Prag im Schnee
oder
Franca Permezzas Trennung vom Europa Verlag

"Sag mal, einzig wahrer Übersetzer", murmelte Franca Permezza, während wir vom Hradschin aus über Prag blickten. "Was ist eigentlich im Europa Verlag los? Wieso hat sich mein großartiger Verleger Vito von Eichborn dort verabschiedet?"
"Das weiß ich nicht. Vermutlich wollte er mal etwas anderes machen. So stand es jedenfalls in der Fachpresse."
In diesem Augenblick begannen kleine Schneeflocken vom Himmel zu rieseln. Es dauerte nicht lange, bis die Dächer aussahen, als hätte jemand sie mit Puderzucker bestreut.
"Schade", sagte Franca. "Wer schafft schon für den Erstling einer jungen Autorin so viel Pressecho und muß nach einer Startauflage von 5000 Exemplare schon nach ein paar Wochen die zweite Auflage drucken lassen?"
"Nur ein sehr gutes Team", sagte ich. "An Deiner Stelle würde ich auch Deinen zweiten Roman dort veröffentlichen."
Inzwischen fiel der Schnee so dicht, daß sich Franca die Kapuze ihres Mantels über den Kopf stülpte. "Das wollte ich auch", sagte sie traurig. "Das Buch sollte im Januar im Europa Verlag erscheinen. Doch dort gibt es so viele Probleme... Na ja. Ich habe zwar sieben Monate an diesem Roman gearbeitet, aber mein Vertrauen in dieses Unternehmen ist erschöpft. Ich habe sämtliche Verträge dort gekündigt."
Wir gingen langsam vom Hradschin zur Karlsbrücke, wo die Souvernirhändler ihre Waren längst mit Plastikfolie abgedeckt hatten. Über die Moldau wehte ein eiskalter Wind. Plötzlich blieb Franca vor einer Statue des Heiligen Nepomuk stehen. "Leicht fällt mir der Abschied von einem Partner nie", sagte sie leise. "Doch mein Vater war ein erfahrener Großkaufmann, und ich habe viel von ihm gelernt. Besser ein Ende mit Schrecken, hat er immer gesagt, als ein Schrecken ohne Ende. Vito von Eichborn ist jetzt Literaturagent. Ihm wird schon etwas einfallen."
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