Leseprobe aus
"Meine Frau hat mich verlassen - Männer erzählen von Trennung und dem Leben danach"
ALS MANN VON EINER FRAU VERLASSEN WERDEN
Vor acht Jahren verließ mich eine mehrjährige Lebensgefährtin, und dieser Abschied traf
mich völlig unvorbereitet. Ich glaubte, in einer >festen Zweierbeziehung< zu leben, in der
für die Frau wie für den Mann zwar kein Idealzustand verwirklicht war, wohl aber ein Netz
vielfältiger seelischer, sozialer und ökonomischer Bindungen geknüpft. Ein Miteinander,
bei dem es, so glaubte ich jedenfalls, keinen Herrscher gab und keinen Beherrschten,
sondern nur Neigungen und Interessen, aus denen heraus sich von Fall zu Fall
Zuständigkeiten ergaben.

Meine Gefährtin, ich nenne sie hier Carmen, verdiente Geld, wie ich Geld für den
Lebensunterhalt verdiente. Weil ich Geld leichter und durch weniger entfremdete Arbeit
verdiene, als es ihr möglich war, wollten wir, daß sie so schnell wie möglich nur noch
halbtags arbeiten sollte oder, besser noch, überhaupt nicht mehr. Weshalb sollte sie Zeit
für anstrengende, ihr sinnlos erscheinende Tätigkeiten opfern, während gleichzeitig
unsere Putzfrau mit fast der Hälfte von Carmens Monatsgehalt entlohnt wurde? Aber
einstweilen war das noch Zukunftsmusik. Noch arbeitete Carmen wie ich zwölf Stunden
am Tag, wobei die Arbeit gerecht verteilt war. Acht Stunden am Tag arbeitete sie im
Labor. Zehn Stunden arbeitete ich am Schreibtisch. Zwei Stunden verbrachte Carmen in
der Küche. Sie kaufte im Supermarkt ein und ich in der Getränkegroßhandlung. Sie hielt
die Küche in Ordnung und ich das Arbeitszimmer. Sie wechselte von Zeit zu Zeit die
Bettwäsche, und ich wusch von Zeit zu Zeit das Auto. Ein Leben, wie es so oder anders
unzählige andere Menschen leben. Eine Beziehung, die ich für weitgehend stabil
hielt - jedenfalls bis zu jenem Tag, an dem ich Carmens Abschiedsbrief las.

"Du wirst dich wundern", hatte sie geschrieben, "aber ich habe mich entschlossen,
unsere Beziehung zu beenden. Ich habe festgestellt, daß es mir nicht möglich ist, an
deiner Seite meine Persönlichkeit zu entwickeln. Die Gründe dafür liegen auf der
Hand..." - Scheinbar lagen sie nicht auf der Hand, denn Carmen hatte säuberlich
aufgeschrieben, bei welchen Anlässen ich egoistisch, sexistisch oder chauvinistisch
gehandelt hatte, in welchem Maß nur meine Freunde waren, was ich für unsere Freunde
gehalten hatte. In welch erschreckendem Maße der Umstand, daß ich das Vierfache
ihres Einkommens verdiente, ihr Selbstwertgefühl verletzte.

"Bitte, versuche nicht, mich anzurufen", las ich noch. "Es würde alles noch schwerer
machen. Vielleicht können wir irgendwann einmal gute Freunde werden. Bis dahin alles
Gute..."

Carmen hatte mir den "kurzen Brief zum langen Abschied" geschrieben, und ich erfuhr,
was das bedeutet: Trennung.

Zuerst hielt ich alles für ein Mißverständnis, für einen Irrtum, der leicht aus der Welt zu
schaffen sein müßte. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, daß eine Beziehung zuende
war, und als ich die Augen beim besten Willen nicht mehr vor den Tatsachen verschließen
konnte, begann eine Zeit, die mir wie ein Alptraum ohne Ende vorkam.

Von einer Frau verlassen zu werden, das vertrug sich nicht mit meiner Rolle als Mann,
die ich von Kindheit an gelernt hatte. Verlassen werden, das bedeutete für mich Verletzung,
Schwäche, Niederlage - bedeutete Ohnmacht.

Ein richtiger Mann wird nicht von einer Frau verlassen, sondern er verläßt eine Frau. Ich
fühlte mich einsam und verzweifelt. Wut und Haß auf Carmen schlug in Wut und Haß auf
mich selbst um, und das Schlimmste waren Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle, mit
denen ich nicht umgehen konnte. Dann begriff ich endlich, daß meine Trennung von
Carmen kein Einzelfall war, sondern ein ganz alltäglicher Vorgang.

Mit mehr als hunderttausend gescheiterten Ehen müssen sich die Familiengerichte jährlich
in der Bundesrepublik beschäftigen. In mehr als fünfundsiebzig Prozent der Fälle ist es die
Frau, von der das Scheidungsbegehren ausgeht. So aufschlußreich diese Zahlen sind,
sie lassen nur die Spitzen des Eisbergs erkennen. Die Zahl der Eheschließungen ist
rückläufig, wie die Geburtszahlen. Das Zusammenleben unverheirateter Partner ist
selbstverständlich geworden. Etwa vier Millionen leben in der Bundesrepublik ohne
Trauschein zusammen und heiraten vielfach, aber nicht immer, wenn ein Kind erwartet
wird. Auch wenn es über diese Beziehungen ohne Brief und Siegel des Staates
naturgemäß keine Statistiken gibt, ist offensichtlich, daß es auch hier meist die Frauen
sind, die eine Beziehung beenden.

Wenn sogar die Mütter von Kindern den vorwiegend zu ihrer wirtschaftlichen Absicherung
geschlossenen Ehevertrag kündigen, was sollte eine unverheiratete Frau daran hindern,
ihrem Partner irgendwann den kurzen Brief vor dem langen Abschied zu schreiben?

Weshalb und wie Ehen und Beziehungen scheitern, wie Menschen die Trennung von
ihrer Partnerin erleben und wie sie sich danach verhalten, bleibt gewöhnlich Privatsache.
Dabei kann nichts deutlichere Einsichten vermitteln in das Verhältnis zwischen den
Geschlechtern, als die gescheiterte Beziehung. Was sind das für Männer, deren von ihnen
für geordnet gehaltene Welt plötzlich zusammengebrochen ist?

Bedeutet es schon "Befreiung" der Frau, wenn sie die Beziehung zu ihrem Mann
aufkündigt?

Was muß in einer Ehe alles geschehen, bis eine Frau die Sachen packt und einen Mann
mit den Kindern verläßt?

Wenn Frauen nach der Reform des Scheidungsrechtes Männer immer häufiger
verlassen - weshalb sind sie denn dann zuvor bei ihnen geblieben? Bleiben sie, weil sie
dazu gezwungen waren? Waren ihre Ehen legalisierte Prostitution?

Wie verhalten sich Männer angesichts eines Unterhaltsrechts, das ihnen wenig Rechte
gibt, aber jede Mengen Pflichten? Wie verhalten sie sich gegenüber ihrer früheren
Partnerin und den gemeinsamen Kindern? Sind Kinder nur die Kinder der Frau? Sind
Männer ohne "ihre" Frauen tatsächlich hilflos? Bleiben verlassene Männer für den Rest
ihres Lebens allein oder wenden sie sich erneut anderen Frauen zu?

Wie erleben Männer das Verlassenwerden und was lernen sie aus ihren gescheiterten
Beziehungen?

Dieses Buch enthält Niederschriften von Gesprächen mit Männern, die von einer Frau
verlassen wurden. Ich habe sie aus mehr als fünfzig Tonbandaufnahmen ausgewählt,
die ich sammelte, als mir immer deutlicher wurde, wie ratlos wir Männer meist gegenüber
dem neuen Selbstbewußtsein und den neuen Ansprüchen von Frauen sind.

Ich verglich die Erfahrungen und Einsichten anderer Männer mit meinen eigenen, und die
Auseinandersetzung mit dem Erleben und den Auffassungen anderer Männer hat mir bei
der Suche nach einem neuen Verständnis meines Mannseins geholfen.

Inzwischen sind acht Jahre vergangen. Das geistige Klima in unserem Lande hat sich
gründlich geändert.

Erschrocken hat eine konservative neue Bundesregierung bemerkt, welche Folgen die
neunzehnhundertsiebenundsiebzig vorgenommene Umstellung des Scheidungsrechts
vom Verschuldens- auf das Zerrüttungsprinzip nach sich gezogen hatte; sie hatte Frauen
die Trennung vom Ehemann einfacher gemacht, weil sie den Unterhaltsanspruch der
geschiedenen Frauen nicht mehr von der "Schuld" des Mannes an der Auflösung der
Ehe abhängig machte.

Ziemlich hastig hat sich die Regierung inzwischen bemüht, diese Reform zurückzunehmen,
aber dieser Versuch ist - hauptsächlich dank des Widerstandes der Frauen in der
CDU - nur teilweise gelungen. Es blieb beim Zerrüttungsprinzip. Die Dauer und der Umfang
des in der Regel vom geschiedenen Ehemann an die Frau zu zahlenden Unterhalts wurden
allerdings beschnitten.

Auch wenn deutschen Richtern, gewöhnlich Männern, zuzutrauen ist, daß sie die neuen
Möglichkeiten, den Unterhalt geschiedener Frauen in Höhe und Dauer zu reduzieren, voll
ausschöpfen werden, hat das bisher an der Situation wenig ändern können.

Zweifellos bemühen sich starke reaktionäre Kräfte darum, im Zuge der oft beschworenen
"Tendenzwende" die Frau auf ihre alte Rolle in der Familie zurückzuverweisen, aber auch
diese Bemühungen dürften scheitern.

Selbst eine totale Rückkehr zum Verschuldensprinzip würde eine Frau nicht mehr in der
Gefangenschaft einer für sie inhaltlos gewordenen Ehe festhalten können. Schon vor der
jetzt vorgenommenen Reform der Re form des Scheidungsrechts betrug der Unterhalt, den
Männer an geschiedene Frauen zahlen mußten, durchschnittlich fünfhundert Mark. Dafür
bleibt eine Frau wirklich nicht bei einem Mann, mit dem sie nichts mehr verbindet.

Die Ursache für diese Entwicklung erscheint offenkundig. Obgleich die Frauenbewegung
gegenwärtig - nicht zuletzt als Folge der überwiegend Frauen betreffenden
Massenarbeitslosigkeit - auf einen "harten" (meist militanten, oft lesbischen) Kern
geschrumpft und kein Medienthema mehr ist, hat sie das Bewußtsein von Frauen bis ins
abgelegenste Dorf erreicht. Viele Frauen nehmen konsequent Abschied von ihrer alten
Rolle als vom Manne wirtschaftlich abhängige Hausfrau und Mutter. Andere Frauen, die
nicht im Traum daran denken, auf die Vorteile zu verzichten, die ihnen die alte
Hausfrauenehe bietet, benutzen die Argumente der Frauenbewegung inzwischen als
wohlfeile neue Munition im uralten Kampf der Geschlechter. Männer, die bis zur
Erschöpfung arbeiten, um die immer größer werdenden Ansprüche von Frauen und
Kindern zu erfüllen, werden vielfach der Unterdrückung und Ausbeutung bezichtigt und
als "penetrierungswütig" bezeichnet, wenn sie jene Lust suchen, wegen der sie sich für
eine Frau - und damit meist zwangsläufig auch für Kinder - entschieden. Das Bewußtsein
und das Verhalten der Männer angesichts dieser für sie neuen Situation ist verblüffend.

Es gibt zwar seit kurzem Anfänge einer Literatur, in der Männer ihre Rolle hinterfragen,
aber die meisten Belege dieser "Männerliteratur" thematisieren, mehr oder weniger
uneingestanden, die Hinwendung zum eigenen Geschlecht. So notwendig diese
Diskussion angesichts der drohenden Ausgrenzung Homosexueller unter dem Vorwand
der neuen Seuche Aids auch ist - die Suche nach dem anderen, besseren Verhältnis des
Mannes zur Frau wird meist ausgeklammert oder, was dasselbe ist, auf das Verhältnis des
Mannes zur Pornographie reduziert. Was in Ehen und Beziehungen zwischen Mann und
Frau tagtäglich geschieht, wird nach besten Kräften verdrängt - ganz zu schweigen von
der Tatsache, daß jeder damit rechnen muß, irgendwann von seinem Lebenspartner
verlassen zu werden.

Grund genug, die Niederschriften meiner Gespräche mit Männern nach einer Trennung
erneut zu veröffentlichen. Namen, Wohnorte und andere Informationen, die Rückschlüsse
auf die Identität meiner Gesprächspartner zuließen, habe ich verändert. Inzwischen lebt
jene Frau, die mich seinerzeit verließ, weil sie sich "an meiner Seite nicht selbst
verwirklichen" konnte, mit einem anderen Manne und ihrem ersten Kind in einer
Hausfrauenehe. Nicht immer ist Emanzipation, was als solche ausgegeben wird. Auch für
die Männer, mit denen ich sprach, ist die Zeit nach der Trennung von ihrer Lebenspartnerin
nicht stehengeblieben. Heilt die Zeit wirklich alle Wunden?

Von zwei Männern abgesehen, die die Trennung von ihrer Frau nicht zu bewältigen
vermochten, was für sie die ganz große Trennung, den Tod, nach sich zog, habe ich
meine Gesprächspartner von damals erneut aufgesucht, um mit ihnen darüber zu sprechen,
wie ihr Leben nach der Trennung weiterging. Nicht nur von Trennung ist jetzt die Rede,
sondern auch vom Weiterleben und von neuem Anfang - nicht zuletzt von der Schwierigkeit,
von alten Gewohnheiten, von der alten Männerrolle, Abschied zu nehmen.
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