Leseprobe aus " Körners endgültige Geschichte der Deutschen"

94.Im Schnellwaschgang zur deutschen Einheit
"Da drehte ich mich zu Seiters um und sagte:
>Die Sache ist gelaufen.<"
(Helmut Kohl 19.12.1989)

Obgleich zahlreiche von der gestürzten DDR-Regierung zuvor gut gefütterte Künstler und Schriftsteller sowie noch besser versorgte Nutznießer der Diktatur den Erhalt der Eigenstaatlichkeit der DDR und ihren Umbau in eine Demokratie forderten - die Ossis wollten es anders.
Im Januar 1990 stürmten Tausende von ihnen die Zentrale des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes in Leipzig (vermutlich um ihre Spitzelberichte für die Stasi aus dessen Akten verschwinden zu lassen.
Im März desselben Jahres gewann die ersten freien Wahlen in der DDR eine "Konservative Allianz", die eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten versprochen hatte.
Im April 1990 trat die erste und letzte frei gewählte Volkskammer der DDR erstmalig zusammen. Sie wählte eine Regierung, die bereits durch den Koalitionsvertrag mit der DDR-SPD und den DDR-Liberalen auf den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik festgelegt war.
Zugegeben, aus heutiger Sicht erscheint der Vollzug dieser Vereinigung erheblich überstürzt, doch er dürfte kaum abzu-bremsen gewesen sein.
Bundeskanzler Kohl hatte den Ossis die Einführung der west-deutschen D-Mark und blühende Landschaften versprochen. Je länger sie darauf warten mußten, desto mehr gut ausgebildete DDR-Bürger wanderten auf eigene Faust in die Bundesrepublik, forderten dort a.) Wohnungen, b.) Arbeit oder c.) zumindest Sozialhilfe. Es wäre ziemlich eng in der alten Bundesrepublik geworden, wenn die deutschen Regierungen nicht sehr schnell gehandelt hätten. Sie schalteten auf Turbo-Speed, wobei eine verblüffende Tatsache offenbar wurde.
Für die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik hatte deren Fi-nanzminister jahrelang klammheimlich gespart, während Politiker noch lauthals erklärt hatten, jede deutsche Hand solle verdorren, die jemals wieder ein Gewehr anfassen würde.
Für eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten allerdings, die Politiker, zumindest an jedem Tag der deutschen Einheit (= westdeutsches Grillfestival), lauthals gefordert hatten, war kein Sondervermögen gehortet worden.
Der Bundesfinanzminster begann zu rechnen, und er rechnet noch immer. Dabei waren die 115 Milliarden DM, die schon vor der Vereinigung aus einem hastig eingesammelten "Fonds Deutsche Einheit" in die DDR überwiesen wurden, ebenso Kleingeld wie jene 12 Milliarden, die Gorbatschow als Fahrgeld für die Rückreise der sowjetischen Truppen in ihre Heimat erbat.
Die Folgen der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion sind es, die Milliarden und Abermilliarden in die am 3. Oktober 1990 Teil der Bundesrepublik Deutschland gewordene ehemalige DDR fließen lassen, wo sie versinken wie in einem Faß ohne Boden - nein, wie in einem Faß, dessen Boden noch wie ein sehr weitmaschiges Sieb erscheint.
Kaum war die Wirtschaftsunion in Kraft getreten, reisten In-dustrielle und Handelsvertreter, Versicherungsvertreter und Makler in die DDR und fingen an zu rechnen.
Viele Vertreter und Makler blieben. Die meisten Industriellen reisten schnell wieder ab, nachdem sie sich in der DDR umgesehen hatten.
Was dort die Industrie zu produzieren vermochte, war im Ostblock Spitzenqualität gewesen, aber dieser Ostblock existierte nicht mehr. Auch die ehemaligen Volksrepubliken tanzten nicht mehr nach der verrosteten Pfeife der sich auflösenden Sowjetunion. Sie beteiligten sich wieder am freien Welthandel, und selbst wenn sie sich an DDR-Produkte gewöhnt haben mochten - die damals noch starke gesamtdeutsche DM machte Waren aus den neuen Bundesländern für sie zu teuer.
Als die Berliner Mauer längst in kleine bunte Betonstückchen (=letztes erfolgreiches Produkt aus der DDR) zerlegt war, für die Mauerfans hohe Preise zahlten, reisten die ersten Mitarbeiter der Treuhand (= treue Handlanger) in die neuen Bundesländer, fingen an zu rechnen und machten jene Staatsbetriebe dicht, die ihnen nicht überlebensfähig erschienen. Die anderen wurden privatisiert (=verkauft; oft an ihre Konkurrenz in den alten Bundesländern, die vielfach a.) die Mitarbeiter entließ, b.) die Betriebe schloß sowie c.) die Betriebsgrundstücke verkaufte.
Seither können sich immer mehr Menschen in den neuen Bundes-ländern nur noch die Höhe ihrer Arbeitslosenunterstützung, Rente oder Sozialhilfe ausrechnen. Einen wirklichen wirtschaftlichen Aufschwung gibt es bislang nur dort, wo Unternehmen aus den alten Bundesländern neue Arbeitsplätze geschaffen haben, z.B. in Thüringen.
In den neuen Bundesländern geht es Millionen allerdings nicht viel besser, was keinesfalls nur an den immensen Kosten der Vereinigung liegt.
Mit dem Ende des Kalten Krieges zwischen Ost und West endete auch der Rüstungswettlauf, was z. Zt. (wie bisher das Ende jeden Krieges! ) Wirtschaftskrisen verursacht. Gleichzeitig werden in immer mehr Unternehmen Arbeitskräfte durch von Mikrochips gesteuerte Maschinen ersetzt, die a.) keinen Lohn fordern, b.) keine Sozialabgaben zahlen sowie c.) niemals streiken. Das kapitalistische System hat gesiegt, und die Wirtschaft folgt ihrem Gewinnstreben zunehmend ohne Furcht vor sozialistischen Utopien. Arbeitnehmer werden entlassen. In Folge der Automation (=Ersatz von Menschen durch Roboter) sinken die Löhne. Die Gewinne der Unternehmen steigen, sie fließen jedoch -im Gegensatz zu Löhnen- nicht in den Konsum, sondern in die internationalen Kapitalmärkte. Die Aktienkurse steigen parallel zu den Arbeitslosenzahlen.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass unser in vierzig Jahren im Schutz der Berliner Mauer aufgebautes soziales Netz gerade dann reformiert (= zum Nachteil der Alten, Kranken und Arbeitslosen immer mehr abgebaut) wird, wenn auch die zuvor von ihm ausgeschlossenen Ostdeutschen anspruchsberechtigt geworden sind.
Möglicherweise kann dieses Buch seine Leser in den alten sowie Bundesländern auch diesbezüglich trösten.
Während der unendlichen Geschichte der Deutschen ist in Euro-pa so viel getrennt und vereinigt worden, wechselten sich gute Zeiten und schlechte Zeiten so oft ab, daß es auf eine Vereinigung mehr oder weniger oder eine Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs mehr nun wirklich nicht ankommt. Historisch betrachtet.
Aber mal ganz abgesehen davon: während die Vereinigung der deutschen Brüder und Schwestern (=Inzest) noch längst nicht abgeschlossen ist, wird gemäß der Verträge von Maastricht längst eine weitergehende Verschmelzung vorangetrieben, die den Deutschen ihre heißgeliebte Mark nehmen, sie noch fester in Europa einbinden und ihnen noch mehr Kraft abverlangen soll.
Ob es nur ein Zufall ist, daß die Europäische Gemeinschaft auf einer Landkarte fast so aussieht, wie vor zweitausend Jahren das Römische Reich?
Jene Dummköpfe, die annehmen, sie könnten nach dem Zusammen-bruch der DDR gesamtdeutsch in der Hauptstadt Berlin dort weitermachen, wo Wilhelm II. 1918 und Hitler 1945 aufhören mußten, irren sich gewaltig! Dies ist in der Zeit weltweit vernetzter Informationsgesellschaften und multinationaler Wirtschaftsunternehmen nun wirklich nicht möglich.

Aus: Wolfgang Körner, „Körners endgültige Geschichte der Deutschen. Von der Völkerwanderung bis zur Wiedervereinigung"
1994 Econ Verlag
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