Leseprobe aus dem Roman
"Prosciutto di Parma" von Franca Permezza
Schon in der Nacht hatten leicht ziehende Schmerzen in beiden Kniegelenken Commissario Adriano Trattoni vor einem Tiefdruckgebiet gewarnt. Obwohl jene Sirenen, die vor acqua alta warnten, nicht geheult hatte, zog er vorsichtshalber seine Gummistiefel an, bevor er das Haus verließ. Jetzt stand er an Bord eines Vaporetto der Linea 1 das langsam über den Canal Grande knatterte und bedauerte die Touristen an Bord des Linienbootes, die in Erwartung eines sonnigen Herbsttages in die uralte Stadt gekommen waren und ungläubig zum Himmel blickten, der immer dunkler zu werden schien. Die meisten umklammerten ihren Regenschirm als befürchteten sie, er könne ihnen jeden Moment entrissen werden.
Sie sollten besser auf ihre Wertsachen achten, dachte der Commissario. Das würde uns eine Menge Arbeit ersparen. Aber wenigstens mit derlei Kleinkriminalität brauche ich mich nicht auch noch abzugeben.
Das Boot steuerte die Haltestelle Ferrovia an. Einige Fahrgäste stiegen aus und ein vielleicht sechzigjähriger Mann betrat das einem schwimmenden Omnibus ähnliche Schiff. Sobald es abgelegt hatte, schaltete er seine Digitalkamera ein und fing an, das schmutzige Wasser zu fotografieren, in dem Treibholz, leere Plastikflaschen, Pappkartons sowie unzählige Beweise der menschlichen Furcht vor Nachkommen und Aids schwammen.
Trattoni dachte daran, daß er als Kind noch im Kanal gebadet hatte und erinnerte sich an eine Bemerkung seines Assistenten.
"Warten Sie es nur ab, Commissario", hatte Vitello leise gesagt, während ein Polizeiboot sie zum Tatort eines Mordes nahe der Accademia gebracht hatte. "Wenn es so weitergeht, werden wir hier bald auf dem Wasser laufen können wie Jesus über den See Genezareth."
"Wer weiß?" hatte Trattoni geantwortet. "Vielleicht hat das Meer unsere Stadt schon vorher verschlungen."
Der Fotograf ging zur anderen Seite des Bootes und richtete seine Kamera auf die Fassaden der Palazzi an beiden Ufern, die der Vaporetto abwechselnd ansteuerte. Riva di Bassio... San Marcuola... Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren fuhr Trattoni an jedem Werktag mit der Linea 1 zur Questura und hätte die Namen der Haltestellen sogar im Tiefschlaf aufsagen können.
Es dauerte nicht lange, bis das Linienboot am Ca'd'Oro anlegte. Wie Trattoni vermutet hatte, stieg der Fotograf dort aus. Er hatte gerade den palazzo erreicht und bedrohte dessen kunstvollen gotischen Kollonaden mit der Kamera, als am Himmel ein Blitz zuckte und sich ein Wolkenbruch über der Stadt zu entladen begann.
Wie die anderen Fahrgäste flüchtete Trattoni ins Innere des Bootes, wo ein dunkelhäutiger junger Mann das Gedränge sofort zu nutzen versuchte. Der Commissario beobachtete aus den Augenwinkeln, daß der Farbige sich immer näher an ihn heranschob. Er tat so, als bemerke er nicht, daß sich dessen Hand geschickt unter seinen grauen Mantel schob, doch als sie nach seiner Brieftasche tastete, ergriff er sie mit aller Kraft und hielt sie fest. "Polizia" sagte er leise. "Sie sind festgenommen. Sie Anfänger! Könner arbeiten mit einer Rasierklinge."
Trattoni suchte das telefonino in seinen Taschen, um die Questura anzurufen. Doch da näherte sich der Vaporetto langsam der Haltestelle Ponte di Rialto. Der Dieb riß sich los, sprang mit einem mächtigen Satz über das Wasser ans Ufer und winkte dem Commissario noch höhnisch zu, bevor er in der Menge verschwand.
Ein neuer Tag bringt neue Niederlagen, dachte Trattoni während er wie die anderen Fahrgäste den Regenschirm öffnete und langsam den Vaporetto verließ. Wie immer boten auf dem Uferplatz Markthändler Obst und Gemüse feil. Vor einem Jahr noch hatte man hier auch gefälschte Rolex-Uhren, gefälschte T-shirts mit dem Medusenhaupt Versaces, - ja sogar gefälschte Romane von Donna Leon kaufen können, doch das duldete die Marktaufsicht nicht mehr.
An sonnigen Tagen liebte es Trattoni, hier die Orangen, Limonen, Zucchinis, Avocados, Auberginen sowie - schließlich liegt Venedig noch immer in Italien - jede Menge Tomaten zu bewundern, die nachts auf Lastkähnen in die Stadt gebracht wurden. Heute hatten die Händler ihre Waren mit Platikfolien abgedeckt, über die das Regenwasser in kleinen Bächen lief.
Noch immer regnete es in Strömen. Trattoni hatte sich gerade der Rialtobrücke zugewandt, als ein kräftiger Windstoß ihm den Hut vom Kopf riß, ein paar Meter weit durch die Luft trug und schließlich über dem schmutzigen Wasser losließ, wo er auf einem alten Autoreifen landete, der samt Felge langsam im Canal Grande trieb.
Ein eiskalter Schreck durchlief den Commissario. Mein Hut! Ausgerechnet dieser Hut, den mir Giulia zur Silberhochzeit geschenkt hat, als sich das Haar auf meinem Kopf zu lichten begann. Diesen Verlust wird sie mir nie verzeihen.
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