Leseprobe aus "Aus dem Leben eines empfindsamen Chauvinisten"

Eine vorbildliche Staatsbürgerin
Isolde Hebestreit hatte ihr Leben der Musik geweiht und tausenden vielversprechenden
jungen Menschen Klavierunterricht erteilt.

Jetzt war sie siebenundsechzig Jahre alt und durch Gicht in den Fingerknöcheln und
Schwerhörigkeit seit zwei Jahren daran gehindert, ihren Beruf weiterhin auszuüben. Sie
lebte zufrieden in einem umgebauten Kuhstall, den ihr der Vater eines ihrer Schüler zum
Vorzugspreis von achthundert Mark pro Monat vermietet hatte. Da sie eine monatliche
Rente von immerhin tausend Mark aus der Künstlersozialkasse bezog, blieb nach
Zahlung der Wohnungsmiete noch genug Geld zum Leben übrig.

Dennoch gerieten ihre wirtschaftlichen Verhältnisse in eine Schieflage, als die Gebühren
für die Müllabfuhr und das Wasser an ihrem Wohnort erhöht wurden und ihr Hauswirt
oder, besser, ihr Stallwirt, deshalb gezwungen war, die Miete um dreißig Mark im Monat
zu erhöhen.

Sie überwand zwar nach drei Monaten ihre wohl berufsbedingte Bescheidenheit, und
fragte ihren Vermieter, ob diese Erhöhung, zumindest was die Müllabfuhr betraf, nicht
möglicherweise ein Irrtum sein könne, da sie so gut wie keinerlei Müll in die Tonne zu
werfen hätte, aber nachdem ihr der Stalleigentümer erklärt hatte, daß die Gebühr für
Mülltonnen unabhängig von der Menge des anfallenden Abfalls berechnet werde, zahlte
sie die erhöhten Mietnebenkosten und sparte bei ihren Ausgaben für Lebensmittel.

Wenn ihre wohlausgewogene finanzielle Situation trotzdem schon wenig später erneut
schwierig wurde, so wegen einer Reform des Gesundheitswesens, die den von Isolde zu
zahlenden Anteil an den Kosten der Tabletten gegen ihre Gicht um sieben Mark im
Monat erhöhte.

Auch diesmal verhandelte sie deswegen, gab vorsichtig zu bedenken, daß ihre Gicht
keinesfalls eine eingebildete Krankheit sei, sondern das Ergebnis lebenslänglichen
Gebrauchs der Fingerknöchel, aber der Apotheker zuckte nur bedauernd mit den
Schultern und wies darauf hin, daß in schwieriger werdenden Zeiten nun einmal jeder
seinen Beitrag zum Gesamtwohl leisten und den Staat entlasten müsse, wo immer das
möglich und gefordert sei.

Isolde sah auch das ein und entschuldigte sich dafür, die kostbare Zeit des Apothekers
unnötigerweise in Anspruch genommen zu haben, und es gelang ihr abermals, die
monatlichen Mehrausgaben auszugleichen, indem sie ihren Bohnenkaffee durch einen
Aufguß aus Brennesselblättern ersetzte.

Als sie zwei Monate später las, daß daran gedacht werde, künftig auch für Rentenein-
kommen Einkommensteuer zu fordern, suchte sie gleichfalls angestrengt nach
Möglichkeiten, diese Veränderung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse durch geeignete
Maßnahmen auszugleichen, und sie fand nach vierzehn Tagen die einzige ihr vernünftig
erscheinende Lösung.

Sie borgte sich vom Vermieter ihrer Wohnung eine Säge, zerkleinerte ihr Klavier und
schichtete dessen Holz sorgfältig in zwei alte Kartoffelsäcke, mit denen sie singend zum
städtischen Krematorium ging.

"Rentnerin Isolde Hebestreit möchte den Staat von weiteren unnötigen Ausgaben
befreien und bittet um ihre Einäscherung", sagte sie leise. "Das Brennholz hat sie zur
Vermeidung überflüssiger Kosten mitgebracht."

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In: Wolfgang Körner: „Aus dem Leben eines empfindsamen Chauvinisten."
1996 Marion von Schröder Verlag
Eine vorbildliche Staatsbürgerin

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