Leseprobe aus "Willkommen in der Wirklichkeit - Zwölf Erzählungen"
Meine Lederjacke aus Dakota
Auch wenn man sich das heute nur noch schwer vorstellen kann, neunzehnhundertfünfzig, als
ich dreizehn Jahre alt war, da waren wir in der DDR froh, wenn wir so viel zu essen hatten, dass
wir nicht zu hungern brauchten. Kleidung und Schuhe gab es entweder überhaupt nicht, oder
aber sie waren so teuer, dass meine Eltern nicht daran denken konnten, für mich einen neuen
Mantel zu kaufen.

Als mein Wintermantel so dünn geworden war, dass ich den eisigen Wind im Erzgebirge bis auf
die Haut spürte, schnitt meine Mutter kurzerhand zwei dicke Wolldecken in Stücke und nähte
mir einen neuen. Er machte mich dick und unförmig wie eine Tonne, aber ich fror nicht mehr.

Stolz ging ich mit ihm zum ersten Mal in die Schule. Ich betrat unsere Klasse, und es wurde ganz
still. Dann brüllten meine Klassenkameraden los. Sie hielten sich die Bäuche vor Lachen und
zeigten mit den Fingern auf mich. Zwei Tage später hatte ich einen neuen Spitznamen. Ich hieß
nicht mehr Schimpanse, weil ich einmal in der Turnstunde mit affenartiger Geschwindigkeit ein
Seil hinaufgeklettert war, sondern jetzt hieß ich Fettmoppel.

Eine Woche lang heulte ich vor Wut und hätte am liebsten den alten, dünnen Mantel wieder
angezogen, aber den hatte meine Mutter längst zu Scheuertüchern verarbeitet.

Zwei Monate später war Weihnachten, und als ich unter dem Tannenbaum meine
Weihnachtsgeschenke sah, glaubte ich, ich könnte meinen Augen nicht mehr trauen.

Ich achtete kaum auf das Mikroskop, das Vater irgendwo aufgetrieben hatte. Ich sah nicht die
Ski, die ich mir seit Jahren wünschte. Ich sah nur eine Lederjacke. Sie war schwarz und an den
Ärmeln abgeschabt. Ich zog sie an, und sie war mindestens zwei Nummern zu groß für mich,
aber als ich sie zugeknöpft hatte, fiel ich meinen Eltern vor Freude um den Hals.

"Onkel Ernst aus Dakota hat ein Weihnachtspaket geschickt", sagte meine Mutter und zeigte
auf eine Tafel Schokolade, die auf meinem Weihnachtsteller neben Walnüssen und
Pfefferkuchen lag, richtige Schokolade aus Amerika, die zusammen mit der alten Lederjacke in
einem Paket in einem Frachtschiff über den Atlantik geschwommen war, weil mir ein Onkel, den
ich niemals gesehen hatte, ein Geschenk machen wollte.

Ich habe damals die Schokolade zwei Monate nicht zu essen gewagt, weil ich das schöne,
bunt bedruckte Papier nicht zerreißen wollte. Doch nach den Weihnachtsferien ging ich stolz in
meiner neuen Lederjacke in die Schule. Wieder war es still in der Klasse, aber diesmal lachte
keiner.

Dafür kam unser Klassensprecher in der großen Pause zu mir. "Ich finde es gar nicht gut, wenn
du in Nazi-Klamotten in die Schule kommst! Sag deinen Eltern, sie sollen die Jacke wenigstens
färben!"

"Wieso Nazi-Klamotten?" fragte ich. "Die Jacke ist aus Amerika!"

"Red keinen Quatsch!" sagte der Klassensprecher. "Das sieht man doch auf dreißig Meter
Entfernung. Das ist ein Mantel von der Waffen-SS, den man abgeschnitten hat!"

"Du bist verrückt, Rolf!" sagte ich. "Ich würde nie eine SS-Jacke anziehen. Die Nazis haben
meinen Vater ins Konzentrationslager gebracht, weil er einen Witz über Hitler erzählt hat!"

Darauf wußte unser Klassensprecher nichts zu antworten, aber ich hatte einen neuen
Spitznamen. Himmler hieß ich jetzt für meine Klassenkameraden.

"Himmler, laß mich mal die letzte Aufgabe abschreiben!" flüsterten sie während der Mathearbeit.
"Himmler, hast du ein Butterbrot für mich?" bettelten sie in der Pause.

Drei Wochen später suchte ich in meinem Kleiderschrank verzweifelt nach dem Mantel aus
Wolldecken, aber den hatte meine Mutter längst wieder zerschnitten und umgearbeitet. Er war
inzwischen der Skianzug meines jüngeren Bruders.

Ein Jahr später packten meine Eltern die Koffer und sagten, wir würden in Urlaub fahren. Wir
fuhren aber nicht in Urlaub, sondern nach Westberlin, wo wir in einem Flüchtlingslager fast ein
Jahr lang darauf warteten, in die Bundesrepublik fliegen zu dürfen. Mein Mikroskop war wie
meine Ski in der DDR geblieben, aber wenigstens meine Lederjacke hatte ich mitnehmen dürfen.

Als ich in ihr das erste Mal in meine neue Schule ging, die jetzt in Westberlin lag und nicht
Ernst-Thälmann-Schule, sondern Schiller-Gymnasium hieß, hatte ich die Taschen voll amerikanischer
Schokolade, und drei Wochen später bekam ich wieder einen anderen Spitznamen.

Zorro hieß ich jetzt, aber dieses Zorro klang nicht mehr höhnisch, sondern eher bewundernd.
Ich fand neue Freunde, von denen ich mich ein Jahr später verabschieden mußte, als wir
endlich in die Bundesrepublik fliegen durften. Zuerst in ein Flüchtlingslager nach Hamburg.

Ich wurde älter und schoß in die Höhe. Längst waren mir alle Hosen zu kurz, aber meine
Lederjacke paßte mir immer besser.

"Rock Around The Clock", sang Bill Haley mit seiner Schmalzlocke auf der Stirn in der Hamburger
Ernst-Merck-Halle, und ich klebte mir meine schwarzen Haare mit Brisk-Fett an den Kopf, trug
Ringelsocken und Schuhe mit dicker Kreppsohle. Bei meinen Freunden war meine Lederjacke
nach wie vor "einsame Klasse", aber bei meinen Vorgesetzten im Sozialamt, wo ich wenig
später als Lehrling arbeitete, hatten wir beide, meine Lederjacke und ich, es mal wieder schwer.
Jetzt war die Jacke eine Halbstarkenjacke.

"Du kannst hier nicht in deiner Halbstarkenkluft im Büro sitzen", sagte mein Abteilungsleiter.
"Was macht denn das für einen Eindruck auf das Publikum!"

Mittlerweile war ich noch älter geworden, und meine Jacke paßte mir, als wäre sie
maßgeschneidert. "In meinem Lehrvertrag steht nirgends was von einem Lederjackenverbot!"
erklärte ich dem Abteilungsleiter, der sich dafür in der nächsten Beurteilung revanchierte.
"Typischer Halbstarker", schrieb er. "Zur weiteren Berufsausbildung kaum geeignet."

Wie durch ein Wunder bestand ich trotzdem die Lehrabschlußprüfung, da war die Jacke
längst zur Rockerjacke geworden, und als sich ein Mädchen schämte, mit mir zu tanzen, wenn
ich die Rockerjacke anhatte, trennte ich mich nicht von der Jacke, sondern von dem Mädchen.
Als dieses Mädchen einen Jungen heiratete, der im dunkelblauen Anzug mit ihr über das
Parkett in der Tanzschule geschwebt war, hatte sich meine Jacke längst in eine Westernjacke
verwandelt, die mir den Spitznamen Django eingebracht hatte, aber ich hatte von meiner Jacke
schon so viel gelernt, dass ich mich nicht mehr darum kümmerte, was man von uns beiden hielt.

Inzwischen bin ich neunundvierzig Jahre alt, und meine Jacke und ich, wir beide haben viel
erlebt. Ich bekomme die ersten grauen Haare, und meine schwarze Lederjacke, die man in
Frankreich für eine Existentialisten-Jacke, in Italien für eine Neofaschisten-Jacke, in Kalifornien
aber für die Jacke eines russischen Kommissars hielt, ist inzwischen sehr dünn und abgewetzt.
Ich würde mich für nichts auf der Welt von ihr trennen.

"Eh, Opa, laß die Jacke rüberkommen, die paßt zu mir viel besser als zu dir!" schrie mir neulich
in Köln ein Punk ins rechte Ohr.

"Ihre Antik-Lederjacke muß aber sehr teuer gewesen sein!" sagte eine halbe Stunde später ein
Fernsehredakteur im Kölner Funkhaus zu mir.

Klar, dass weder der Fernsehredakteur noch der Punk eine Antwort bekam. Was hätte ich ihnen
auch sagen sollen?
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