Leseprobe aus dem Roman "Ein langer warmer Sommer"
Prolog
Zugegeben: Diejenigen, die wissen, reden meist nicht, und diejenigen, die reden,
wissen nicht. Aber wann bietet sich unsereinem schon einmal die seltene Gelegen-
heit des Zugangs zu einem halbwegs brauchbaren Textverarbeitungssystem mit
einem Keyboard, dessen Tasten so groß sind, daß sie unseren für gänzlich andere
Aufgaben vorgesehenen Greiffüßen jenen Halt verschaffen, der es möglich macht,
spielerisch von Taste zu Taste zu springen und auf diese Weise das zu bewirken,
wozu diese Maschinen eigentlich das ein sollten, nämlich Verständigung?

Soll ich etwa jene Stunden, die der Eigentümer dieses Gerätes klugerweise nicht in
seinem Büro verbringt, sondern am Strand, ungenutzt verstreichen lassen?

Ein ungewöhnliches Halbjahr liegt hinter mir, und ich werde meine in dieser Zeit
gewonnenen Einsichten in das Verhalten einer Anzahl von Personen aufzeichnen.
Dabei wird auch von mir und meinem Verhalten die Rede sein müssen, weil ich
einem arg angeknabberten Buch, das sich früher einmal auf dem Bücherregal des
Kunstprofessors Rudolf Steinmann befand, die Erkenntnis verdanke, daß der
Versuchsleiter immer Teil des Versuchs ist, aber ich werde mich nicht ständig in den
Vordergrund drängen.

Gehört es etwa zur Sache, daß ich von jenem dunkelhäutigen Tierfänger berichte,
der vom Abkommen zum Schutz vom Aussterben bedrohter Tierarten noch nie
etwas gehört hatte und mich brutal von meiner Lieblingsmangrove pflückte, auf der
ich an jenem Morgen etwas benommen saß, weil ich zuviel Hanf gefressen hatte?
Soll ich davon erzählen, wie man mich in einen Käfig steckte, in einem Flugzeug
von den grünen Hügeln Afrikas ins kalte Mitteleuropa transportierte? Soll ich hier
schildern, was ich empfand, als mich während der Quarantäne immer wieder brutale,
diesmal allerdings durch Handschuhe geschützte Hände aus meinem Käfig rissen?
Was soll's? So was steckt unsereiner einfach unter das Gefieder! Es hätte schlimmer
kommen können!

Abgesehen davon: Wie die meisten das Leben liebenden Wesen neige auch ich
dazu, meine eigenen unangenehmen Erfahrungen so schnell wie möglich zu
vergessen, um mich statt dessen an angenehme Erfahrungen so lange wie möglich
zu erinnern. Es ist meine Methode, aus dem Leben das Beste zu machen und zu
gegebener Zeit mit der riesigen grauen Katze Tod fertig zu werden, die ständig
hinter allem Lebendigen auf der Lauer liegt und auch mich irgendwann erwischen
wird.

Trotz unserer von Zoologen nicht bestrittenen Intelligenz sind auch wir
Großpapageien nicht imstande, etwas daran zu ändern, daß alles, was lebt,
irgendwann einmal stirbt. Was ich bis dahin nicht getan habe, werde ich in diesem
Leben nie mehr tun können, und ob sich in einem nächsten Leben ähnliche Chancen
ergeben, ist ungewiß. Auch wenn ich irgendwann noch mal eine so schöne Maschine
mit einem dschungelgrünen Bildschirm finden sollte, auf dem die Buchstaben tanzen
wie Mücken über einem Teich an einem milden Sommerabend, eine kleine graue
Katze heißt Vergessen! Es gibt keine andere Möglichkeit: Wenn ich die Geschichte
dieses Sommers nicht erzähle, wird sie nie erzählt werden, und dieser Sommer ist
etwas, das ich der riesigen grauen Katze entgegenhalten kann. Auch wenn sie mich
erwischt, den Sommer wird sie nie erwischen, wenn ich von ihm erzählt habe.

Obgleich unter den Zoologen kaum Zweifel an unserer Intelligenz bestehen, gilt es
dennoch als ausgemachte Sache, daß wir gewöhnlich nur imstande seien, wenige
Wörter, bestenfalls einige unzusammenhängende Halbsätze, nachzuplappern. Diese
Auffassung ist, so weit verbreitet sie auch sein mag, schlicht und einfach Unsinn.
Gewiß, auch ich sagte, als mich Rudolf Steinmann aus der Tierhandlung befreit hatte,
vier Wochen lang nur sehr wenig. Auch als ich längst begriffen hatte, in welche für
mitteleuropäische Zustände ungewöhnlich günstige Lebensverhältnisse mich das
Schicksal per Jet transportiert hatte, krächzte ich nur wenige Wörter und gab dieses
Verhalten selbst dann noch nicht auf, als ich bereits vier Bände der Encyclopaedia
Britannica in mich aufgenommen hatte, die in Rudolfs Arbeitszimmer auf dem
Bücherregal stand. Nein, wenn ich nur wenige Wörter krächzte, stammelte oder
manchmal auch schrie, war es nicht Unfähigkeit, sondern Klugheit.

Im Gegensatz zu den Menschen wissen wir Graupapageien, daß zu viel reden meist
mehr Schaden anrichtet als zu wenig.

Dank meiner überlegenen Sinne und meiner außergewöhnlichen Intelligenz erfaßte
ich jeden Augenblick, was um mich herum vorging, meist sogar weit mehr. Nicht nur,
daß meine Augen ständig so weit sehen wie die des Menschen mit einem sechsfach
vergrößernden Fernglas! Ich verfüge zusätzlich über die Fähigkeit, sozusagen in das
Innere anderer Wesen hineinzuschlüpfen und auf ihren Lebensbäumen
herumzuturnen. Sogar die Erlebnisse, die manche Menschen verdrängen oder
vergessen haben, liegen offen vor meinen scharfen Sinnen.

Nicht um mich geht es hier, sondern um jene Menschen, die ich ein halbes Jahr lang
beobachten konnte, weil ich unter ihnen lebte. Diese Zeit ist vorbei.

Hier, auf der warmen Insel Teneriffa, wo ich meinen Heimflug nach Afrika unterbreche,
um neue Kräfte für den Rest meiner Reise zu sammeln, glühen die roten Hibiskus-
blüten noch im Sommerlicht, während sich die Blätter im Garten Rudolf Steinmanns
längst gelb verfärbt haben. Bald werden sie von den Bäumen fallen, und Rudolf wird
sie nicht mehr auf den Komposthaufen schaufeln, sondern sie werden dort verfaulen,
wo sie der Wind hinträgt. Rudolf Steinmann ist tot. Die riesige graue Katze hat ihn
gefressen. Aber ich werde von ihm erzählen. Heinrich Steinmann, Agathe Steinmann,
Käthe Winkelstraeter und Georg Reichelt (meine übrigen Versuchspersonen) leben.
Die riesige graue Katze hat sie noch nicht gefressen. Es hätte schlimmer kommen
können!
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