Leseprobe aus dem Roman
"Partitura di Praga" von Franca Permezza

Trattoni schaltete das kleine Funktelefon aus, steckte es in die Manteltasche und hielt ein Taxi an. "Zur Villa Bertramka." Der Taxifahrer nickte und der Commissario stieg in das Auto.
In Prag habe ich überhaupt nichts zu suchen, meldete sich eine innere Stimme. Es ist nicht meine Aufgabe, nach mehr als zweihundert Jahren den Tod Mozarts aufzuklären. Doch, wie so oft widersprach ihr schnell eine andere Stimme.
Aus Eifersucht wurde Jiri Tomaschek gewiß nicht umgebracht, raunte sie. Und wenn man ihn wegen der Partitur ermordet hat, muß ich wissen, ob sie von der Hand Mozarts und ist oder eine wertlose Fälschung.
Trotzdem, dachte Trattoni, ich hätte gestern in Milano Malettis Sekretärin verhören müssen. Das muß ich nachholen.
Das Taxi fuhr langsam über die Stadtautobahn, an einem Einkaufszentrum vorbei und hielt schließlich vor einer kleinen Pforte. Der Commissario zahlte, und als er hoch über sich die Gondel einer Seilbahn sah, hielt er sich seine Aktentasche über den Kopf. Inzwischen lag auf der Straße eine dünne Decke aus schmutzigem braunem Schnee. Der Commissario sah eine zweigeschossige, in gelb und weiß gestrichene Villa mit roten Dachziegeln. Vor der Fassade eine breite Terrasse, die auf beiden Seiten über eine schmale Treppe zu erreichen war. Ein Schild aus Holz wies auf die Kasse hin. Trattoni sah, daß auch in diesem kleinen Raum Tassen, Postkarten, CDs, Tage- und Notizbücher, ja sogar Bleistifte mit dem Kopf Mozarts angeboten wurden. Über solchen Kitsch ärgerte er sich auch in Venedig regelmäßig. Schmeckte eine Praline aus Pistazien-Marzipan und Nougat etwa besonders gut, wenn sie in Stanniolpapier mit dem Portrait eines toten Musikers eingewickelt war?
Trattoni bezahlte die geringe Eintrittsgebühr, ging langsam über die verschneite Treppe auf die Terrasse und trat durch eine Tür in den Eingangsbereich, wo ihn nicht nur eine Mozartbüste begrüßte, sondern auch eine alte Frau, die ihn aufforderte, die Schuhe aus- und Filzpantoffeln anzuziehen, um das Parkett zu schonen. Sie deutete auf einen Stuhl, stellte ihm ein Paar Pantoffeln hin, ließ den Commissario nicht aus den Augen und lächelte, als sie zwei Löcher sah, die Trattonis große Zehen in die Socken gerissen hatten. Er trat in das erste der kleinen Zimmer, studierte Plakate und Theaterzettel des Künstlerehepaars Duschek, bei denen Mozart bei seinen Aufenthalten in Prag zu Gast war. Auch Franz Xaver Duschek, Pianist und Klavierlehrer, hatte eine seiner Schülerinnen geheiratet, die zweiundzwanzig Jahre jüngere Sängerin Josepha Hambacher.
Trattoni - jetzt, am Nachmittag, der einzige Besucher der Gedenkstätte - ging von einem der Bilderrahmen, die Originale und Kopien Jahrhunderte alter Dokumente unter Glas schützten, zum nächsten. Er las, daß Mozart auf der Orgel des Klosters Strahov gespielt hatte, und als er in einem der Rahmen Noten für eine Szene aus Mozarts Don Giovanni sah, holte er Tomascheks Noten aus der Aktentasche und verglich die Handschriften. Das Schriftbild des Freimaureroratoriums ließ zwar deutlich erkennen, daß die Hand des Komponisten gezittert hatte, aber es glich der Handschrift Mozarts auf dem Don-Giovanni-Blatt in derartig vielen Details, daß Trattoni sich fragte, weshalb Conte Blandini die Noten Tomascheks für gefälscht gehalten hatte.
Allerdings, der Commissario wußte, daß er kein Graphologe war und der sogenannte gesunde Menschenverstand in solchen Angelegenheiten nur ein schlechter Ratgeber ist. Von Professor Pintus erwartete er ein fundierteres Urteil.
Trattoni ging von einem Zimmer in das nächste, bewunderte eine Harfe, dann ein Bassethorn, und als er das alte Cembalo sah, auf dem Wolfgang Amadeus Mozart im Palais des Grafen Nostitz gespielt hatte, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, die Tasten zu berühren. Er hatte gerade angefangen, mit einem Finger das Kinderlied Alle meine Entchen zu spielen, als er - er vermutete aus Richtung des einen Spalt weit geöffneten Fensters - kräftige Akkorde hörte, die er auf ein Klavier, wenn nicht auf einen Konzertflügel zurückführte, eindeutig Mozarts Adagio im Vier-Viertel-Takt aus dem Requiem. Der Commissario betrachtete noch nachdenklich eine Locke Mozarts, verließ dann das Zimmer, in dem das Ehepaar Mozart zuletzt 1791 übernachtet hatte, zog sich im Vorraum seine Schuhe wieder an und ging auf die Terrasse und die Treppen hinunter, immer in die Richtung, aus der die Klaviermusik kam.
Vor einer Tür im Erdgeschoß hörte er sie am lautesten, er zögerte, öffnete sie und trat in einen kleinen Konzertsaal. An einem schwarzen Flügel spielte ein langhariger junger Mann. Neben ihm stand Professor Pintus, und in der ersten Reihe saß Logenmeister Dr. Beran. Den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen lauschte er so konzentriert, daß er nicht einmal wahrnahm, daß Trattoni den Hut abnahm und sich neben ihn setzte.
Die dünnen, feingliedrigen und langen Finger des langhaarigen Pianisten glitten über die Tasten, spielten Anapestrhythmen, Triller und Triolen, denen langsame Sätze in Es-Dur folgten.
Professor Pintus blickte wie der Pianist auf die Noten, hob von Zeit zu Zeit das oberste Blatt vom Notenständer. Noch war die Musik leicht und spielerisch, suchte ein Thema, näherte sich ihm und verließ es, tändelte wieder eine Weile, ging zu einem Thema zurück, um es zu vertiefen, wurde dabei ernster und erreichte eine Breite und Tiefe, die Trattoni an einen mächtigen Strom wie die Moldau erinnerte. Sie versetzte den Commissario in nahezu feierliche Stimmung, und auch seine Gedanken wurden ruhiger und geordneter.
Er war überzeugt, den Mord an Tomaschek nahezu aufgeklärt zu haben. Der Tscheche hatte im Kloster Strahov die alten Noten gefunden und ihren Wert erkannt. In Tschechien hätte er sie nicht verkaufen können, denn der Staat wachte mit Argusaugen über sein Kulturgut. Eine Versteigerung war unmöglich. Dadurch wären die Kulturbehörden auf ihn aufmerksam geworden. Er konnte die Partitur nur an einen reichen Sammler verkaufen, aber den mußte er erst finden.
Wäre der Tscheche erfahrener gewesen, hätte er sich unauffällig in der Sammlerszene umgesehen und die Blätter in Paris, London, New York, Chicago oder sogar Wien an den Mann zu bringen versucht.
Tomaschek hatte an solche Möglichkeiten entweder nicht gedacht oder der damit verbundene Aufwand hätte seine wirtschaftlichen Verhältnisse überfordert. Er war in die Stadt gereist, in der er lange gelebt hatte, deren Sprache er beherrschte und mit der er vertraut war. Dort hatte er sich vermutlich zuerst an Bianca Maletti gewandt, deren Mann ihn höchstwahrscheinlich umgebracht hatte. Die Sekretärin des Antiquitätenhändlers würde vermutlich behaupten, der hätte die Nacht mit ihr verbracht, doch die meisten Frauen lügen für ihren Geliebten. Daß ihr Mietwagen nachts auf der Autobahn zwischen Mailand und Venedig angehalten wurde, bewies allein noch nichts. Es rechtfertigte noch keine Festnahme, aber zumindest weitere Verhöre, bei denen sich das Ehepaar Maletti und die Sekretärin des Antiquitätenhändlers möglicherweise in Widersprüche verwickelten oder einer der Verdächtigen den Druck eines Verhörs nicht länger aushielt und ein Geständnis ablegte.
Ja, dachte der Commissario. Das macht Sinn. Es erklärt auch die Unordnung im Apartment. Tomaschek hatte das Original der Partitur nach Venedig mitgebracht, und der oder die Mörder haben sie gesucht. Unter die Brücke haben sie die Leiche nur gehängt, um mich in die Irre zu führen. Sie wollten den Verdacht auf Freimaurer lenken, damit ich den Mörder unter denen suche.
Der langhaarige Pianist spielte inzwischen in hellem C-Dur, der glasklaren Tonart ohne Alterierung, dem stilles, ergriffenes, nahezu andächtiges C-Moll folgte, bis die Musik abriß, bis sie so plötzlich und unerwartet endete wie das Leben des Tschechen und der junge Mann am Flügel die Hände in den Schoß legte und mit geschlossenen Augen in sich zusammensank. Er blieb noch einen Augenblick erschöpft auf dem Hocker vor dem Flügel sitzen, stand schließlich auf, nickte kurz und ging langsam aus dem Konzertsaal.
Professor Pintus legte die Noten zusammen und wandte sich zuerst an den Meister vom Stuhl. Er habe immer gehofft, so sagte der Musikalische Bruder gerührt, ein begnadeter Komponist würde irgendwann den Weg vom Profanen zur Meisterschaft der höchsten Freimaurergrade in einem Kunstwerk gestalten. Er schätze Mozarts Freimaurerkantaten und habe dafür gesorgt, daß Musik aus der Zauberflöte auch in Prag für die Logenarbeit unverzichtbar wäre, aber dieses Oratorium habe seine größten Hoffnungen übertroffen.
"Wir dürfen nicht übersehen, daß wir nur das Klavier hören konnten. Die Partitur ist in sämtlichen Teilen abgeschlossen. Die Gesangsstimmen sind von einzigartiger Qualität. Der Text muß von einem Großmeister stammen. Ein Meister niedriger Grade wäre zu dieser Sicht des Lebens und Sterbens kaum fähig."
Trattoni nickte. "Hat Mozart dieses Werk geschrieben?"
Jetzt wurde Professor Pintus unsicher. "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Ein endgültiges Urteil würde ich mir ohne Untersuchung der Originale niemals anmaßen. Das Notenbild ist für mich eindeutig später Mozart." Er deutete auf eine Zeile. "Ataxie und Mikrographie und die häufigen Veränderungen des Schriftspiegels sind eindeutige Anzeichen einer Vergiftung, vermutlich ein Quecksilbertremor. Das Bild gleicht verblüffend seiner Kleinen Freimaurer-Kantate aus dem Jahre 1791. Die ersten achtzig Takte des Oratoriums entsprechen denen im Requiem. Das mindert aber den Rang beider Arbeiten nicht. Mozart hat nicht selten Motive aus einem Werk verändert in ein anderes übernommen. Das Autograph dieser Partitur ist unbezahlbar."
"So genau will das unser Freund aus Venedig vermutlich gar nicht wissen", unterbrach Dr. Beran den Musikalischen Bruder und blickte Trattoni an. "Der materielle Wert von Noten interessiert mich nicht. Mir geht es allein um den geistigen Inhalt eines Kunstwerks, der nicht von Namen und Rang seines Urhebers bestimmt wird. Ich frage mich lediglich, wer dieses bedeutende Werk zweihundert Jahre der Welt vorenthalten hat. Können Sie uns wenigstens verraten, wie sie in seinen Besitz gelangt sind und in wessen Händen sich das Autograph befindet?"
Trattoni zögerte. "Nein. Bei mir wurde lediglich die Kopie als Fundsache abgeliefert. Ob die Handschrift noch existiert, ist mir nicht bekannt. Mein Vorgesetzter weiß nichts von meinem Besuch bei Ihnen. Wenn Sie mir versprechen, darüber Stillschweigen zu bewahren, überlasse ich Ihnen diese Noten. Ich kann sie weder lesen, noch sammele ich solche Sachen. Abgesehen davon - der Titel der Partitur läßt erkennen, für wen sie bestimmt war."
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