Leseprobe aus "Meine Frau ist gegangen-
Mit umfassendem Selbsthilfeprogram"
Anhang
Die Kunst des Loslassens - Ein Selbsthilfeprogramm
zur Bewältigung von Trennungskrisen

Einleitung
Ehescheidungen und das Ende langjährigen Zusammenlebens ohne Trauschein sind inzwischen so alltäglich geworden, daß jeder darauf vorbereitet sein müßte. Schon der Begriff Liebeskummer wirkt altmodisch. An unerwiderter "Liebe", so glauben wir meistens, leiden heutzutage höchstens junge Menschen in ihrer Pubertät. Es ist jedoch vielfach anders.
Nach Ansicht von Psychiatern, erfordert es meistens etwa die Hälfte der Zeit, die eine Ehe oder eine langjährige eheähnliche Beziehung bestanden hat, bis die oder der Verlassene sich mit deren Ende abgefunden hatten.
Psychologen, mit denen ich bei der Vorbereitung dieses Buches sprach, veranschlagen für diesen Prozeß eine Zeit von bis zu vier Jahren.
Die Intensität und Dauer des Trennungsschmerzes hängen entscheidend davon ab, in welchem Maße es gelingt, das "Entlieben" bewußt zu gestalten und durch eigene sinnvolle Aktivitäten die Rolle des passiv leidenden Verlassenen zu überwinden. Sein Denken und Fühlen kreist anfangs nahezu ausschließlich um jenen Menschen, der sich von ihm abgewandt hat.
Es ist grundsätzlich unmöglich, emotionale Probleme allein durch rationales Denken zu bewältigen. Die Erkenntnis, in welchem Maße kulturell bedingt ist, was wir unter Liebe verstehen und wie unsinnig die Vorstellung ist, man könne einen anderen Menschen besitzen, kann den Trennungsschmerz bestenfalls nur geringfügig mildern.
Er endet erst wirklich, wenn wir aufhören, uns an einen verlorenenen Partner zu klammern.
Niemand und nichts kann uns hindern, einen Menschen wirklich zu lieben! Wirkliche Liebe ist völlig unabhängig davon, ob wir geliebt werden. Sie ist selbstlos. Kein Tauschgeschäft.
Wenn wir glauben, Liebe verursacht den Schmerz, den wir nach dem Ende einer langen und intensiven Beziehung empfinden, ist das ein Irrtum. Unser Schmerz entsteht, weil wir einen Menschen begehren und festhalten wollen. Er hört auf, wenn wir diese egoistischen Gefühle überwinden. Wenn wir ihn nicht mehr festhalten wollen, sondern loslassen.
Dieses "Loslassen" läßt sich durch zielgerichtetes Verhalten ebenso erheblich erleichtern und beschleunigen, wie es durch unzweckmäßiges Verhalten erschwert und hinausgezögert wird.
Die folgenden Überlegungen und Empfehlungen sind sowohl das Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit den Erfahrungen anderer Männer als auch der Aufarbeitung eigener Trennungsprozesse.
Obgleich ich dieses Buch in erster Linie für Männer geschrieben habe, dürften viele der hier empfohlenen Verhaltensweisen auch für Frauen hilfreich sein, denen es schwer fällt, sich von einem Menschen zu lösen.
Ich danke den Männern, die zu langen Gesprächen mit mir bereit waren und mir vielfach persönliche Aufzeichnungen überließen, für ihr Vertrauen. Besonders möchte ich der Klinischen Psychologin Ulla Sebastian danken, die mich durch einen Prozeß des Loslassens begleitete. Ich habe dabei viel von ihr gelernt.


1. Wenn die Musik plötzlich aufhört - Die Schockphase
Die meisten Männer geraten in eine Krise, wenn sie von ihrer Lebenspartnerin verlassen werden. Das gilt auch für Männer, die in völlig zerrütteten Beziehungen lebten, bei deren Ende von einem Verlust der Liebe kaum noch die Rede sein kann.
Was der Verlassene immer verliert, sind Nähe und Gemeinsamkeit sowie die Möglichkeit der Befriedigung seelischer, sozialer und sexueller Bedürfnisse durch die bisherige Partnerin: Verluste, die Ängste, Depressionen, Zwangshandlungen sowie psychosomatische Krankheiten auslösen können und oft mit dem Verlust jeglichen Selbstwertgefühls verbunden sind.
Es gibt zahlreiche Bücher, die untersuchen, was bei einer Trennung auf seelischer Ebene geschieht.
Der Initiator der Trennung, jener, der die Beziehung aufkündigt, vollzieht den seelischen Prozeß seiner Ablösung vom Partner bereits, während dieser noch, mehr oder weniger ahnungslos, auf den Fortbestand der Gemeinsamkeit vertraut.
Der Initiator bereitet sich zielstrebig auf die Trennung und die Zeit danach vor. Vielfach werden bereits heimlich hinter dem Rücken des Partners Beziehungen zum nächsten "Lebensabschnittsgefährten" aufgenommen. Die noch bestehende Gemeinsamkeit wird erst aufgekündigt, wenn die nächste als hinreichend tragfähig erscheint.
Kein Wunder, daß sich Verlassene meist als Opfer fühlen. Für sie bricht plötzlich ein wichtiger Teil ihrer Welt zusammen. Sie empfinden seelisches Leid, das sie nicht nur verzweifeln läßt, sondern häufig zu unbedachten und unkontrollierten Handlungen veranlaßt. Nicht selten schlägt die Hilflosigkeit Verlassener in blinden Haß um, der mitunter zur Tötung der verlorenen Person, dessen neuen Partners oder zur Selbsttötung führen kann.
Nahezu sämtliche Psychologen sind sich in der Annahme einig, daß die Zurückweisung durch den Partner tief verwurzelte Ängste aus der Kindheit wieder aktiviert: vor allem die Furcht, von der versorgenden Mutter nicht mehr geliebt und verlassen zu werden.
Der bedauerliche Zustand eines vom Partner verlassenen Menschen wird zurecht vielfach mit jenem eines Drogenabhängigen nach plötzlichem Entzug des Suchtmittels verglichen. So, wie die meisten Süchtigen alles daran setzen, sich ihre Droge zu verschaffen, versuchen die meisten Männer nach einer nicht von ihnen initierten Trennung alles, um die verlorene Partnerin zurückzugewinnen.
Erwachsene, im Beruf erfolgreiche Männer bedrängen und bedrohen jene Frau, die sich von ihnen abgewandt hat. Sie lauern ihr auf und laufen ihr hinterher. Sie überschütten sie mit Briefen, Blumen und Geschenken. Sie sitzen wie Vierzehnjährige neben dem Telefon und sehnen sich nach dem erlösenden Anruf der "Geliebten". Sie vernachlässigen sich, verlieren den Appetit und können sich bei der Arbeit nicht mehr konzentrieren. Sie können nachts nicht schlafen oder wachen, wenn sie endlich eingeschlafen sind, plötzlich auf, weil sie glauben, sie hätten den Schlüssel ihrer früheren Gefährtin im Schloß der Wohnungstür gehört.
Daß sie auf diese Weise auch noch den letzten Rest von Achtung und Zuwendung zerstören, die ihre verlorene Partnerin vielfach noch für sie empfindet, ist ihnen meist nicht bewußt.
Verglichen mit Drogenabhängigen sind sie aber objektiv in einer wesentlich besseren Situation: Im Gegensatz zum Entzug harter Suchtmittel, der nur weniger als 10% der Abhängigen dauerhaft gelingt, wird der Schmerz nach Verlust der Partnerin oder des Partners in den meisten Fällen überwunden.
Dies geschieht nach Auffassung der meisten Psychiater und Psychologen (u.a. Johan Cullberg, Krisen und Krisentherapie in: Psychiatrische Praxis 1978, S.25-34) im Verlauf mehrerer Phasen, die den Zuständen ähnlich sind, die ein Mensch angesichts seines nahenden Todes durchläuft.
Traumatische Trennungskrisen beginnen mit einer "Schockphase", in der Betroffene äußerlich oft ruhig erscheinen, obwohl innerliches Chaos herrscht. Danach beginnt eine "Reaktionsphase": eine Zeit des Nicht-Wahr-Haben-Wollens, in der Verlassene das Ende ihrer Beziehung verdrängen. In der sich Verzweiflung, Wut und Hilflosigkeit mit erster Trauer mischen. Schließlich wird das Ende der Beziehung akzeptiert. In einer Bearbeitungsphase wird die gescheiterte Beziehung verarbeitet. In ihr löst sich der Verlassene endgültig von seinem früheren Lebenspartner. Er beginnt, sich neu zu orientieren.

Aus der Praxis für die Praxis
Gestehe dir ein, daß du verlassen wurdest
Nicht zufällig beginnt bei einer Sitzung der Anonymen Alkoholiker jeder Teilnehmer ein Statement mit der Erklärung, daß er ein Alkoholiker ist. Das Eingeständnis eines Zustandes ist Voraus-setzung für seine Überwindung. Unabhängig davon, ob sich eine Frau im Streit von dir getrennt hat oder mit dem Versprechen, sie wolle in Zukunft nur noch eine "rein freundschaftliche" Beziehung mit dir - es ist eine Tatsache, daß sich diese Frau von dir abgewandt hat. Es hilft dir nicht, diese Tatsache zu verdrängen. Es ist zweifellos möglich, daß sie sich nicht wirklich von dir trennen will und nur bei einem Machtkampf einen Schritt zu weit gegangen ist. Es ist möglich, daß sie nur herausfinden möchte, wie du reagierst und ob du ihren Verlust verschmerzen könntest. Solche Gedanken helfen dir im Augenblick überhaupt nicht.
Ganz gleich aus welchen Gründen und mit welcher Absicht, deine Partnerin wendet sich von dir ab. Da Menschen keine Sachen sind, die man besitzen kann, liegt es nicht in deiner Macht, ihre Entscheidung zu ändern. Es ist völlig normal, daß dich der Verlust deiner Partnerin schmerzt und du annimmst, du könntest ohne sie nicht mehr leben. Es ist auch völlig normal, daß du dich mit Selbstvorwürfen quälst und dich für einen Mann hältst, den nie wieder eine Frau lieben wird. Es ist völlig normal, aber solche Überlegungen helfen dir nicht im geringsten dabei, deinen Zustand zu ändern. Deine bisherige Partnerin hat sich von dir getrennt.

Vermeide für vier Wochen vorerst jeglichen Kontakt mit deiner ehemaligen Lebensgefährtin
Nahezu jeder, der verlassen wurde, möchte anfangs den alten Zustand so schnell wie möglich wieder herstellen. Auch wenn wir diesen Wunsch für Liebe halten - es ist nur Haben-Wollen. Wenn wir es genau betrachten, "lieben" wir den anderen jetzt auch nicht, sondern wir wollen und brauchen ihn. Das sind egoistische Bedürfnisse, die uns Männer oft zu erniedrigenden und lächerlich erscheinenden Handlungen veranlassen.
Wir suchen unter vielerlei Vorwänden den Kontakt mit der bisherigen Partnerin. Wir rufen sie an, lauern ihr auf und schreiben verzweifelte Briefe, in denen wir unsere Sehnsucht und unsere "Liebe" bekunden. All das bleibt meist völlig wirkungslos.
Wenn eine Wiederaufnahme der Beziehung überhaupt möglich ist, dann nur, wenn die frühere Partnerin das gleichfalls will.
In der Steinzeit mag es möglich gewesen sein, um eine Frau zu kämpfen und sie in den eigenen Bau zu schleppen. Diese Zeiten sind vorbei. So sehr man sich danach sehnt, die Stimme der "geliebten" Frau zu hören - gerade wenn man möchte, daß sie ihre Entscheidung korrigiert, ist es notwendig, den Kontakt mit ihr vorerst zu vermeiden.
Wir Menschen sind nun einmal so beschaffen, daß wir gering schätzen, was wir ohne Mühe bekommen können oder was sich uns gar aufdrängt. Falls sich deine frühere Partnerin wieder für dich entscheiden sollte, dann nur wenn sie dich auch vermißt. Das wird gewiß nicht geschehen, solange du ihr nachläufst.

Lesen Sie weiter in:
Meine Frau ist gegangen. Neuausgabe 2001
Königsfurt Verlag

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