Aus einem nie gedruckten Interview

William S. Duell im Gespräch mit W.K.
1996 hatte der amerikanische Philologe, just for fun, den
"Einzig wahren Opernführer" ins Englische übersetzt und
bemühte sich, einen Verleger in den USA an einer Lizenz-
ausgabe zu interessieren. Während der Arbeit an dieser
Übersetzung zeichnete Billy ein Interview auf. Es wurde
- wie die amerikanische Ausgabe des Opernführers -
bislang nicht veröffentlicht. William Duell ist inzwischen
an einem Bissen Hot Dog erstickt, der in seinem Halse
steckengeblieben war. Friede seiner Seele.
Duell: Du schreibst Romane, Sachbücher, Jugendbücher, Drehbücher und jetzt auch noch Satire. Wie machst Du das eigentlich?

W.K.: Immer so gut wie möglich!

Duell: Playing the violine! But serious: Eine klare Linie ist in deinen Büchern nicht erkennbar.

W.K.: Das sehe ich völlig anders. Ich habe nichts geschrieben, was nicht mit meinem Leben zu tun hat! Meinen ersten Roman schrieb ich aus Wut über die unwürdige Behandlung von Sozialhilfeempfängern durch deutsche
Bürokraten...

Duell: Wieso? Bei euch lebt man on welfare besser als bei uns ein Facharbeiter.

W.K. : Versteh' ich nicht. Ich denke, die amerikanische Verfassung garantiert jedem das Glück.

Duell: Durchaus nicht. Lediglich das Recht, nach Glück zu streben. - Aber zu deinen Büchern... Warum entscheidest du dich nicht für ein Genre und bleibst dabei?

W.K.: Weil ich mich dabei entsetzlich langweilen würde. Jedes Thema verlangte eine andere Form. "Versetzung" war sozialkritische realistische Fiction. Im Subkultur-Roman "Nowack" wollte ich aus der Perspektive eines Haschisch rauchenden Fotografen erzählen, und die ist nun einmal von Halluzinationen durchsetzt. Die Geschichte der Flucht unserer Familie aus der DDR habe ich für junge Leser geschrieben. Die erreicht man am besten durch das Jugendbuch.

Duell: Wieso gibt es von "Der Weg nach Drüben" eine schwedische und eine amerikanische Lizenzausgabe und in Dänemark sogar Sonderausgaben für den Deutschunterricht, während die Trilogie in Deutschland out of print ist?

W.K. : Vermutlich weil die Bücher lange vor der Wiedervereinigung erschienen sind. Bei uns standen die Bücher auf der Auswahlliste für den Deutschen Jugendbuchpreis , und bei euch wurden sie für den Mildred L. Batchelder Award nominiert. Als die Berliner Mauer abgetragen wurde, waren diese Romane längst vergriffen.

Duell: Frustriert dich sowas?

W.K.: Nur noch selten. Als Autor lebst du nun mal unter der Herrschaft der Königin in Alices Wunderland: "In meinem Reich muß man sehr schnell rennen, um dort zu bleiben, wo man sich befindet." Oder so ähnlich.

Duell: Bei uns bekommen die Einkäufer der Buchhandelsketten schon Korrekturabzüge zugeschickt. Was sie nicht ordern wollen, wird vielfach nicht mehr gedruckt.

W.K. : In Deutschland haben wir eine gewaltige Überproduktion. Die meisten Verlage wollen durch eine Vergrößerung der Titelzahl ihren Umsatz steigern. Was der Buchhandel in einer Saison nicht verkauft, schaufelt er in die Verlage zurück, bevor die nächste Produktion angeliefert wird. Wenn Bücher überhaupt länger am Markt bleiben, dann meistens in der Taschenbuchausgabe.

Duell: Du hast zwanzig Jahre jeden Monat eine satirische Kolumne für die Fachzeitschrift "Buchmarkt" geschrieben. Wieso hat dich das Geschäft mit Büchern so interessiert? Mich interessiert das überhaupt nicht.

W.K.: Typisch für Philologen. Aber du kannst es drehen und schieben wie du willst. In einer kapitalistischen Konsumgesellschaft wird letztlich alles nach wirtschaftlichen Kriterien entschieden. Den alten Typ des Verlegers, der einen Autor durchsetzte und seine Arbeit durch alle Höhen und Tiefen begleitete, findest du doch kaum noch.

Duell: Doch! Siegfried Unseld, Michael Krüger und vielleicht noch Klaus Wagenbach...

W.K. :.. Gert Haffmans und Daniel Keel darfst du nicht vergessen. Aber wenn Suhrkamp nicht Bertolt Brecht und Hermann Hesse hätte und der Hanser Verlag nicht seinen Umberto Eco... Ich bin gespannt, wie lange es solche unabhängigen Verlage noch gibt.

Duell: Die Literatur darf nicht aufhören.

W.K.: ...sagt Siegfried Unseld auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Aber wenn du seine Verlagsprogramme genauer ansiehst... Nach Peter Handke hat der Verlag keinen deutschen Autor mehr beim breiten Publikum durchsetzen können. Ich nehme an, dass der gebildete Bürger mit der Informationsgesellschaft aussterben wird.

Duell: Glaube ich nicht. Es wird immer Menschen geben, die Literatur lieben und mit ihr leben.

W.K.: Unbedingt! Aber ich nehme an, es wird eine gänzlich andere Art von Literatur sein.

Duell: Nur noch Unterhaltung?

W.K.: Manchmal denke ich, alle Belletristik ist letztlich Unterhaltung. Allerdings auf höchst unterschiedlichen Niveaus.

Duell: Weshalb hast du nach deinen Romanen plötzlich das Genre gewechselt? Deine Interview-Bände, die bearbeiteten Tonbandprotokolle, deuten auf eine Abkehr von der Belletristik hin.

W.K.: Ich habe die Unterscheidung zwischen ernster und unterhaltender Belletristik immer für ebenso fragwürdig gehalten wie die zwischen Fiction und Non-Fiction. Das Feuilleton und die Buchhändler brauchen solche Schubladen, aber bei der Arbeit hat mich das nie interessiert.
Das Taschenbuch "Meine Frau ist gegangen" ist das Resultat des Versuchs, meine Erfahrungen beim und nach dem Ende einer Beziehung mit den Erfahrungen anderer Männer zu vergleichen. Der "Drogenreader" entstand nach dem Tode einer Bekannten, die nach ihrer ersten Heroinspritze tot in der Bahnhofs-Toilette aufgefunden wurde. "Noch mal von vorn anfangen" schrieb ich, als ich eine Art verfrühter Midlifecrisis durchlebte.
In allen drei Büchern erzählen Menschen von ihrem Leben. Ich habe ihre Berichte lediglich strukturiert, und sie mit eigenen Wahrnehmungen verglichen. Die drei Bücher mußten mehrfach nachgedruckt und später aktualisiert werden.

Duell: Und dann entdecktest du das Fernsehen neu?

W.K.: Absolut nicht! - Das Fernsehen entdeckte mich! Irgend jemand bei der Bavaria Film schien meinen ersten Roman "Versetzung" gelesen oder den gleichnamigen Fernsehfilm gesehen zu haben. Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, für eine geplante Comedy Serie zu schreiben. Sie sollte in der Welt des Büros angesiedelt sein, in der ich mehr als zwanzig Jahre meines Lebens verbracht hatte, und dieser Versuchung konnte ich nicht widerstehen. Aus ersten Drehbüchern für die Pilot-Staffel der Serie "Büro, Büro" wurden schließlich vierundzwanzig Drehbücher. Später schrieb ich den gleichnamigen Roman, dem zwei weitere satirische Romane folgten.

Duell: Und dreizehn "Einzig wahre" satirische Ratgeber. Ich habe bei der Übersetzung deines "Einzig wahren Opernführers" Tränen gelacht. Jetzt muß ich nur noch einen amerikanischen Verlag dafür finden.

W.K.: May be the force with you !!



Zur Startseite