Leseprobe aus "Noch mal von vorn anfangen -
Männer erzählen wie sie ihr Leben veränderten"
1.Bad Reichenhall im Februar
Endlich einmal Ruhe haben, endlich einmal saubere Luft atmen. Endlich einmal eine
Nacht lang schlafen können, ohne von den Straßenbahnen, die an meiner Wohnung
vorbei aus den trostlosen Vororten der Großstadt in die City und aus der City in die
trostlosen Vororte donnern, jede halbe Stunde aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden.
Dabei geht es mir noch ausgesprochen gut, weil der Hauseigentümer bei der Sanierung
des Altbaus, in dem ich wohne, an nichts gespart hat. Die Fenster meiner Wohnung
sind Schallschutzfenster. Der Teppichboden ist rollstuhlfest. Die Armaturen im Bade-
zimmer und den Toiletten sind so schön, als hätte sie Colani entworfen - und so
kompliziert, daß ich Gästen regelmäßig erklären muß, wie sie funktionieren. Ich nutze
hundertzwanzig Quadratmeter Wohnfläche, was ich dem Finanzamt und mir sehr
schlüssig erklären kann. Mein Arbeitszimmer ist vierzig Quadratmeter groß, weil ich
viele Bücher schließlich irgendwo unterbringen muß. Das Finanzamt hat diese Erklärung
schlucken müssen, schließlich gibt es Gesetze. Ich schlucke diese Erklärung seit einiger
Zeit nicht mehr, denn bei allen Abschreibungsmöglichkeiten, auf die mich mein Steuer-
berater regelmäßig hinweist, irgendwann habe ich mich zu fragen begonnen, was für
einen Sinn das alles haben soll, die große Wohnung in relativ zentraler Lage, der
schnelle Zweieinhalbliterwagen, der mir absurd vorkommt wie die regelmäßig viel zu
hohe Telefonrechnung.

Das sind natürlich alles Verhältnisse, die ich mir lange Zeit mit dem schönen Wort
Sachzwang erklärte. Nur beginnt man, sich irgendwann zu fragen, ob es nicht
hirnrissig ist, einen Zweieinhalbliterwagen zu fahren, weil man ihn benötigt, um das
Geld zu verdienen, das man für den Unterhalt eines Zweieinhalbliterwagens braucht.
Ähnlich sieht es mit dem Telefon aus und der ziemlich großen Wohnung und unzähligen
anderen Ausgaben, die man irgendwann für notwendig hält, bis sie ihre wundersame
Eigengesetzlichkeit entfalten, die mir vor einem halben Jahr das Gefühl vermittelte,
mein Leben wäre eigentlich nicht mehr als der Strich zwischen Einnahmen und
Ausgaben.

Jetzt sitze ich hier in einem Appartement von vierzig Quadratmetern, auf denen Bett,
Kleiderschrank, Sitzgruppe und Bücherregale äußerst sinnvoll untergebracht sind.
Sogar eine Elektroküche und ein Badezimmer sind von diesen vierzig Quadratmetern
abgeteilt. Meine Schreibmaschine steht auf einer Schranktür, die ich kurzerhand
ausgehängt habe. Niemand kennt meine Anschrift außer meiner seit zwei Jahren
verwitweten, fast siebzig Jahre alten Mutter. Soll sich doch die Post zu Hause stapeln,
wer zwingt mich denn dazu, mich Tag für Tag durch Stapel von Briefen zu arbeiten,
die immer mehr mit Geld zu tun haben und immer weniger mit mir? Wer zwingt mich
denn dazu, in der staubig grauen Industriegroßstadt Dortmund ein Leben zu leben,
das mir zunehmend sinnlos erscheint? Woran liegt es denn, daß ich den Eindruck
habe, daß es um mich immer enger wird, und mir meine Lebenswirklichkeit immer
bedrohlicher vorkommt?

Du bist erschöpft, sagten mir Freunde, Sie sind einfach überempfindlich und neigen
zu depressiven Verstimmungen, sagte mir der Arzt, und meine Mutter sah mich eine
Weile an, überlegte und sagte dann, ich sei ganz einfach urlaubsreif.

Aber hat es etwas mit Erschöpfung und depressiven Verstimmungen zu tun, wenn
man die Zeitungen aufmerksam liest und sich dabei immer häufiger mit Nachrichten
konfrontiert sieht, die jedes Tier mit noch halbwegs gesunden Instinkten zu sofortiger
Flucht veranlassen würden, könnte es lesen?

"Die Gesundheits-Bedrohung durch das giftige Schwermetall Cadmium in der Luft
kann nach einer Studie des Bundesinnenministeriums langfristig zu einer ernsten
Gefahr für die Deutschen werden", lese ich beispielsweise in der >Welt am Sonntag<
vom 18. Januar 1981, und diese Studie führt weiterhin aus, daß bereits etwa 100.000
Deutsche cadmiumgeschädigt sind; ihre Nierenfunktion ist gestört.

Ist das Erschöpfung oder Urlaubsreife, wenn ich bei dieser Nachricht daran denke,
wie mein Vater kurze Zeit nach Empfang des Bescheides über sein Altersruhegeld auf
der Intensivstation eines Krankenhauses, einsam und mit den Maschinen technisierter
Medizin kämpfend, nach einem Nierenversagen in eine Urämie und in ihr in die
Ewigkeit glitt?

Tätigkeit sei das beste Mittel gegen depressive Stimmungen, lese ich in
populär-psychologischen Ratgebern, die in einer kranken Gesellschaft reißenden
Absatz finden, und alle raten dazu, bei Depressionen irgend etwas zu tun, um auf
andere Gedanken zu kommen.

Das menschliche Gehirn nämlich, so erklärte mir ein Neurologe kürzlich, sei nicht dazu
imstande, zwei "Gedanken" zur selben Zeit zu "denken". Das mag ja so sein, aber
auch wenn ich nicht daran denke, daß einer meiner Bekannten, ein junger Architekt,
mit dreiundvierzig Jahren gerade an einer äußerst aggressiven Krebsart stirbt, die durch
Asbest hervorgerufen wird, auch wenn ich nicht daran denke, wie glücklich dieser
Innenarchitekt war, als er endlich seinen eigenen Betrieb eröffnen konnte - ändert das
etwas an der Tatsache, daß dieser Architekt, froh darüber, nach langer Suche endlich
Betriebsräume zu günstigem Preis mieten zu können, sich nichts dabei dachte, daß
sein Betrieb im Industriegebiet lag, ein paar hundert Meter neben einem Asbest
verarbeitenden Betrieb?

Ich weiß, das ist nun einmal so in einer Gesellschaft, in der es Landwirte fertig bringen,
Kälber mit Chemikalien zu mästen, die den Krebs des Körpers nähren, wo wir es
tagtäglich fertig bringen, unsere Beziehungen zu anderen Menschen auf eine Art und
Weise zu gestalten, die den Krebs der Seele nährt - sofern der Krebs der Seele nicht
den des Körpers nach sich zieht und umgekehrt.

Ich weiß, Angst kann sich zur Paranoia steigern, aber für mich waren Zuhören und
Schreiben immer Überlebensmittel, für mich hilfreich und keinem Menschen schadend,
was man beispielsweise von den Neuroleptika, mit denen die Ärzte meinen Freund
Josef voll pumpten, als er angesichts seiner Lebenswirklichkeit durchdrehte, nicht
sagen kann.

Seit einigen Jahren habe ich mit Freunden und Bekannten über die Notwendigkeit
sprechen wollen, die eigene Situation zu prüfen und, wenn es sich als erforderlich
erweisen sollte, diese Situation zu verändern. Ich bin dabei meistens auf
Verständnislosigkeit und Abwehr gestoßen. "Was hast du denn, es geht mir doch gut!"
sagte ein junger Angestellter, kurz nachdem er mir von Lernstörungen seiner Tochter
erzählt hatte, die in der Grundschule nicht mitkommt. - Ob die Lernstörungen des
Kindes mit der Berufstätigkeit der Mutter zusammenhängen, die einen Bausparvertrag
finanziert?

"Das ist schon alles sehr beschissen", sagte ein vierzigjähriger Abteilungsleiter eines
Chemie-Konzerns, den ich nach dem Herzinfarkt am Krankenbett besuchte, "natürlich
bin ich in einer Tretmühle, aber was soll ich machen? Vielleicht alles hinschmeißen
und Arbeitslosenunterstützung beziehen? Du kannst halt nichts daran ändern . . ."

Irgendwann wollte ich etwas anderes hören, als diese ohnmächtige Resignation, die
sich in die Verhältnisse schickt - und Menschen dazu bringt, sich von den Verhältnissen
zerbrechen zu lassen. Ich ging auf Reisen, ich fuhr durch die Bundesrepublik, hungrig
nach Menschen, die nicht von Resignation und dumpfem Dahinsterben im Alltagstrott
erzählen würden, sondern von der Möglichkeit, auszubrechen aus erdrückenden
Strukturen. Kann ich von ihnen lernen? Und wenn ich von ihnen lernen kann - was
kann ich lernen?

Fünf Monate lang bin ich kreuz und quer durch die Bundesrepublik gereist, mit dem
Auto, der Bundesbahn, dem Flugzeug bin ich unterwegs gewesen auf der Suche
nach Veränderung. Ich reiste nicht mit der blauen Blume der Romantik im Gepäck,
sondern mit dem Cassette-Corder Sony TC 150 B und dem Mikrophon Sony ECM 150.
In einer anomischen Gesellschaft sind Warenzeichen und Typenbezeichnungen
Signale, die Sachverhalte deutlicher machen können, in diesem Falle können sie
zusätzlich meine Erfahrung zur Sprache bringen, daß erste Gesprächspartner, die bei
Vorgesprächen überraschend offen von ihrem Leben erzählt hatten, verschlossen wie
Austern wurden, als ich die große transportable Tonmaschine und das schwere
Studio-Mikrophon aufgebaut hatte, mit denen ich gewöhnlich arbeite. Den kleinen
Cassetten-Recorder, mit dem meine Gesprächsteilnehmer offensichtlich vertrauter
waren, nahmen sie meist nach einigen Minuten nicht mehr bewußt wahr.

Endlich wieder einmal saubere Luft atmen und stundenlang durch den Wald gehen
können, ohne andere Menschen zu treffen oder ein Kraftfahrzeug zu sehen!

Seit drei Tagen bin ich hier, aus der Großstadt an den Rand der Kleinstadt am Rande
der Bundesrepublik geflüchtet. Schnee liegt über der Landschaft, stundenlang bin ich
an den ersten drei Tagen durch Wälder gegangen und entlang dem Ufer des
Saalach-Sees, habe Geräusche gehört, die ich aus meiner Jugendzeit kenne und die
ich für unwiederbringlich verloren hielt. Das leise Knistern gefrorenen Schnees unter
den Schuhsohlen. Das dumpfe Poltern, das den Weg eines Schneebretts vom Gipfel
zum Tal begleitet: Augenblicke, in denen das menschliche Wesen der Natur und das
natürliche Wesen des Menschen identisch werden, bis sich Erinnerungen an Theorie,
in diesem Falle Deleuze/Guattari (1) dazwischen drängen. Ich habe nur wenige Bücher
im Gepäck, es geht mir darum, mich in Abgeschiedenheit von meiner normalen
Umgebung den Lebensgeschichten von Männern zu nähern, weil ich mehr über mein
Leben herausfinden will - und vielleicht einiges, das ich von ihnen lernen kann. Aber
kann man überhaupt durch fremde Erfahrung lernen?

(1) G. Deleuze/F. Guattari, >Anti-ödipus<, Frankfurt/Main 1974
Zur Startseite