Leseprobe aus
"Der einzig wahre Schauspielführer"
FAUST 1
Nach dem Vorspiel, bei dem sich (wie üblich) Autor, Schau spieler und Regisseur streiten, wie das Stück aufgeführt wer den sollte, setzt sich der Regisseur einmal mehr durch, und
das Drama beginnt in einer Art Laboratorium. Dort sitzt der Natur- und Geisteswissenschaftler Heinrich Faust und erklärt seinem Assistenten Wagner, daß er nicht mehr weiterkommt mit seinen Forschungen. Als echter Generalist hat er seine Tätigkeit auf alle Gebiete ausgedehnt und ist auch auf allen Gebieten gescheitert - vermutlich hat man ihm deshalb den Forschungsetat zusammengestrichen. Da es amerikanische Universitäten, zu denen solche hochbegabten Leute heute gewöhnlich abwandern, noch nicht gibt, will sich
Faust umbringen. Die Osterglocken läuten aber, Faust guckt neugierig aus dem Fenster und bemerkt zu seiner Verblüffung, daß es in Deutschland ausnahmsweise nicht regnet. Er
riskiert einen Spaziergang, und der stimmt ihn um. Stiefmütterchen, Primeln und vor allem Narzissen blühen, und da will er noch nicht sterben. Er beginnt mit einer neuen Übersetzung des Johannes-Evangeliums, und dabei kriegt er prompt wieder Depressionen. Da kommt ihn Mephisto besuchen, ein intelligenter und welterfahrener Drogendealer. Der hat so viel Schnee, daß er sich sogar im Gesicht damit pudern kann. Die beiden plaudern über Gott und die Welt. Dann merkt Mephisto, wie schlecht Faust drauf ist, und spendiert ihm ein leichtes Barbiturat.

Als der Gelehrte wieder halbwegs wach und entspannt ist, schließen die beiden einen Vertrag. Faust soll mit seinen Forschungen aufhören, Mephisto will für jede Menge Action
und Drogen sorgen. Sofort wirft Faust LSD ein und erlebt in Auerbachs Keller seinen ersten Trip, bei dem er die schöne Helena zu sehen glaubt und sich, typisch für LSD, wesentlich
verjüngt fühlt. Nach dem Trip treffen die beiden zufällig Gretchen. Obwohl die ein schlichtes Gemüt ohne jede Drogenerfahrung ist, fährt Faust voll auf sie ab. Der Realist Mephisto versucht, die einfältige Schöne mit Hilfe eines kostspieligen Schmuckstücks für ihn rumzukriegen, und das stiftet Gretchens noch einfältigere Mutter tatsächlich der Kirche.
Doch dann bedarf es des Schmuckstücks überhaupt nicht. Gretchens Nachbarin, Marthe Schwerdtlein, ist Mephisto so gewogen, daß sie ihren Garten bereitwillig zum Kontakthof
umfunktioniert. Dort läßt sich Gretchen sofort von Faust küssen. Jetzt möchte Faust Mephisto loswerden, aber er braucht ihn noch, um Gretchens mißtrauische Mutter ruhigzustellen.
Die leidet unter Schlaflosigkeit. Mephisto hilft wieder mit einem Downer aus. Die alte Frau hat leider keine Drogenerfahrung und stirbt an einer Überdosis. Gretchens Bruder hält
Mephistos Dosierungsfehler für vorsätzlichen Mord und will ihm ans Leder. Obwohl Mephisto eindeutig in Notwehr handelt und ihn nur deshalb umbringt, müssen Faust und er fliehen. Gretchen hat in der Kirche erste Entzugserscheinungen. "Nachbarin! Euer Flaschen." ruft sie verzweifelt, aber weil da nur Parfüm drin ist, fällt sie in Ohnmacht.

Faust ist als Gelehrter dem wirklichen Leben so wenig gewachsen, daß er schon nach zwei Todesfällen, an denen er juristisch völlig unschuldig ist, die Nerven verliert und Depressionen bekommt. Wieder will ihn sein Freund Mephisto aulheitern. Er füllt ihn bis über beide Ohren mit Coke und nimmt ihn zum Brocken in eine Spitzen-Disco mit, wo wirklich endlich mal was los ist, aber das hilft nichts.

Faust will zu seinem Gretchen. Die sitzt inzwischen im Knast. Frei von jeglicher Kenntnis der Empfängnisverhütung hat sie ein Kind geboren und es sofort nach der Geburt
umgebracht. Faust und Mephisto wollen sie aus der Zelle befreien. Da erweist sich, daß Gretchen nicht nur als schlicht und einfach dumm gelten muß, sondern es stellt sich heraus, daß sie echt geistesgestört ist: Sie gibt Faust die Schuld an der insgesamt wohl als mißglückt zu betrachtenden Beziehung und schreit: "Heinrich, mir graut's vor dir!"

Kurztext für Nervöse: Deutscher Hochschulgelehrter bewältigt mit Psychopharmaka erfolgreich Midlife-crisis.

Für Gebildete: Goethe bastelte fast das ganze Leben an der alten Faust-Sage herum. Das Stück geht in einem II. Teil weiter, aber der ist so mit Philosophie überfrachtet, daß er sehr
selten und nur von sehr sadistischen Intendanten auf den Spielplan gesetzt wird.

Zitier fähiges: Bei Goethe und Schiller oft jede Menge! -Deshalb lieben wir ja unsere Klassiker so; wir treffen bei jeder Aufführung alte Bekannte wieder, können nachdenklich mit
dem Kopfnicken und uns gebildet fühlen. Hier eine Auswahl der schönsten Perlen dieses Kunstwerks: "Auf, bade, Schüler, unverdrossen / Die ird'sche Brust im Morgenrot!" - "Da
steh ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor. " - "Es erben sich Gesetz' und Recht / Wie eine ew'ge Krankheit fort." - "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie / Und grün des Lebens goldner Baum." - "Den Teufel spürt das Völkchen nie, / Und wenn er sie beim Kragen hätte." - "Uns ist ganz kannibalisch wohl / Als wie fünfhundert Säuen." - "Die Kirche hat einen guten Magen." - "Ihr Mann ist tot und läßt Sie grüßen." - "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen." - "Sucht nur die Menschen zu verwirren, / Sie zu befriedigen, ist schwer!" - "Die Botschaft hör' ich wohl / allein mir fehlt der Glaube!" - "Was man nicht
weiß, das eben brauchte man, / Und was man weiß, kann man nicht brauchen." - "Es irrt der Mensch, solang er strebt." - "Mir wird von alledem so dumm, / Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum." - Der ganze Faust ist sozusagen eine Zitat-Schuttkippe. Wer Spaß dran hat - Faust im Reclam-Bändchen kaufen und weiterlesen!
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