Leseprobe aus "Der Neue Drogen Reader"
Vom Koka-Blatt zum Kokain, vom Kokain zum Crack
Wie Haschisch und Opium ist auch das Kokain eine Droge pflanzlichen Ursprungs.
Der Koka-Strauch (Erythroxylon coca) wächst in Südamerika und Malaysia. Am
besten gedeiht er in einer Höhe von 500 bis 1300 m über dem Meeresspiegel.
Viermal im Jahr werden Koka-Blätter geerntet und getrocknet. Danach werden sie
ähnlich wie Tabak - zu Ballen gepackt. Wie bei den Opiaten gibt es auch bei Koka
den seit ca. 5000 Jahren nachgewiesenen Gebrauch der Droge im natürlichen
Zustand - und den Konsum des Kokain, das seit 1902 auch synthetisch hergestellt
werden kann.

Schon die Inka wußten um die Wirkungen der Blätter des Koka-Strauchs, und noch
heute kauen südamerikanische Indianer meist viermal am Tag ein Blatt der Pflanze,
wobei die Rippen des Blattes entfernt werden und der Rest zu einer Kugel geformt
wird, die man vor dem Kauen in Kalklösung taucht.

Der Coquero (= Koka kauender Indianer) nimmt etwa 0,14g (30-40 g Koka-Blätter)
Kokain am Tag auf - und leistet mit Hilfe dieser Koka-Blätter seine schwere Arbeit
ohne große Hungergefühle, leicht beschwingt und mit stark gesteigerter
Leistungsfähigkeit. Westliche Wissenschaftler haben die Erhöhung der
Leistungsfähigkeit bei Muskelarbeit gemessen und dabei festgestellt, daß schon
nach Genuß von 0,1g Kokain die Leistung um ein Mehrfaches erhöht wird.

Deshalb ist den Indianern das Koka-Kauen nicht verboten. Allein in Bolivien und
Peru liegt die jährliche Ernte an Koka-Blättern bei ca. 10000 Tonnen - das meiste
davon wird im Anbauland konsumiert. Nur ein kleiner Teil der Ernte wird
weiterverarbeitet. Zur Zeit der Inka war der Koka-Genuß auf Angehörige der
Führungsschichten beschränkt und an das religiöse Ritual gebunden. Als die
Spanier die Inka-Kultur zerstörten, wollten sie zuerst die Koka mit dem religiösen
Kult ausrotten. Aber sie fanden schnell heraus, daß Koka-Blätter die Arbeitsleistung
steigern, und beschränkten sich folgerichtig darauf, die Koka-Ernten hoch zu
besteuern.

Heute leben die Nachkommen der Inka im Elend. Koka-Kauen, früher religiöser
Kult einer Priester-Kaste, ist die Sucht der Armen - wobei es hauptsächlich darum
geht, Hunger zu unterdrücken, der ständiger Begleiter des Lebens verelendeter
Indianer ist. (Das häufig für die Urbevölkerung Süd- und Mittelamerikas gebrauchte
Wort >Indio< ist ein abwertendes Wort aus der Sprache weißer Ausbeuter
[= Gringos!] und wird in diesem Buch nicht verwendet.)

Von dem Gebrauch der Koka-Blätter durch die Bevölkerung Südamerikas ist der
Mißbrauch des aus den Blättern gewonnenen Kokains, den sich Weiße leisten,
strikt zu trennen.

Kokain verhält sich zum gekauten Koka-Blatt etwa wie gefixtes Morphium zum
gerauchten Opium.

Nach der chemischen Isolierung des Kokains (1860) entdeckten Ärzte und Chemiker
sehr schnell, daß Kokain nicht nur zur örtlichen Betäubung bei chirurgischen Eingriffen
verwendet werden kann, sondern daß die Substanz berauscht, euphorisiert.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Kokain in Europa zur Modedroge (etwa wie
Haschisch/ Marihuana in den sechziger Jahren).

Künstler schätzten die Klarheit des Denkens, die Kokain vermitteln kann, Prostituierte,
Zuhälter und ihre Kunden empfanden die stimulierenden, Hemmungen beseitigenden
Wirkungen der Droge als nützlich.

Im Lebensstil der zwanziger Jahre war Kokain einer der Motoren der Hektik angesichts
der Vorzeichen des Nazi-Faschismus. >Mutter, der Mann mit dem Koks ist da<, sangen
in Berlin die Kinder auf den Straßen, und dieser >Koks< war keinesfalls für den Ofen
bestimmt.

Kokain macht drogenabhängig, wobei dem Rausch ein unangenehmer >Kater< zu
folgen pflegt. Das führt zu erneutem Konsum und zu ständiger Steigerung der
Tagesdosis.

Von der Anfangsdosis (etwa 0,1g) steigern Süchtige ihren Tagesverbrauch ziemlich
schnell auf vier bis zehn Gramm.

Kokain wird >gesnieft< oder in Wasser gelöst und gefixt. Das Sniefen ist der Weg
des Drogenkonsums durch den Kokain-Abhängigen. Zum Fixen neigen Junkies,
die so ziemlich alles auflösen und fixen, was sich auflösen läßt.

Im Jet-set (= Schicht unabhängiger, sich jedes Vergnügen leistender Reicher)
und - gelegentlich - auf der Szene wird das Pulver inzwischen zu erschwinglichen
Preisen angeboten.

Ein Gramm Kokain kostet zur Zeit zwischen 200,- DM und 300,-DM, wobei die
Droge auf der Szene fast immer mit anderen Substanzen (Milchpulver, Amphetamin)
vermischt ist.

Auf der Szene sind für Kokain die Bezeichnungen >Schnee<, >Charley< oder
>Coke< üblich.

Hinweis: Crack ist Kokain-Freebase: Das Hydrochloridsalz wird durch brennbare
Lösungsmittel aus dem Kokain gelöst, mit Backpulver verbunden und auf diese
Weise rauchbar gemacht. Crack wird in Glasröhrchen transportiert und vom
Konsumenten geraucht. Die Wirkung tritt schneller ein als bei der Kokaininjektion.
Sie ist intensiver, aber auch sehr schnell vorbei. Da Crack sehr billig angeboten wird
(l Dosis 5 US $), ist es in den USA inzwischen neben Cannabis zur Hauptdroge
armer Farbiger geworden. Schon 1986 schätzte man die Zahl abhängiger
Crack-Raucher in den USA auf eine Million. In der Bundesrepublik Deutschland
blieb das "freebasing" bisher auf Versuche von Drogenabhängigen beschränkt,
sich Crack selbst herzustellen. Das besagt nicht viel. Auch in den Vereinigten
Staaten wurde der Markt für Crack erst entwickelt, als der Ausbau des
Kokain-Marktes weitgehend abgeschlossen war. Infolge der intensiven
Crack-Wirkungen verursacht diese Droge sehr schnell Abhängigkeit. Wer Crack
konsumiert, raucht es in den USA meist zusammen mit anderen Drogenabhängigen.
Da die Droge sexuell enthemmend wirkt, kommt es in Crack-Häusern zum M
assengeschlechtsverkehr von Fremden. Das trägt zur AIDS-Infektion nicht weniger
bei als der gemeinsame Gebrauch einer Injektionsspritze.
Der unerlaubte Umgang mit Kokain in allen seinen Formen ist strafbar.
Kokain fällt unter das Betäubungsmittelgesetz.
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