Leseprobe aus "Körners endgültiger Karriereberater"

Sechste Lektion:
Arbeitskräfte und Führungskräfte - Die beiden Menschenrassen
"Die Männer, die mit Menschen umzugehen
wissen, dirigieren diejenigen, die nur
mit Sachen umzugehen wissen."
(W. u. A. Durant, Soziologen)
Von allen karrierefeindlichen Vorstellungen ist die Annahme, alle Menschen seien einander gleich und hätten die gleichen Rechte und Pflichten, die karrierefeindlichste.
Im Fernsehprogramm fällt jedem manchmal auf, daß es Menschen mit schwarzer, gelber und roter Hautfarbe gibt.
Einige Aufgeweckte vermuten dann, daß solche Unterschiede die wesentlichsten zwischen verschiedenen Menschen sind. Dies ist nicht der Fall.
Der farbige Abteilungsleiter der Chase Manhattan Bank hat mit dem weißen Abteilungsleiter der Deutschen Bank, dem gelben Abteilungsleiter der Nippon-Nagaiko und dem roten der Indian Heritage Savings mehr gemeinsam als mit dem farbigen Pförtner, der ihm morgens den Wagenschlag aufreißt.
Die Unterschiede zwischen Führungskräften und Genasführten, zwischen Leitenden und Fehlgeleiteten sind gravierender als alle Rassenunterschiede, die in rassistischen Gesellschaften allerdings den Aufstieg verzögern und verhindern können.
Davon einmal abgesehen, erkennen und verständigen sich Führungskräfte untereinander mühelos über alle Staatsgrenzen und Rassenschranken hinweg. Notfalls auf Englisch.
Den Geführten fehlen zwar nicht unbedingt die dafür erforderlichen Fremdsprachenkenntnisse, aber vielfach jene Weltoffenheit und Toleranz, die erfolgreiche Führungskräfte -jedenfalls innerhalb der drei Wirtschaftszonen - kennzeichnet.
In ehrlichen Gesellschaften wie der indischen bezweifelt keiner die Existenz von Unterschieden zwischen leitenden und geleiteten Angestellten. Selbst der karrierebewußteste Unberührbare käme nicht auf die Idee, er könne durch eigene Bemühungen in diesem Leben Brahmane werden.
In den westlichen Industriegesellschaften sind die Grenzen zwischen Herrschenden und Beherrschten etwas durchlässiger. Dennoch wäre nichts unrichtiger als die Annahme, daß es hierzulande solche Grenzen nicht gäbe.
Wer bei seiner Karriere nicht nur an die von der Waschfrau zur Oberwaschfrau denkt (also an eine Scheinkarriere), muß sich von Anfang an darüber im klaren sein, daß er sich anschickt, Grenzen zu überwinden. Daß er ein von Grund auf anderer Mensch werden muß, eine gänzlich andere Persönlichkeit.
Die Aufgabe von Arbeitskräften (=Versagern) besteht darin, zu arbeiten.
Die Aufgabe von Führungskräften (=Erfolgreichen) besteht darin zu führen. Führen bedeutet, unter keinen Umständen selbst zu arbeiten, sondern vielmehr andere zur Arbeit anzuhalten und erforderlichenfalls anzutreiben.
Wer das auch nur einen Augenblick vergißt, arbeitet nicht nur seiner Karriere entgegen, sondern er richtet beispiellosen Schaden an, was eine alte biblische Legende sehr deutlich belegt.
Am Anfang der Schöpfung, als es auf der Erde ziemlich nebelig war und sich der Herr anschickte, die Welt zu schaffen, warnte ihn der Erzengel Gabriel mit dem vernünftigen Satz: "Du bist doch hier die Führungskraft, du willst das doch nicht etwa selbst machen!"
Der Herr kümmerte sich nicht darum und schuf selbst seine Welt, anstatt diese Arbeit zu delegieren. Er weigerte sich sogar, typisch für fehlgeleitete Führungskräfte, nach zwei Tagen Arbeit einen Kurzurlaub auf den Bahamas zu machen.
Das Ergebnis dieses für eine Führungkraft immer verfehlten Arbeitseifers wird jedem offenkundig, der die Welt nachdenklich betrachtet.
Kurztext für Überflieger:
Arbeitskräfte und Führungskräfte sind zwei völlig verschiedene Gruppen. Die einen sollen arbeiten und die anderen führen. Wer von der Arbeitskraft zur Führungskraft aufsteigen will, muß sein Verhalten und seine Persönlichkeitsstruktur tiefgreifend verändern. Er muß deshalb wissen, wodurch sich die eine von der anderen vor allem unterscheidet.

Siebte Lektion:
Psychostruktur und Verhalten der geborenen Führungskräfte


"Schon als ich ein kleiner Junge war, erzählte man
mir, ich könne Präsident werden. Allmählich fange
ich an, es zu glauben ".
(C. Darrow, Amerikaner)

Die Wissenschaft hat noch nicht herausgefunden, ob Intelligenz angeboren ist oder erworben wird, weil sich die fähigsten Forscher nicht um ihre Forschungen kümmern, sondern um ihre Karriere.
Mit Sicherheit kann aber davon ausgegangen werden, daß die geborene Führungspersönlichkeit in der richtigen Familie aufwächst und dort lernt, sich richtig zu verhalten.
Erfolgreiche Väter kümmern sich nicht um ihre Familien, sondern um ihre Karriere oder ihren Erfolg als Unternehmer.
Ihre Frauen kümmern sich gleichfalls nicht um die Kinder, denn sie hasten zwischen Modenschau, Friseur, Kosmetikstudio, Tennis- und Reitplatz hin und her, weil sie nur so ihrer Hauptaufgabe als Statussymbol ihres Ehegatten gerecht werden können.
In frühester Kindheit versorgen Ammen und Kindermädchen die heranwachsende Führungskraft. Deren Eltern haben deshalb ein schlechtes Gewissen und erfüllen dem Kind jeden Wunsch. Das Kind bekommt von allem das Beste, und es gibt sich auch später nicht mit weniger zufrieden.
Gleichzeitig lernt das Kind, wie man Menschen herumkommandiert, tyrannisiert und durch einen feinabgestimmten Cocktail aus Lob und Tadel sowie Belohnung und Strafe dazu bringt, zu tun, was man will. Es lernt zu führen.
Vor den Internaten parken später die Sportwagen der heranwachsenden Führungskräfte neben den Fahrrädern der Lehrer.
Auch wenn viele künftige Führungskräfte immer mehr Schwierigkeiten mit den Hilfswissenschaften Deutsch und Rechnen haben, die exakte Wissenschaft des Herrschens haben sie vom Säuglingsalter an mit der Milch ihrer Amme unbewußt verinnerlicht.
Wie nahtlos vollzieht sich der Übergang vom Internat zur Universität, wo sie gewöhnlich meist Jurisprudenz oder Betriebswirtschaft studieren.
Juristen haben später die größten Chancen; die Grenzen zwischen erfolgreicher Unternehmenspolitik und kriminellen Handlungen sind fließend. Deshalb brauchen große Unternehmen möglichst viele Juristen, die beweisen, daß jedes Wirtschaftsverbrechen legal war.
Wenn die künftige Führungskraft, etwa nach dem 22. Semester, nicht umhin kommt, die Universität zu verlassen, besorgt ihr der Vater (bzw. dessen Sekretär) selbstverständlich keine Arbeitsstelle, sondern einen Mahagoni-Schreibtisch im Herrschaftsbereich eines Geschäftsfreundes.
Dort lernt dann der Sohn (in seltenen Fällen auch die Tochter) als Vorstandsassistent oder dergl. das Wenige, was ihnen zur Führungskraft noch fehlt.
Das Wichtigste lernten sie bereits, als sie merkten, daß sie ihre Amme ungestraft in die Brüste beißen durften, weil die sich nicht zu wehren wagte.
Von frühester Kindheit an wurde der Realitätstunnel, das persönliche Bild von der Welt bei geborenen Führungskräften für eine Herrscherrolle geformt.
Schon bei den Spielen der Kinder ist der künftige Aufsteiger das Alpha-Kind, das nur mit anderen spielt, wenn sie sich nach seinen Regeln und Anweisungen verhalten. Eine Welt, in der andere nicht nach seiner Pfeife tanzen, kann er sich nicht einmal vorstellen.
Kurztext für Überflieger:
Wer mit dem goldenen Löffel im Munde geboren ist, braucht keine Karriereberater. Er macht zwangsläufig Karriere.

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In: „Der einzig wahre Karriereratgeber", Rowohlt Taschenbuch verlag 1992
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