Leseprobe aus " Ich gehe nach München "
Manchmal, wenn sie einige Stunden im Kaufhaus stand und wenig zu tun war,
hatte sie das Gefühl, nicht die Kunden bewegten sich in ununterbrochenem
Strom von der Strumpf-Abteilung kommend in Richtung Handschuhabteilung
an der Parfümerie vorbei, sondern es wäre umgekehrt. Nicht die Kunden
bewegten sich, sondern die Parfümerie-Abteilung, die Glasregale und Glas-
vitrinen und die Spiegel und der Verkaufstisch. Als wäre die Kosmetik-Abteilung
ein Schiff, das durch Frankfurt fuhr und mit ihm die Besatzung:

Frau Nitsch, eine dürre fünfundvierzig jährige Frau mit rotblond gefärbtem Haar,
wäre dann nicht die Abteilungsleiterin, sondern der Kapitän. Roswitha, Jutta,
Monika und Helga wären dann nicht Verkaufsassistentinnen, sondern vielleicht
die Schiffsoffiziere, die einfachen, vom Kaufhaus angestellten Verkäuferinnen
die Mannschaft. Sogar für den Lehrling wäre auf diesem Schiff ein Platz.

"Fräulein Seiler, sie stehen schon wieder herum und träumen! Ich habe Ihnen
doch gesagt. Sie sollen mir die Bestellungen vorbereiten!"

Gisela schreckte hoch und sah Frau Nitsch dicht neben sich. Eigentlich hat mir
Frau Nitsch gar nichts zu sagen, dachte sie, ich bin bei der Saphir angestellt und
nicht vom Kaufhaus, aber sie entschuldigte sich und holte das Bestellbuch aus
dem Wandschrank. Hat ja doch keinen Zweck, sich mit ihr anzulegen, dachte
sie, die bringt es glatt fertig, sich bei Dieckmann über mich zu beschweren und
dann ziehe ich ja doch den kürzeren. Sie bereitete die Bestellungen vor, sah das
grinsende Gesicht von Roswitha, die für die Selconal arbeitete. Warte, dachte
sie, dir wische ich auch noch eins aus, du hast mir heute eine Kundin abgewor-
ben, bilde dir nur nicht ein, ich hätte das nicht gehört. Nur gut, daß die Monika
wenigstens in Ordnung ist. Sonst hätte ich niemanden, mit dem ich in Frankfurt
mal ein paar Worte reden kann.

Langsam näherte sich eine Kundin, und sie war kaum stehen geblieben, da war
Gisela auch schon bei ihr: "Bitte sehr, was kann ich für Sie tun?"

"Ich brauche eine Hautcreme ... ich weiß nicht, das letzte Mal ..."

Gisela unterbrach sie geschickt mitten im Satz: "Ich kann Ihnen etwas ganz
Neues empfehlen! Die Saphir hat da eine Creme entwickelt, ich sage Ihnen,
ganz ausgezeichnet! Sie enthält Resorcin und echtes Azulen-öl, das sehen sie
schon an der Farbe der Creme, leuchtend blau! Dazu enthält sie noch Bor,
Schwefel und Hexamethylen... alles Stoffe, die von Wissenschaftlern zur Pflege
der Haut empfohlen werden ..."

Die Kundin sah beeindruckt aus und wie Gisela erwartet hatte, griff sie nach der
größeren Dose. Gisela ließ sofort die kleine Dose in der Vitrine verschwinden und
redete schon weiter, während sie sich noch bückte: "Ich würde Ihnen raten, noch
eine Cleaning-Lotion dazu zu nehmen und vielleicht noch eine V-Creme, damit
erzielen Sie wirklich hervorragende Ergebnisse, ich verwende diese Präparate
selbst schon seit zwei Jahren, sehen Sie sich meine Haut an ..."

Die Kundin nickte und sagte, Gisela solle ihr die Sachen einpacken, dann griff die
Kundin nach einem Geldschein und wie ein Blitz schob sich Frau Nitsch zwischen
Gisela und die Kundin: "Sie können bei mir zahlen", sagte Frau Nitsch und Gisela
ging zurück zu dem Regal, an das sie sich manchmal anlehnte, wenn sie glaubte,
daß keiner zu ihr herüber sah.
Zur Startseite