ich auch nicht verschweigen, daß sämtliche Durchschläge in den Farben Weiß, Gelb und Grün sofort in die Papierkörbe der jeweiligen Abteilungen wanderten, und daß nur die roten Durchschläge von Frau Schneider in Leitz-Ordnern gesammelt wurden, die in zwölf Stahlschränken in Brockstedts Vorzimmer untergebracht waren.
Soll ich erzählen, wie Annette ihren Kosmetik-Koffer auspackte und nacheinander a) ein Foto ihres Freundes Harry vor seinem Mercedes 250 SL, b) ein silbernes Tischfeuerzeug (Cartier), c) eine silberne Tischuhr (auch Cartier) auf dem Schreibmaschinentisch Frau Kloses ausbreitete, die sie vertreten sollte?
Auch wenn Dr. Brockstedt immer Wert auf Vollständigkeit und Genauigkeit legt, ich will lieber auf einen Spruch hinweisen, den der Angestellte Gerhard Semmler irgendwann einmal an die Wand neben dem Schreibtisch Frau Kloses geheftet hatte, wo er über Frau Kloses Lieblingstopfpflanze (einer Azalee, die niemals blühte) langsam vergilbte, weil sich zwar alle Schreibkräfte regelmäßig über diesen Spruch ärgerten, aber jede viel zu träge war,ihn von der Wand zu nehmen:
"AUFGABE DER KUNST IST ES NICHT,
ORDNUNG INS CHAOS ZU BRINGEN,
SONDERN CHAOS IN DIE ORDNUNG"
AUCH ANDERE MACHEN FEHLER.
ABER WIR HABEN AUCH DABEI DIE MEISTE
ERFAHRUNG
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