Venexias Nebel und Francas unvergleichliches Venexiano

Zugegeben, auch Venezianer können Itali­enisch sprechen, wenn sie wollen, aber sie wollen meist nicht. Mindestens bereichern sie die Sprache Dantes mit Versatzstücken, verschlucken Vor- und Nachsilben, ziehen mehrere Wörter zu einem zusammen, was die Kommunikation, jedenfalls tagsüber, erheblich erschwert.
Aus "beviamo", "laßt uns trinken", machen sie ein "bemo", das sie manchmal so aussprechen, dass es sich wie "'demo" anhört, zu dem sie das italienische "andiamo", "gehen wir", verkürzen.
Das Wörtchen "ca'" vor den Namen eines Palazzo bedeutet schlicht und einfach Haus - das italienische "casa" wird verkürzt, wäh­rend aus dem schönen italienischen "amare" für "lieben" in Venexia ein sanft gestöhntes "voler ben" wird. Sogar das italie-nische "buongiorno" verkürzt Franca zu einem schläfrigen venezi-anischen "bondi", das mit "bondage", dem Verschnüren von Maso-chisten, nichts zu tun hat.
Es liegt auf der Hand, daß es dem traduttore manchmal erhebliche Mühe bereitete, Franca zu verstehen. Es dauert eine Weile, bis man begreift, dass "anzolo", von ihr sanft gehaucht, "angelo" bedeutet, d.h. Engel. Daß sie mit "i schei", das jede echte Italienerin als "soldi" bezeichnet hätte, schlicht und einfach Geld meinte, verstand dagegen der unvergleichliche Verleger ihres ersten Kriminalromans, der großartige Vito von Eichborn, auf Anhieb. Zugegeben, Premezzas lingua franca war ebenso eine große Herausforderung für den Übersetzer, wie die Tatsache, daß sie ihren ersten Kriminalroman teilweise mit Augenbrauenstift und Lippenstift geschrieben hatte, aber auch Übersetzer wachsen mit den Aufgaben. Die Wochen im Nebel, während die Autorin mit ihm nach dem einzig wahren Begriff suchte, werden dem traduttore unvergeß­lich bleiben. Grazi, bea fia Franca.
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