Leseprobe aus dem Roman "Versetzung"
Rolf Hagen ging die Treppen zum Keller hinunter, tastete nach einem Lichtschalter.
Grelles Neonlicht zuckte auf. Rolf sah einen langen Gang, die Wände bis zur Decke
mit Regalen bedeckt. Karteitröge mit unzähligen Karteikarten. Er ging die Regalreihen
entlang. Jahrgang nach Jahrgang. Buchstaben nach Buchstaben.
Hier liegt die Arbeit von Jahrzehnten.
Er dachte an Anträge und Bewilligungen, an Eingaben und Ablehnungen, die hier im
Keller dem Zerreißwolf und dem Brennofen entgegendämmerten.
Rolf fand keine Akten aus der Zeit vor 1957.
Merkwürdig, überlegte er, irgendwo müssen doch auch die anderen Akten stehen.
Dann aber fiel ihm ein, daß Fürsorgeakten nur kurze Zeit aufbewahrt wurden.
Du hast in der Verwaltungsschule ganz schön geschlafen. Aber beim Bauamt werden
die Akten unbegrenzte Zeit aufbewahrt.
Er schauderte.
Unbegrenzte Zeit. Jahre, Jahrzehnte. Häuser können abbrennen, zerfallen, vermodern.
Ihre Eigentümer können sterben, auswandern, im Krieg umkommen. Die Akten aber
bleiben. Sie sind unvergänglich, unsterblich, absolut. Wie war es denn nach dem letzten
Krieg? Kaum krochen die Menschen aus den Kellern, gingen die Beamten zu den Plätzen,
wo sie ihre Akten untergebracht hatten und sahen nach, was übrig geblieben war. Und
dann wurde registriert und gezählt und verglichen und da wurden Listen angelegt und
wurde nachgeforscht und als feststand, welche Akten vernichtet waren, wurden Notakten
angelegt, wurden längst vergessen geglaubte Nebenakten herangezogen, wurden
mühselig aus Karteikarten Fakten ermittelt, wurden neue Akten angelegt, die den gleichen
Inhalt hatten wie die vernichteten Vorgänge, jedenfalls soweit das möglich war.
Der Mensch ist sterblich, Akten aber sind unsterblich, dachte Rolf.
Plötzlich glaubte er die Menschen zu sehen, mit denen sich die Vorgänge beschäftigten,
sah junge und alte Gesichter, greise Gesichter, die Gesichter der Frauen, die im Krieg
Fürsorgeunterstützung bezogen hatten, als ihre Männer an der Front lagen.
Rolf glaubte, daß Hände aus den Aktenbergen wuchsen, ihn zu sich ziehen, ihn in die
Akten aufnehmen wollten, um ihn zu einem Blatt Papier zu machen: grau, etwas vergilbt,
mit längst verblaßten Sütterlinschriftzügen.
Rolf rannte den Gang entlang, stolperte, fing sich wieder, erreichte die unterste Stufe,
sprang die Treppen hinauf, zwei Stufen mit einem großen Schritt. Als er Tageslicht sah,
ging er langsamer, schaltete das Licht aus, sah, daß der Pförtner schon gegangen war,
dem Nachtwächter Platz gemacht hatte. Rolf grüßte, ging am Pförtnerhaus vorbei auf
die Straße. Wärme schlug ihm entgegen, der Asphalt dampfte noch, gab die Hitze ab,
die er tagsüber in sich aufgesogen hatte.
Rolf ging die Herzogstraße entlang. Er sah, daß die Mädchen Sommerkleider trugen. Ein
Obstladen hatte Kisten auf den Bürgersteig gestellt. Rolf sah Äpfel und Tomaten, das Gelb
der Birnen.
Die Birnen kommen zeitig in diesem Jahr, dachte er, ging in den Laden, wollte ein Pfund
kaufen."Ich gebe Sie Ihnen lieber aus der Kiste hier drinnen", sagte die Verkäuferin, "die
Birnen draußen stehen schon den ganzen Tag auf der Straße. Sie sind vollgestaubt. Man
kann hier nichts draußen stehen lassen."
Rolf stellte sich den Staub vor, der Tag für Tag über der Stadt niederging, verzichtete auf
die Birnen.
"Ich lasse es doch lieber", sagte er entschuldigend, ging aus dem Laden und
sah noch, daß die Verkäuferin den Kopf schüttelte.
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